Elia, Francesco und Karin aus Bosco Gurin
Bosco Gurin ist eine real existierende Postkartenidylle. Da es im Walserdorf mittlerweile viel mehr Touristen als Einwohner hat, besuchen nur noch drei Kinder die Primarschule. Die Tessiner Regierung will die Schule trotzdem nicht schliessen.
Rund zwanzig Interessierte bewarben sich diesen Sommer um die Stelle. Bekommen hat den Job schliesslich die 21-jährige Alma Pedretti. Nun ist sie Primarschul-Lehrerin in Bosco Gurin und hat die Aufgabe, Elia (7), Francesco (8) und Karin (10) auf den Ernst des Lebens vorzubereiten.
Der bisherigen Lehrerin wurde die Welt im 1’500 Meter hoch gelegenen Walserdorf nach vierjähriger Tätigkeit zu klein. Ihre Vorgängerin habe sich nach einer Klasse gesehnt, mit der man auch einmal eine Gruppenarbeit machen könne, erzählt Alma Pedretti.
Bosco Gurin verlassen? Elia und Karin schütteln den Kopf. «Mir gefällt es hier, weil es im Sommer nicht so heiss ist wie im Tal», sagt der Knabe. «Zudem herrscht hier nicht so ein Chaos», ergänzt das Mädchen. Francesco hingegen möchte hinaus in die grosse weite Welt: «Ich sehe immer nur die gleichen Kinder. Ich möchte mehr Spielkameraden haben.»
Isolation als Gefahr
Alma Pedretti hat in Bosco eine Einzimmer-Wohnung gemietet. Ihr macht die Einsamkeit nichts aus, schliesslich hat sie viel zu tun: «Ich muss den Lehrstoff für drei verschiedene Stufen zusammenstellen. Da ich neu bin, muss ich bei Null anfangen.»
Die «Maestra» ist sich aber bewusst, dass die Isolation in der Bergwelt Gefahren birgt. Die Schule erhält deshalb schon bald einen Internetanschluss, damit sich die Kinder mit Gleichaltrigen aus anderen Regionen austauschen können.
Über Pokémons oder Digimons werden sie aber wohl kaum diskutieren. Denn diese Spielzeuge sind in der Mini-Klasse verpönt. «Ich war erstaunt, wie wenig es braucht, bis die Kinder hier zufrieden sind», erzählt Alma Pedretti. «Sie leben in einer einfachen Welt. Ein Spielzeugbagger, ein paar Steine – und schon können sie sich bestens beschäftigen.»
Elia, Francesco und Karin stören sich auch nicht daran, dass sie noch bis Ende Oktober im Keller eines Hotels zur Schule gehen müssen. Denn im Schulhaus findet derzeit eine Ausstellung über das Leben und Werk von Hans Tomamichel statt. Der Künstler gilt als der berühmteste Bewohner des Bergdorfes.
Deutsch: vom Aussterben bedroht
Tradition wird in Bosco Gurin gross geschrieben. Zwei Stunden Deutsch pro Woche stehen auf dem Stundenplan. Der Gemeinderat will das so. Denn Bosco ist eine Enklave, der einzige Ort im Tessin, in dem die Bevölkerung deutsch spricht. Oder besser gesagt: sprach. Denn das «Gurinertitsch» der Walser wird nur noch von ganz wenigen Einheimischen gepflegt.
Für den Deutschunterricht ist Peter, der Vater von Francesco, verantwortlich. Der Landwirt ist sich der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens bewusst: «Ich bringe den Kindern ein paar Brocken Deutsch bei. Zu mehr reicht die Zeit nicht.» Die Walsersprache könne eh nur innerhalb der Familie weitergegeben werden. Elia ist der einzige Schüler, der zu Hause ab und zu Gurinerdeutsch spricht.
Hat die Schule eine Zukunft?
Für die Guriner ist die Zukunft verständlicherweise wichtiger als die Vergangenheit. Dass die Kinder im Bergdorf in die Primarschule gehen können, ist nicht selbstverständlich. Wenn weniger als sechs schulpflichtige Kinder vorhanden sind, entscheidet die Regierung, ob eine Schule geschlossen wird oder nicht.
Eros Nessi, Schulinspektor der Region Locarno, sagt, man halte an der «Scuola elementare» von Bosco Gurin fest, um die Vitalität im Dorf zu erhalten und den Kindern einen weiten Schulweg zu ersparen. Im Schuljahr 2003/04, hofft Nessi, könnten dann allenfalls wieder sechs Kinder vorhanden sein.
Die nächste Schule ist zwanzig Kilometer entfernt
Der Kanton sei bestrebt, die höchstgelegene Siedlung des Tessins nicht für ihre Abgeschiedenheit zu bestrafen, fügt Nessi an. Aber: «Manchmal geht es nicht anders. Dann muss man eine Schule halt schliessen. So weh das tut.» Für die Guriner Kinder würde das bedeuten, dass sie im zwanzig Kilometer und unzählige Kurven entfernten Cevio zur Schule müssten.
Die Walser wanderten vor runde 750 Jahren aus dem Pomatt, das heute zu Italien gehört, ins Rovanatal aus, um das wilde, unbewohnte Bergland urbar zu machen. Ihre jungen Nachfahren wären wohl nicht unglücklich, wenn sie auch in Zukunft auf die tägliche Wanderung in die Talebene verzichten könnten.
swissinfo und Omar Gisler (sda)
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