TV3 am Ende – Kritik an Tamedia
TV3, der letzte private Schweizer Sender, schliesst. Total dürften 170 Arbeitsplätze verloren gehen. Das Ende von TV3 stiess auf Bedauern, aber auch auf Kritik.
Der Verwaltungsrat der Tamedia, Besitzerin von TV3, hat entschieden, die Zahlungen an den Sender per sofort einzustellen. Damit ist auch das letzte grössere private Fernseh-Projekt in der Schweiz gescheitert.
Nach dem Rückzug der 50-Prozent-Partnerin SBS Broadcasting SA auf den 1. Januar 2001 hatte die Tamedia den Sender allein finanziert. Seither habe man erfolglos versucht, einen neuen Partner zu finden, sagte Hans Heinrich Coninx, Verwaltungsrats-Präsident der Tamedia, am Mittwoch vor den Medien in Zürich.
Kritik an Medienpolitik
Für das Ende machte Coninx neben der schlechten Wirtschaftslage die verfehlte Medienpolitik des Bundes verantwortlich. Die starke Regulierung des TV-Marktes und das Verbot von Unterbrecher-Werbung blockierten die Entwicklung einer eigenen Fernseh-Industrie, sagte Coninx. Zudem zögen Schweizer Werbefenster ausländischer TV-Stationen Werbegelder ab.
Bundespräsident Moritz Leuenberger wies an einer Medienkonferenz die Verantwortung der Politik am Scheitern der nationalen Privatfernseh-Sender zurück. Handlungsbedarf für das neue Radio- und Fernsehgesetz sieht er nicht. Die Medienvielfalt im Lande sei weiter gewährleistet.
Der Medienminister betonte weiter, dass die rechtlichen Spielregeln für kommerzielle Fernsehsender von Beginn weg bekannt gewesen seien. Doch 1998 habe in der Branche eine echte Goldgräber-Stimmung geherrscht.
Bei der Lancierung der privaten Programme habe es geheissen, dass die Veranstalter das unternehmerische Risiko selber und ohne behördliche Kontrolle tragen wollten. «Nun hat der Markt gesprochen», kommentierte Leuenberger das Aus. Sein Bedauern gelte den Angestellten, die nun ihre Stelle verlieren.
Schock beim Personal
Das Personal von TV3 reagierte überrascht und schockiert. Für den TV3-Nachrichtenchef Beni Leoni ist unverständlich, dass die Tamedia bereits nach zwei Jahren aufgibt. Niemand habe einen derart drastischen Entscheid so rasch erwartet.
Die drei Mediengewerkschaften SVJ, SSM und comedia geisselten die «falsche Medienpolitik» der Tamedia. Wer allen Unkenrufen zum Trotz ein auf Boulevard basierendes Vollprogramm starte, dürfe sich nicht wundern, wenn die für die Werbung nötigen Zuschauerquoten ausblieben, hiess es in einer gemeinsamen Erklärung der Gewerkschaften.
Von der Tamedia fordern die Gewerkschaften die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen über Massen-Entlassungen sowie anständige Sozialpläne. Auch sie bezeichneten Schuldzuweisungen der Tamedia an eine generell restriktive Medienpolitik als völlig verfehlt.
Kritik von Schawinski
Der Privatradio- und Privatfernseh-Pionier Roger Schawinski bedauerte die Schliessung von TV3 aus medienpolitischen und kommerziellen Gründen. Für ihn zeigt der Entscheid der Tamedia aber, dass mit den mit den bestehenden Gesetzen in der Schweiz ein Privatfernsehen unmöglich sei.
Schawinski kritisierte zudem das Konzept von TV3. Die Konzentration auf Unterhaltung sei falsch gewesen.
Bedauern über die Schliessung zeigte auch das Schweizer Fernsehen DRS (SF DRS). Konkurrenz sei grundsätzlich eine gute Sache, weil das Publikum damit Alternativen erhalte, sagte SF-DRS-Informationschef René Bardet.
110 Millionen Franken verloren
TV3 startete im September 1999 mit dem Betrieb eines auf Unterhaltung ausgerichteten nationalen Senders und wollte im Jahr 2004 schwarze Zahlen schreiben. Angesichts der geringer als budgetiert ausfallenden Werbe-Einnahmen wäre die geplante Gesamtinvestition von 180 Mio. Franken bis 2004 aber deutlich überschritten worden.
Bereits jetzt hat Tamedia rund 90 Mio. Franken in TV3 investiert, der Anteil der SBS beträgt 54 Millionen. Mit erwarteten Schliessungskosten von 20 Mio. dürfte das TV- Projekt Tamedia rund 110 Mio. Franken kosten, wie Finanzchef Patrick Eberle erklärte. Das Budget 2001 der Tamedia verschlechtert sich wegen TV3 um 30 Millionen und rutscht ins Minus.
TeleZüri ausbauen
Die Tamedia will ihr Fernseh-Engagement nun auf die Grossregion Zürich konzentrieren. Der in Zürich etablierte Sender «TeleZüri» soll weiter ausgebaut und gestärkt werden.
Im August hatte die Tamedia durch den Kauf von Roger Schawinskis Medienunternehmen Belcom die Regionalfernseh-Station «TeleZüri» ganz übernommen, an der sie zuvor schon mit 50% beteiligt war. Ebenfalls in den Besitz der Tamedia über ging das Zürcher «Radio 24».
Sendeschluss an Weihnachten
Den definitiven Entscheid über die Schliessung von TV3 fällt am kommenden Montag eine ausserordentliche Generalversammlung von TV3. Dann will TV3 noch bis Weihnachten senden.
Nach Angaben von Geschäftsführer Jürg Wildberger gehen nicht nur die 85 Arbeitsplätze von TV3 verloren. Nochmals so viele Stellen dürften bei den privaten Produktionsfirmen abgebaut werden, mit denen TV3 zusammenarbeite.
Der Kurs der Tamedia-Akten ist nach Bekanntgabe der Schliessung von TV3 markant gestiegen. Zum Börsenschluss legten die Titel des Konzerns um über einen Fünftel zu. Bis 14.00 Uhr war der Handel mit den Tamedia-Aktien an der Schweizer Börse SWX suspendiert gewesen.
swissinfo und Agenturen
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