Tettamantis kontemplative Fotografie
Die Schweizerische Stiftung für Fotografie in Winterthur präsentiert mit der Ausstellung "Local Studies" Werke des Schweizer Fotografen Joël Tettamanti. Der Künstler verschmelzt Architektur und Landschaft und verleiht auch unbedeutenden Orten eine Tiefe.
Versucht man, das fotografische Wirken Tettamantis auf einen Nenner zu bringen, könnte man sagen, dass er sich für die Identität eines Ortes interessiert.
Dabei handelt es sich nicht um berühmte oder bekannte Orte. Es geht eher um extreme Räume, isolierte Orte oder auch leere Gebäude, die auf den ersten Blick sogar unbedeutend erscheinen.
«Kein Ort ist mir zuwider. Nicht einmal, wenn ich in Luxemburg ein Kernkraftwerk fotografiere. Ich finde an solchen Orten stets etwas, das interessant ist, vielleicht unwirklich», sagt Tettamanti.
Der Künstler ist ein unermüdlicher Reisender. Ein Suchender, der auch die verborgensten Orte dieser Welt aufspürt. Ob Grönland, Südafrika, Mexiko, China, Japan, Island oder Vietnam: Jede Reise stellt ein neues Abenteuer dar, von dem er seine Vision mit nach Hause bringt.
Fotografischer Ergründer des 21. Jahrhunderts
«Häufig komme ich durch Auftragsarbeiten für Reportagen an diese Orte – gleichzeitig kann ich so meine eigenen Fotografien machen. Manchmal sind es die Zufälle des Lebens oder Freundschaften, die mich an einen bestimmten Ort dieser Welt bringen», erzählt der Künstler.
Ganz im Gegensatz zu seiner schnelllebigen Reisetätigkeit liebt es Tettamanti, langsam und mit höchster Präzision an seinen Fotos zu arbeiten. Er gehört nicht zu den Reportern, die auf schnelle Schnappschüsse aus sind, sondern ist eher ein nachdenklicher und tief gehender Mensch.
Dies spiegelt sich auch in seiner Technik. Er benutzt wie die Fotografen des 19. Jahrhunderts eine Grossformatkamera mit Stativ und arbeitet oft mit sehr langen Belichtungszeiten.
Somit erscheint er auf den ersten Blick wie ein Fotograf aus der Vergangenheit. Doch durch die Umwandlung der Bilder in digitales Format und eine hohe Auflösung gibt er seinen Fotografien schliesslich doch den Charakter des 21. Jahrhunderts.
Fotografie der Seele
Ob städtische Agglomerationen, verlassene Randgebiete, alpine Berglandschaften oder entlegene Winkel in Afrika oder Grönland: Tettamanti fängt mit seiner Linse all diese Ort auf analytische Weise ein und scheint ihre innere Seele offen zu legen.
Formen, Linien, Gegenstände: Die Art des fotografischen Abbilds zwingt den Betrachter, das Abgebildete in einer vollkommen neuen Perspektive zu sehen. Oft erkennt man überraschende Details, die man beim normalen Hinschauen gar nicht wahrgenommen hätte.
Indem er sein Objektiv auf Städte hält, in denen die Natur praktisch verschwunden ist, zwingt er den Betrachter beispielsweise, das Verborgene zu sehen und so über die Welt nachzudenken, in der wir leben: Globalisierung, Konsumverhalten, Massentourismus.
Die menschliche Präsenz
Es erscheint fast paradox, dass ausgerechnet Menschen auf den Fotografien Tettamantis weitgehend fehlen. Und sollten sie doch einmal abgebildet sein, erscheinen sie wie Architekturobjekte oder Landschaften.
«Auch wenn in meinen Fotos nur wenige Individuen auftauchen, bin ich in Wirklichkeit sehr an den Menschen interessiert, welche die Orte meiner Fotos bewohnen», sagt der Künstler. Die Menschen erscheinen bei Tettamanti als Reflex auf die Gegenstände, welche seine abgebildeten Orte charakterisieren.
Zwischen Realität und Erscheinung
Tettamantis Werk könnte wie dokumentarische Fotografie erscheinen. Doch der Künstler verfolgt dieses Zielt nicht. «Ich will keine Dokumentation betreiben. Je länger ich arbeite, desto mehr wird mir klar, dass meine Bilder eine reine Fiktion sind», sagt der Fotograf.
Tatsächlich schafft es Tettamanti mit seiner Arbeit, über die Dimension des Realen hinaus zu gehen und in eine fast metaphysische Welt einzutauchen. Die zeitliche Wahrnehmung erfüllt in diesem Fall die abgebildeten Orte zugleich mit Vergangenheit und Zukunft.
swissinfo, Paola Beltrame, Winterthur
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)
Die Ausstellung «Local Studies» bei der Schweizerischen Stiftung für die Photografie (bis 17. Mai) ist die erste grosse Werkschau Tettamantis in der Schweiz.
Die Ausstellung ist vom gleichnamigen Buch des Autors inspiriert, das 2006 dank der Unterstützung des Museums für Moderne Kunst in Luxemburg zustande kam.
Neben ausgewählten Fotografien aus dieser Publikation zeigt die Ausstellung in Winterthur auch jüngere Arbeiten aus Island, Grönland und Französisch Polynesien.
Joël Tettamanti wird 1977 in Kamerun geboren und verbringt seine Kindheit in Lesotho (Südafrika). Nach der Rückkehr seiner Familie in die Schweiz lebt er im Jura.
Von 1997 bis 2001 studiert er Visuelle Kommunikation und Fotografie an der Kantonalen Kunstschule in Lausanne.
In seinen ersten Arbeiten befasste er sich mit der Landschaft in den Schweizer Bergen («Cols alpins», 2001) und den Agglomerationen des Mittellandes («Stadtland Schweiz», 2002).
Danach ermöglichten ihm vor allem Aufträge für Magazine und Zeitschriften das Reisen an ferne Orte. Er entwickelte eine eigene ästhetische Sprache im Umgang mit Formen und Licht.
Der Fotograf kann bereits auf eine Reihe wichtiger Ausstellungen zurückblicken, darunter im Van Alen Institut in New York (2003), im Zentrum für Zeitgenössische Kunst von Turin (2004), im Schweizer Kulturzentrum von Paris (2005), an der Biennale für Architektur in Sao Paulo (2007) und an der internationalen Biennale für Fotografie in Lüttich (2008).
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