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Aids Fonds: Schweiz knausrig?

Wie mit einem Kondom umgehen? Kenianer erhalten Unterricht. Schätzungsweise 2,2 Mio. Kenianer und Kenianerinnen sind HIV-positiv. Keystone

Im Vorfeld der 14. Welt-Aids-Konferenz in Barcelona muss die Schweiz die Kritik einstecken, sie setze nicht genug Geld zum Kampf gegen die Krankheit ein.

Der Kampf gegen die Aids-Epidemie in ärmeren Ländern ist Hauptthema der Welt-Aids-Konferenz, die am Sonntag begann. Zu dem fünftägigen Treffen werden rund 15’000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus aller Welt erwartet.

Gesundheitsexpertinnen, Regierungsvertreter, Forscherinnen und Forscher wollen unter dem Motto «Handeln durch Wissen und Verantwortung» diskutieren, wie sich die Menschen besonders in Entwicklungsländern vor der unheilbaren Krankheit schützen können.

Die Schweiz ist an der Konferenz durch das Bundesamt für Gesundheit vertreten (BAG). Drei Themen will das BAG präsentieren: Chancen und Grenzen der antiretroviralen Therapien für HIV-Infizierte, das Internet als neue Plattform für die STOP AIDS Kampagne und die Ausweitung der Aids-Prävention für Migranten aus Afrika südlich der Sahara.

10 Millionen an den Aids Fonds

Die Schweiz hat sich zu einem Beitrag von 10 Mio. Dollar an den Welt Aids Fonds verpflichtet. Nach Ansicht der Aids-Hilfe Schweiz und der Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans frontières – MSF) ist dies ungenügend: Der Beitrag sei gleich hoch wie jener Nigerias.

Auch Nigeria hat 10 Mio. Dollar versprochen, während Italien 200 und die Niederlande 127 Mio. Dollar beisteuern wollen. UNO-Generalsekretär Kofi Annan hatte einen Appell für die Aidsbekämpfung erlassen: 7-10 Mrd. Dollar pro Jahr. Erhalten hat der Welt Aids Fonds bisher 2 Milliarden.

«Weltweit sollte jeder Mensch die Möglichkeit zu ärztlicher Behandlung haben. Und die Schweizer Regierung sowie die Schweizer Pharmaindustrie sollten auch ihren Beitrag dazu leisten», erklärt Jan Suter, Leiter der internationalen Abteilung der Aids-Hilfe Schweiz. Er weist darauf hin, dass der Schweizer Beitrag gerade mal zwei Franken pro Person und Jahr ausmache.

Abwarten und schauen

Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die den Schweizer Beitrag an den Welt Aids Fonds bezahlt, weist die Vorwürfe aber zurück. «10 Millionen Dollar sind ein Prozent der gesamten öffentlichen Entwicklungshilfe der Schweiz», wehrt sich Jacques Martin, der in der DEZA für den Bereich Aids zuständig ist.

«Von einem Tag auf den anderen tragen wir 10 Millionen bei. So gesehen finden wir es etwas ungerecht, zu sagen, wir täten nicht genug.» Laut Martin hat die Schweiz klar gemacht, dass dies ein erster Beitrag ist, weitere hängen von den Resultaten ab.

«Es ist legitim, wenn wir zuerst sehen wollen, wie sich die Dinge entwickeln und ob der Fonds wirklich etwas erreicht. Und ob die Menschen, welche Hilfe benötigen, diese auch in angemessener Weise erhalten», so Martin gegenüber swissinfo. «Dann werden wir die Lage neu beurteilen.»

Nicht mehr Geld, sondern eine Verschiebung davon

Ursprünglich bestand die Hoffnung, dass die Zahlungen an den weltweiten Aids Fonds zu den Budgets der Entwicklungshilfe der Länder hinzukommen. Aber wie die meisten Industriestaaten verschiebt auch die Schweiz einfach einen Teil der bestehenden Ressourcen.

Laut Martin kommt der Beitrag aus bisher nicht zugewiesenen Geldern und wird daher von keinem anderen Projekt abgezogen.

Drastische Aktionen notwendig

Laut dem jüngsten, am Dienstag herausgegebenen Bericht des UNO- HIV/Aids-Programms (UNAIDS) sind weltweit über 40 Millionen Menschen HIV-infiziert. Innert der nächsten 20 Jahre werden 70 Millionen an der Immunkrankheit sterben, wenn nicht etwas Drastisches unternommen wird.

