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Vagabund auf dem Seil

Peter Brogle 1998 in der Märchenködie "der Drache". Keystone

Peter Brogle, der ewig suchende Vagabund und einer der Grossen der Schweizer Schauspielergarde, feiert seinen 70 Geburtstag.

Brogle stand während Jahrzehnten unermüdlich auf der Bühne, spielte in unzähligen Filmen, arbeitete fürs Radio.

Es ist still(er) geworden um Peter Brogle. Er, der bereits in jungen Jahren in erfolgreichen Schweizer Filmen der fünfziger Jahre, zum Beispiel im «Schwarzen Hecht» von Paul Burkhard, in Kurt Frühs «Polizischt Wäckerli» und in «Annabäbi Jowäger» von Franz Schnyder, einem grossen Publikum bekannt wurde, steht heute nicht mehr im Rampenlicht.

Das hat einerseits damit zu tun, dass auch Schauspieler in den Ruhestand treten, andererseits mit den unerbittlichen Gesetzen des Marktes.

«Ältere Schauspieler sind out. Früher waren die Alten mit ihren Erfahrungen ein Kapital für jedes Ensemble, heute wird alles mit Jungen besetzt», sagt Peter Brogle mit einem leicht bitteren Ton.

Nicht dass er sich beklagen würde, nein, dazu ist der sympathische Mime viel zu bescheiden. Und sich selber vorzudrängen, aufzudrängen gar, entspricht gar nicht seinem Naturell. Doch sich ganz aufs Altenteil zurück ziehen, dazu hat er dann doch keine Lust.

Ein paar kleinere Sachen, Radio und Bühne, hat er immer im Köcher, und bis vor einem Jahr war Peter Brogle mit Becketts «Das letzte Band» unterwegs. Ein schwieriges Stück, das Situationen, Stationen eines alten Menschen erzählt.

«Erstaunlicherweise fand auch ein junges Publikum den Weg ins Theater», erinnert sich Brogle im Gespräch mit swissinfo im Zürcher Oberland. Gleichwohl, das Rollenenagebot für ihn ist mehr als bescheiden.

Erweckungserlebnis im Zirkus

Dabei fing in diesem Schauspielerleben alles so schön an. Am 22. Juni 1933 kam Peter Brogle in Basel auf die Welt. Mit elf Jahren hatte er im Zirkus Knie sozusagen sein Erweckungserlebnis.

«Ich sah einen wunderbaren Clown auf dem Seil. Dieses Laufen auf einem Seil hat mich so fasziniert, dass ich beschloss, Seiltänzer zu werden.»

Ein Entschluss, dem die Eltern nicht gerade freudig zustimmten, dem der kleine Peter aber umso ziehlstrebiger nachging. Um Geld für ein Seil zu verdienen, meldete er sich im Radio-Studio Basel und fragte nach, ob er in einem Hörspiel mitmachen könne. Werner Hausmann, bekanntbeliebter Basler Radiomann jener Zeit, gab dem jungen Brogle sein erstes Engagement.

Muh für die Kuh

Für zehn Franken machte er Muh für die Kuh. Die Gage wurde in ein Seil investiert, später schweisste ein Handwerker ein Gestell. So lernte Peter Brogle das Tanzen auf einem Seil autodidaktisch, lernte das Laufen ohne doppelten Boden.

Sein Drang nach Bühne und Rampenlicht führte ihn später nach Zürich, an die Schauspielschule. Vorher hatte er die Matura geschmissen, eine Lehre abgebrochen. «Ich bin ja eher ein scheuer Mensch. Auf der Bühne ist das anders. Da muss man sich überwinden.»

Brogle überwand seine Scheu so gut, dass er noch vor Ablauf der Schauspielschule abgeworben wurde. «Ich fing mit Regieassistenz an. Das hiess zu jener Zeit eigentlich Kaffee holen. Doch ich konnte viele wunderbare Schauspieler beobachten und viel lernen.»

Entspannung und Obsession

Bald kamen grosse Rollenangebote, kam der Film. Das Seil hatte ein paar Jahre geruht, doch jetzt musste ein Ausgleichs-Training her. Seiltanzen bot sich an. «Ich übte im Wald. Im Winter, im Sommer, in der Sonne und im Regen. Mutterseelenallein. Es war Entspannung und Obsession in einem.»

Jahre später lernte Peter Brogle jenen Clown und Seiltänzer, der ihn als kleinen Jungen in eine neue Welt verführt hatte, persönlich kennen und schätzen. Und dann, Brogle spielte Anfang der 60er Jahre in Köln in Max Frischs «Andorra», bot ihm der Clown auf dem Seil an, seine Nummer zu übernehmen.

Für Brogle eine grosse Ehre und ein grosser Zwiespalt. Sollte er weiterhin als Schauspieler arbeiten – er war sehr erfolgreich und gefragt – oder sollte er professioneller Seiltänzer und Clown werden?

Er entschied sich für die Schauspielerei und verwirklichte später mit «Brogle’s Schaubude» seinen Traum vom fruchtbaren Zusammenspiel zwischen Artistik und Theater. Dodo Hug und Christoph Marthaler, heute kongenialer (Noch-)Schauspielhausdirektor von Zürich , waren mit von der Partie.

Der Traum dauerte eine kurze Saison lang, dann war er ausgeträumt. Den Traum vom Vagabundendasein, den Traum vom Tanzen auf dem Seil, den Traum von der Leichtigkeit in der Schwere des Seins, den hat sich Peter Brogle bewahrt. Happy Birthday!


swissinfo, Brigitta Javurek, Grüningen

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