Sammler Sigg verteidigt umstrittenes Kunstwerk
Gehört ein Kunstwerk mit einem menschlichen Fötus in eine Ausstellung oder nicht? swissinfo sprach darüber mit Sammler und Besitzer Uli Sigg.
Das Berner Kunstmuseum hat das Werk eines chinesischen Künstlers nach Klagen vorderhand zurückgezogen und veranstaltet nun ein Symposium über Fragen zu Kunst und Ethik.
Die in der Berner «Mahjong»-Ausstellung gezeigten 300 Exponate chinesischer Gegenwartskunst stammen aus dem Besitz von Uli Sigg, dem ehemaligen Botschafter der Schweiz in Peking. Im fraglichen Werk «Ruan» hat der Künstler Xuan Yu dem Körper einer Möwe den Kopf eines menschlichen Fötus aufgesetzt.
Das Kunstwerk sei schon an der Biennale 1999 in Venedig ausgestellt gewesen, sagt Sigg – ohne eine Kontroverse ausgelöst zu haben. Nach den Diskussionen und einer massiven Drohung hat das Kunstmuseum Bern das Exponat entfernt, aber nur temporär.
Das Haus hat für Montagabend eine Expertenrunde eingeladen, die über ethische Grenzen in der Kunst diskutieren wird. Anschliessend will das Museum entscheiden, ob das Exponat wieder ausgestellt wird.
Ins Rollen gebracht hatte die Angelegenheit ein Lokalpolitiker der rechtsnationalistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) aus dem Kanton Wallis.
Der Verfechter eines absoluten Abtreibungsverbotes hat gegen das Museum, den Künstler sowie Sammler Sigg Klage eingereicht. Das Berner Museum seinerseits hat mit einer Gegenklage reagiert.
swissinfo: Sind Sie über die Kontroverse über die Ausstellung überrascht?
Uli Sigg: Ja, weil das Werk bereits mehrere Male ausgestellt wurde, ohne eine Reaktion zu provozieren. Tausende haben es gesehen, ohne dass sich jemand über Form oder Inhalt beschwert hat. In Bern ist dies durch ein Individuum geschehen. Ich sehe es als Reaktion eines Einzelnen.
Natürlich ist es ein kontroverses Werk, das Diskussionen auslöst. Das ist schliesslich auch sein Zweck. Aber dagegen zu Klagen, und dies mit falschen Angaben an die Öffentlichkeit zu tragen, liegt für mich ausserhalb dessen, was ich als Reagieren auf ein Kunstwerk bezeichnen würde.
swissinfo: Hat die Klage Chancen auf Erfolg?
U.S.: Ich sehe dafür keinen Grund. Sie basiert nicht auf einem gesetzlichen Urteil. Es ist nur ein subjektiver, persönlicher und moralischer Standpunkt.
swissinfo: War es richtig, das Exponat aus der Ausstellung zu entfernen, zumindest temporär?
U.S.: Darüber haben wir viel diskutiert. Weil das Museum für seine Ausstellungen verantwortlich ist, liegt die Entscheidung bei ihm. Ich habe aber Verständnis für den Entscheid der Verantwortlichen.
swissinfo: Wie sind Sie dazu gekommen, dieses Werk zu kaufen?
U.S.: Ich habe es vor einigen Jahren im Atelier des Künstlers, den ich seit langer Zeit kenne, in Peking gesehen. Ich kenne sein Denken und Erforschen, und ich fand «Ruan» sehr interessant.
Man muss es im Kontext sehen: Damals schuf eine Gruppe von Künstlern einige Werke über Leben und Tod. Ich kaufte es, weil meine Sammlung sämtliche Aspekte der aktuellen chinesischen Kunst spiegeln sollte.
Die Gruppe war sehr wichtig, besonders wegen der ausgelösten Diskussionen über die Grenzen der Gegenwartskunst. Deshalb war es logisch, dass es in die Sammlung gehört.
swissinfo: Stört es Sie, dass diese Kontroverse den Rest der Ausstellung in den Hintergrund rückt?
U.S.: Die Ausstellung zeigt viel mehr über das Leben im China der Gegenwart als nur diese eine Facette. Punkto Umfang und Bedeutung ist sie die wichtigste Gegenwarts-Ausstellung, die bisher im Westen zu sehen war. Daher ist die Reduktion auf dieses eine Exponat schade.
swissinfo-Interview: Isobel Leybold-Johnson
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)
Die Ausstellung «Mahjong – Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg» ist im Kunstmuseum Bern bis am 16. Oktober zu sehen.
Sie zeigt 340 der 1200 Werke zählenden Kollektion Siggs.
25 grossformatige Werke sind gegenwärtig in den Hallen von Holcim in Holderbank (Kanton Aargau) ausgestellt.
Das umstrittene Werk besteht aus einem Kopf eines menschlichen Fötus auf dem Körper einer Möwe, eingelegt in ein Glas mit Formaldehyd.
Nach Klagen und Drohungen hat das Kunstmuseum Bern das Werk aus der Ausstellung entfernt, zumindest vorläufig.
Eine Expertenrunde wird am Montag im Kunstmuseum über die ethischen Grenzen in der Kunst öffentlich diskutieren.
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