Der Schweizer Bücherfrühling
Allzu Üppiges ist nicht zu erwarten: Martin Suter legt seinen dritten Psychothriller vor, Hanna Johansen rollt eine deutsche Familiengeschichte auf, Hugo Loetscher veröffentlicht alte und neue Erzählungen.
Gleich fünfzig Tage Blackout hat der Journalist Fabio Rossi in Martin Suters «Ein perfekter Freund». Amnesien solchen Ausmasses sind natürlich einem Thriller ungemein zuträglich. Suters neues Buch jedenfalls ist zwar nicht besser, sicherlich aber spannender als seine preisgekrönten Bestseller «Small World» und «Die dunkle Seite des Mondes».
Solide Werte…
Auch Hanna Johansen arbeitet mit Gedächtnis und Enthüllung. In «Lena» memoriert eine Neunundsiebzigjährige für ihre Nichte die Sippengeschichte samt sensiblem Familiengeheimnis.
Eine verletzte Seele, die Brände stiftet, steht zum dritten Mal im Mittelpunkt eines Buches von Mariella Mehr: «Angeklagt» ist der rauschhafte Monolog einer Serienkillerin vor der Gerichtspsychologin.
Zu den soliden Werten des Literaturbetriebs gehört der Routinier Lukas Hartmann, der in «Die Tochter des Jägers» von Vivienne von Wattenwyl erzählt, die sich im frühen 20. Jahrhundert als Grosswildjägerin betätigt.
In Jürg Aklins neuem Werk «Defekt» bleibt wie in allen seinen Büchern jemand hängen: Nach dem «Känguruhmann», der nicht aus dem Mutterbauch schlüpfen will und dem «Tangopaar», das per Scheidenkrampf zusammenhielt, bleibt diesmal ein Mann ausgerechnet mit seiner Seelenklempnerin im Lift stecken.
…erwachende Talente…
Sieben Jahre sind vergangen, seit Christine Rinderknecht mit ihrem Début-Erzählband «Bruchstein und Backstein» einen unerwarteten Achtungserfolg bei den Kritikern landete. Mit «Ein Löffel in der Luft», der Geschichte einer Kindheit in den 50ern und 60ern, versucht sie einzulösen, was sie versprochen hat.
Ein grosses Talent – allerdings in der stets unterbeachteten Gattung Lyrik – ist die Frauenfelderin Tania Kummer. Sie legt mit «unverbindlich» ihr zweites Buch vor («Wir sind jung/ oder würden es gerne bleiben/ ständig pleite/ koste es was es wolle/ wo wir sind/ ist keiner mehr/ die jahre sind auch gegangen…»).
…und einer für alle
Wem Lyrik zu «schwierig» ist, der kann auf das eben erschienene Werk «Reden ist immerhin Silber» von Bernard Thurnheer zurückgreifen. Das Erstaunlichste an den Texten des notorischen Schnell- und Vielredners ist ihre Kürze.
Der leidenschaftliche Zitatensammler hat sich von einzelnen Aussprüchen zu kleinen Essays über berufliche und private Erlebnisse und Erkenntnisse inspirieren lassen. Über dem Vorwort steht beispielsweise: «Dieses Zitat stammt nicht von mir. Noch nicht.»
Alternative: Grass, Irving und Reprints
Aus der Masse der nichtschweizerischen deutschsprachigen Literatur sind mindestens zwei Werke als Bestseller gesetzt: Günter Grass‘ Novelle «Im Krebsgang» und John Irvings Roman «Die vierte Hand».
«Im Krebsgang» erzählt vom grössten Schiffsunglück aller Zeiten, der Versenkung der «Gustloff» 1945. «Die vierte Hand», Irvings bisher bizarrstes Buch, spielt mit der Idee, dass eine transplantierte Hand ein einstiges Liebesobjekt auch dann erkennt, wenn sie an einem fremden Körper hängt.
Eine gute Alternative zur Schweizer Saisonliteratur sind auch Reprints. In diesem Frühling sind sie besonders zahlreich. Am wichtigsten: Steidl hat den berühmten, seit Jahren vergriffenen Schelmenroman «Unschlecht» des Rapperswilers Gerold Späth neu herausgebracht.
Ausserdem widmet der Ammann Verlag Hermann Burger, der am 9. Juli 60 Jahre alt würde, einen Doppelband mit den Erzählsammlungen «Diabelli» und «Blankenburg».
swissinfo und Agenturen
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