Hauptgefahr: Gewalt im Alltag
Gewalt in der Familie ist für die Schweiz ein ernsteres Problem als die organisierte Kriminalität. Dies geht aus einem Forschungsprogramm des Nationalfonds hervor.
Die Polizei sollte deshalb der häuslichen Gewalt mehr Beachtung schenken.
«Statistisch gesehen ist die Gewalt im öffentlichen Raum relativ gering», sagte Mark Pieth, Präsident der Expertengruppe des Nationalen Forschungsprogramms «Gewalt im Alltag und organisierte Kriminalität» (NFP 40) am Freitag. Dafür werde die Gewalt gegenüber Frauen und Kinder zu wenig ernst genommen.
Zwar spielten die illegalen Märkte (Drogen, Waffen, Prostitution) für die Schweiz eine nicht zu unterschätzende Rolle, schreiben die Autoren des NFP 40. Gewalt und Korruption würden aber nicht systematisch eingesetzt. Es gebe in der Schweiz keine Mafia im eigentlichen Sinn, sagte Pieth weiter.
Falsche Bedrohung
Das von den Strafverfolgungs-Behörden entworfene Bedrohungs-Szenario bedürfe deshalb einer gründlichen Revision, schreiben die Forscher der Studie. Beim organisierten Verbrechen auf lokaler Ebene reiche es, wenn die Kantone dagegen ankämpften. «Bundesfahnder» seien für diesen kleinen Bereich nicht nötig.
Die Forscher fragen sich deshalb, wie sinnvoll Pläne wie die sogenannte Effizienzvorlage sind. Durch die Effizienzvorlage hat die Bundesanwaltschaft neue Verfahrenskompetenzen in Sachen Geldwäscherei, organisierte Kriminalität, Korruption und Wirtschaftskriminalität erhalten.
Überforderte Polizei?
Die Forscher stören sich auch am Artikel 260ter des Strafgesetzbuches über kriminelle Organisationen. Er verfehle nicht nur sein Ziel, sondern gefährde auch rechtsstaatliche Grundsätze. Die Politiker sollten zuerst die Fakten analysieren und danach ein Gesetz schaffen, fordern die Fachleute.
Einzelne Studien hätten zudem gezeigt, dass Polizei, Justiz sowie Sozialdienste schlecht mit Fällen häuslicher Gewalt umgehen könnten und zu wenig vernetzt seien. Es fehlten Konzepte, Leitideen, Dienstbefehle und Richtlinen, bemängeln die Autorinnen und Autoren. Deshalb sei entsprechende Aus- und Weiterbildung notwendig.
«Risikogruppen»
Täter und Opfer von Gewalttaten seien vor allem junge Männer. Ein hohes Risiko der Gewalt gegen Kinder bestehe, wenn ein Elternteil in der Kindheit selbst geschlagen worden sei oder in der Paarbeziehung Gewalt angewendet werde. Auch bei depressiven Elternteilen bestehe diese Gefahr.
Das NFP 40 hatte vom Bundesrat einen Rahmenkredit von 8 Mio. Franken erhalten. Zwischen 1995 und 2002 wurden insgesamt 31 Forschungsprojekte bearbeitet. 18 davon betrafen die Gewalt im Alltag, 13 die organisierte Kriminalität.
swissinfo und Agenturen
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