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Zu viele Anglizismen in der Bundesverwaltung

Anglizismen in der Bundesverwaltung. Bundesverwaltung

Vertreter der vier Sprachregionen der Schweiz haben sich in Bern besorgt über die zunehmende Verwendung von englischen Wörtern in der Bundesverwaltung geäussert.

Bundespräsident Joseph Deiss empfing die Delegation persönlich und sicherte ihr seine Unterstützung zu.

Bahnhöfe werden zu «Rail Cities», Telefonbücher werden zu «Directories», die Schweizerische Münzstätte wird zur «swissmint», was keine Bezeichnung für Bonbons sein soll, die Bundespolizei wird zur «fedpol» und das Bundesamt für Landestopografie zur «swisstopo», was für Italienisch Sprechende soviel wie «swiss maus» bedeutet.

Es ist eine Entwicklung, die bereits schon längst in Gang ist: Cool, crash, e-mail, task force gehören zum alltäglichen Sprachgebrauch. Ganz zu schweigen von der Wirtschafts- und Finanzwelt, in der es auch in der Schweiz vor Anglizismen nur so strotzt.

Deiss teilt Bedenken

Bundesrat Joseph Deiss empfing am Donnerstag in Bern persönlich eine Delegation der vier Schweizer Sprachregionen. Jean-Marie Vodoz vertrat die französischsprachige Schweiz, Flavio Zanetti die italienischsprachige Schweiz, Erich Weider die deutschsprachige Schweiz und Barbla Etter die rätoromanische Schweiz.

Der Bundespräsident habe deren Bedenken geteilt und seinerseits bemängelt, dass viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Muttersprache immer weniger beherrschten, sagte Jean-Marie Vodoz von der Fondation Défense du français am Freitag.

Deiss sei gebeten worden, sich dieser Problematik anzunehmen. Er habe sich für die Ausarbeitung eines Sprachengesetzes ausgesprochen, sagte Vodoz weiter. Allerdings liege dieses Projekt nicht in seiner Kompetenz.

Die Delegation überreichte Deiss einige «Beweisstücke», welche das Anliegen stützten. Swisscom und die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) stehen ebenfalls im Visier der Sprachschützer.

Anglizismen-Verbot gefordert

Der Gesamtbundesrat hat sich bereits Anfang Juni mit dieser Frage beschäftigt. Er will prüfen, wie dem Überhandnehmen der Anglizismen in der Bundesverwaltung Einhalt geboten werden kann.

Die Landesregierung zeigte sich bereit, ein von 81 Abgeordneten mitunterzeichnetes Postulat des sozialdemokratischen Neuenburger Nationalrats Didier Berberat entgegenzunehmen.

«Ich verstehe den wachsenden Trend zu Anglizismen nicht», sagte Berberat im Juni dieses Jahres gegenüber swissinfo. Er hatte den Bundesrat in einem offenen Brief zu einem Verbot englischer Wörter zur Bezeichnung von Bundesämtern aufgefordert.

«Unsere Sprachkultur ist zu reich, um sie zu ignorieren.» Es sei einfach absurd, von «task force» statt «Arbeitsgruppe» zu sprechen oder die Schweizerische Münzstätte «swissmint» zu nennen, so Berberat.

Kultur der Mehrsprachigkeit in Gefahr

«Wenn wir in der Schweiz über Kultur sprechen, dann müssen wir auch das Sprachenproblem angehen, sonst riskieren wir den Verlust der mehrsprachigen Identität, die zu unserem Land gehört.» Das sagte der Tessiner Journalist Flavio Zanetti, Mitglied der Delegation aus den Sprachregionen.

«Jetzt erwarten wir eine positive und breite Reaktion der interessierten Kreise.» Zanetti bemängelte «das totale Fehlen von langfristigen Visionen im Bereich der Kulturpolitik», was auch im Kanton Tessin ersichtlich sei.

Zanetti erinnerte an den Beschluss vieler Kantone, in der Schule als erste Fremdsprache Englisch einzuführen. Für ihn bleibt das Erlernen einer zweiten Landessprache prioritär, ebenso die allgemeine Kenntnis der vier Kulturen in der Schweiz. «Englisch lernt man sowieso», erklärt Zanetti. Das habe auch Bundespräsident Deiss gesagt.

Identität und Sprache

«Die Sprache hat mehrere Dimensionen», sagt der Historiker und Linguist Norbert Furrer. «Wir müssen unterscheiden zwischen der Sprache als Kommunikationsmittel und der Sprache als Identitätsträger.»

Für Furrer fühlt sich die Romandie in ihrer soziokulturellen Existenz bedroht durch die doppelte Hegemonie des Deutschen und Englischen. «Traditionell legt die französischsprachige Schweiz mehr Gewicht auf die Reinheit der Sprache als die anderen Sprachregionen.»

In der Deutschschweiz stünden die Dialekte nicht unter dem Druck einer Norm, so Furrer. «Allerdings bedauern viele Leute in der Deutschschweiz, dass man in der Bundesverwaltung immer schlechter Deutsch spricht.»

swissinfo und Agenturen

Die Schweiz hat 4 Landessprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch (die 3 ersten sind die offiziellen Landessprachen)

Deutsch: 64% der Bevölkerung

Französisch: 20%

Italienisch: 6,6%

Rätoromanisch: 0,5%

Joseph Deiss hat am Donnerstag eine Delegation der vier Sprachregionen der Schweiz empfangen. Deren Mitglieder sind besorgt über die zunehmende Verwendung von englischen Wörtern in der Bundesverwaltung.

Der Bundespräsident habe die Bedenken geteilt und seinerseits bemängelt, dass viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Muttersprache immer weniger beherrschten, hiess es bei der Delegation. Deiss sei gebeten worden, sich dieser Problematik anzunehmen.

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