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Marthaler bleibt – vorläufig

Christoph Marthaler (links) und Zürichs Stadtpräsident Elmar Ledergerber verkünden die frohe Botschaft. swissinfo.ch

Christoph Marthaler, umstrittener Intendant des Zürcher Schauspielhauses, erhält eine Bewährungsfrist und bleibt zunächst bis 2004 auf seinem Posten.

Der Schauspielhaus-Verwaltungsrat gab am Montag diese Entscheidung bekannt.

Allerdings wurde der Regisseur zum Sparen und zur deutlichen Erhöhung der Besucherzahlen verpflichtet. Eine 5. Spielzeit wollen Marthaler und der Verwaltungsrat vom Publikumserfolg abhängig machen. Eine Entscheidung darüber soll im Frühjahr 2003 fallen.

Entrüstete Theaterwelt, entferntes Publikum

Damit ist die Kündigung Marthalers zum Ende der laufenden Spielzeit hinfällig. Wegen mangelnder Zuschauerresonanz war Anfang September überraschend der im Jahr 2000 mit dem Regisseur geschlossene Fünf-Jahres-Vertrag aufgelöst worden. Andererseits hatte wenige Tage zuvor die Zeitschrift «Theater Heute» das Schauspielhaus zum zweiten Mal in Folge zum «Theater des Jahres» im deutschsprachigen Raum gekürt.

Anfang Juni hatten die Zürcher bei einer Volksabstimmung für höhere Subventionen für das Haus votiert. Der Rauswurf Marthalers hat dann einen Sturm der Entrüstung in der deutschsprachigen Theaterwelt ausgelöst.

Von sich aus einen Schlussstrich…

«Es gab wunderschöne andere Angebote», betonte Marthaler, «aber ich bleibe hier», fuhr er sichtlich erleichtert fort. Er habe am Schauspielhaus vor zwei Jahren einen absoluten Neuanfang begonnen, der Zeit brauche. Das Publikum sei verständlicherweise verunsichert.

«Man kann aber nur das Theater machen, von dem man überzeugt ist», meinte er. Keinen Zweifel liess er daran, dass er von sich aus einen Schlussstrich ziehen werde, wenn seine Arbeit bei den Zuschauern nicht ankomme. «Wir machen Theater für Zürich», beteuerte er.

Sparen, sparen, sparen…

Verwaltungsratspräsident Peter Nobel mahnte zudem eine bessere Organisationsstruktur der Bühne an. Die für 2003/2004 erwartete Finanzierungslücke von vier Millionen Franken werde durch Einsparungen von 1,8 Millionen Franken sowie weitere Subventionen geschlossen. Die Gastspiele sollen eingeschränkt werden.

Bereits in der laufenden Spielzeit ist der Spielplan zusammengestrichen worden. Die Besucherzahlen waren seit Beginn der Ära Marthaler drastisch eingebrochen. Dem Ziel von 230’000 Besuchern pro Saison stünden heute 100’000 Zuschauern gegenüber, sagte Stadtpräsident Elmar Ledergerber.

Auch Schiffbauhalle kein Magnet

Die Zahl der Abonnements verringerte sich von fast 4900 auf 3300. Die Auslastung der Hauptbühne im Pfauen ging von 65 Prozent 2000 auf 47 Prozent in der vergangenen Spielzeit zurück. Vergleichbare Theater wie Deutsche Schauspielhaus oder das Thalia-Theater, beide in Hamburg, wiesen mit 58 resp. 63 Prozent weit höhere Quoten auf. Auch die Schiffbauhalle als Theateralternative wurde nicht, wie erwartet, zum Magnet für das junge Publikum.

Rücktritte

Zusammen mit den Verwaltungsräten Peter von Matt, Ellen Ringier und Daniel Härri tritt dessen Präsident, Peter Nobel, auf die Generalversammlung von Ende Januar 2003 zurück. Peter Nobel sagte auch, «Verkalkungsrat» sei zwar noch die netteste Bezeichnung gewesen, die ihm nach der Kündigung Marthalers angehängt worden sei. Sein Rücktritt gründe jedoch nicht auf die öffentliche Kritik, sondern auf die zu grosse zeitliche Belastung.

Komitee reagiert erfreut

«Jetzt kann die Kunst beweisen, dass sie das Vertrauen des Verwaltungsrats verdient,» sagte der Schriftsteller Adolf Muschg, Mitinitiant des Marthaler-Unterstützungskomitees. «Marthaler wird sich als guter Entfesselungskünstler erweisen», meinte Muschg weiter. Das Komitee wird in den nächsten Tagen mehrere zehntausend Franken, die es gesammelt hat, dem Schauspielhaus überweisen.


swissinfo und Agenturen

Der Verwaltungsrat des Zürcher Schauspielhauses belässt den umstrittenen künstlerischen Direktor Christoph Marthaler bis 2004 im Amt.
Sparen und mehr Publikum sollen den Betrieb wieder rentabler machen.

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