«In Teilen Afrikas hat die Epidemie bereits katastrophale wirtschaftliche, soziale und politische Auswirkungen», erklärt UNAIDS-Pressesprecherin Dominique de Santis gegenüber swissinfo. Über 28 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner lebten heute mit dem Virus, in einigen Ländern seien mehr als 30 Prozent der Erwachsenen infiziert.

«Am deutlichsten werden die Auswirkungen von Aids in der gesunkenen Lebenserwartung sichtbar. In Botswana zum Beispiel lag diese vor Aids auf einem Höchststand von 62 Jahren. Jetzt ist sie auf 37 Jahre gefallen. Das hat natürlich schwerwiegende Folgen in Bezug auf die produktivsten Jahre eines Menschenlebens. Und dies wiederum hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. So wissen wir, dass in einigen der am stärksten betroffenen Ländern Afrikas ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer an Aids sterben.»

Globales Phänomen – globales Problem

Zwar ist die Krankheit in Afrika besonders weit verbreitet, doch Aids ist ein weltweites Phänomen und breitet sich jetzt auch in Osteuropa und Ostasien schnell aus.

Laut Leila Kramis, Pressesprecherin von MSF Schweiz, müssen die westlichen Nationen Massnahmen, welche bisher in den wohlhabenden Gesellschaften zumindest teilweise erfolgreich waren, in die Entwicklungs- und Schwellenländer exportieren. In Afrika zum Beispiel erhalten nur 30’000 Menschen die Medikamente, welche Infizierte in der westlichen Welt am Leben erhalten.

«Wir bringen die Botschaft nach Barcelona, dass eine Behandlung möglich ist», so Kramis weiter. «Wir führen Pilotprojekte in 12 Ländern durch, und diese Programme zeigen, dass die Krankheit behandelt werden kann. Jetzt geht es darum, dass mehr Kranke diese Behandlung erhalten.»

In einem Projekt in Kamerun, an dem 150 Patientinnen und Patienten teilnahmen, gelang es MSF, den Preis eines Medikamenten-Cocktails von rund 1’500 Dollar auf etwa 300 Dollar pro Jahr zu reduzieren, indem Pharmafirmen unter Druck gesetzt und Generika eingeführt wurden.

Nicht auf dem Buckel der Armen

Laut Jan Suter von der Aids-Hilfe Schweiz sind aber auch die tieferen Preise noch zu hoch, ausserdem werden sie nur bei einem Teil der Medikamente gewährt.

Er ruft deshalb dazu auf, antiretrovirale Medikamente zu finanzieren und die Pharmaindustrie unter Druck zu setzen, damit sie bei ihren Patenten nachgeben und diese Behandlungen zu einem fairen Preis anbieten.

«Die Pharmafirmen erklären immer, sie wollten auf der südlichen Erdhalbkugel oder bei armen Ländern keine Profite machen. Aber sie handeln die Preise von Fall zu Fall aus, und das ist nicht gut. Sie sollten die Preise allgemein senken und den Gewinn mit der Forschung in den Ländern des Nordens machen.»

Zeichen der Selbstgefälligkeit

Inzwischen scheint sich in reichen Ländern wie der Schweiz, wo über 20’000 Menschen HIV-positiv sind und bisher über 5’100 an Aids gestorben sind, Selbstgefälligkeit breit zu machen.

«Letztes Jahr stellten wir zum ersten Mal seit 9 Jahren eine kleine Zunahme positiver HIV-Tests fest, rund 8 Prozent», erklärte Suzanne Matuschek, die Chefin der Aids-Abteilung im Bundesamt für Gesundheit, welche die fünfköpfige Delegation in Barcelona leitet.

«Wir studieren nun die diesjährigen Zahlen. Erst wenn wir diese Resultate haben, können wir beurteilen, ob das ein Trend ist, der dieses Jahr weitergeht, oder ob es nur eine Abweichung ist.»

Regierungs- wie Nichtregierungs-Organisationen in der Schweiz sind sich einig, dass Barcelona eine wertvolle Gelegenheit zum Gedankenaustausch und für den Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung ist.

«Wir brauchen viel mehr Geld, viel mehr guten Willen, viel mehr Verständnis, um diese Krankheit wirklich bekämpfen zu können», betont Ruth Rutmann, Direktorin der Aids-Hilfe Schweiz. «Das ist nicht eine Krankheit, die hier und dort ein wenig vorkommt. Das ist eine Krankheit, die uns alle angeht.»

Vincent Landon
Übertragung aus dem Englischen: Charlotte Egger

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