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Schweiz, Türkei und Norwegen: Ein «Extra Europa»

Martin Heller, Schweizer Ausstellungsmacher in der Kulturhauptstadt Linz.

"Extra Europa" – unter diesem provokanten Motto diskutierte die Kulturhauptstadt "Linz09" mit Vertretern der Schweiz, der Türkei sowie Norwegen über die Europäische Union und Europa.

Erstaunt äusserte sich der Schweizer Kulturminister Pascal Couchepin über das Vorgehen, das von seinem Landsmann und Ausstellungsmacher Martin Heller initiiert worden war.

Europäische Staaten, die nicht zur EU gehörten, seien nicht ausserhalb Europas, betonte Couchepin mit einem Augenzwinkern beim Symposium am Freitag im österreichischen Linz.

«Die Europäische Union ist eine bedeutende und wichtige Institution», unterstrich der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer. «Doch Europa ist mehr», fügte er unter Verweis auf Couchepins Äusserung an.

Bengt Olav Johansen, Botschafter Norwegens, das ebenfalls nicht Mitglied der Europäischen Union ist, entschied sich für eine eigene Definition. Es gehe da wohl um die «extraordinären», aussergewöhnlichen Staaten Europas, sagte er.

Ursprünglich keine bewusste Provokation

Heller, der künstlerische Leiter der «Kulturhauptstadt Europas», erklärte gegenüber swissinfo lachend, es sei ihm zu Beginn nicht so bewusst gewesen, dass der Titel provoziere. Doch bewusst hatte Heller den Weg über die Hintertüre der Nicht-EU-Staaten gewählt, um mit den Linzerinnen und Linzern über Europa zu diskutieren.

Die Debatte über die Türkei als mögliches künftiges EU-Mitgliedsland bewegt in Österreich bereits seit einigen Jahren die Gemüter. Dazu kamen fürs Symposium «zwei Exoten» hinzu, so Heller. Denn er stellte fest, dass man in Österreich wenig über das Nachbarland Schweiz wusste – und noch weniger über Norwegen.

Kein Schmelztiegel EU

Was ist Europa – und wo endet es? Diese Frage beschäftigt derzeit gezwungenermassen die Öffentlichkeit in der Türkei. Denn neben österreichischen Politikern gibt es auch in der deutschen und der französischen Regierung Vorbehalte gegen die türkische Annäherung an die EU.

Doch gibt es – mit oder ohne die Türkei – eine «europäische Identität»?
Beispiele dafür fanden die Wissenschafterinnen und Wissenschafter auf dem Podium durchaus. Allerdings waren sich die Fachleute aller beteiligter Länder einig, «ein Schmelztiegel ist die Europäische Union nicht», wie die in Wien geborene türkische Soziologin Nermin Abadan-Unat sagte.

Eine europäische Identität müsse sich von unten nach oben entwickeln, unterstrich Laurent Goetschel vom Europainstitut der Universität Basel.

Allzu viel dürfte das zweitägige Symposium, an dem als Zuhörerinnen und Zuhörer primär einige Jugendliche vom Europäischen Jugendparlament teilnahmen, hierzu aber nicht beitragen.

Mehrwöchiges Kulturprogramm

Doch für die Auseinandersetzung mit den drei Ländern bleiben den Österreichern und den Besuchern der Kulturhauptstadt Linz noch einige Wochen Zeit. Denn für Ausstellungsmacher Heller war von Beginn weg klar, dass er auf eine Mischung von Politik und Kultur setzen wollte.

Mit verschiedensten Events werden sich Kulturschaffende aus den beteiligten Staaten präsentieren. Dabei werde es zumindest ein Nebeneinander geben – und bisweilen auch ein Austausch, erklärte Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Grosse Koordinationsarbeit dürften die drei DJ’s, welche das Frühlingserwachen am Freitagabend feierten, nicht gehabt haben. Denn unabhängig von europäischer Identität gibt es internationale kulturelle Standards. Abseits jeder politischen Debatte.

swissinfo, Eva Herrmann, Linz

Linz, drittgrösste Stadt Österreichs, ist 2009 zusammen mit Litauens Hauptstadt Vilnius «Kulturhauptstadt Europas».

Künstlerischer Leiter von «Linz09» ist der Schweizer Martin Heller.

Die Auseinandersetzung mit Europa gehört für «Linz09» zum Kernanliegen einer Kulturhauptstadt.

Dass dabei auch der Blick von aussen auf die Europäische Union interessiert, erstaunt nicht.

Nur zwei von fünf Österreichern halten die EU-Mitgliedschaft ihres Landes für eine gute Sache.

Im Rahmen von «Extra Europa» finden in den kommenden sechs Wochen auch Kulturveranstaltungen statt, an denen die Nicht-EU-Mitglieder teilnehmen.

Die Palette reicht von Ausstellungen (etwa mit Roman Signer oder Pipilotti Rist) über Filme (zum Beispiel die Österreichpremiere von «Home») bis zu einem Auftritt von DJ Fett.

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