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Zwei Schweizer im «Herzen der Welt»

Am UNO-Hauptsitz in New York findet man nur wenige Funktionäre mit dem Schweizer Pass.. Keystone Archive

Die Schweiz hat an Einfluss verloren und heute in der UNO keine hohen Vertreter mehr. UNO-Mitarbeiter gibt es aber.

Am Hauptsitz, dem Glaspalast in New York, sind Funktionäre mit dem roten Pass mit Kreuz denn auch eine Seltenheit. Die 27 Jahre alte Juristin Rachel Gruaux ist eine von ihnen.

Ihr Diplom, das sie an der Universität in Genf erwarb, prädestinierte sie in gewissem Sinne für eine Arbeit bei der UNO, ihre Studien umfassten die Bereiche Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht. «Ursprünglich dachte ich an eine Karriere im Bereich Wirtschaftsrecht, doch nach mehreren Stages wurde mein Interesse am Humanitären geweckt, immer mehr.»

Die UNO-Familie

Heute arbeitet die junge Westschweizer Juristin im Auftrag des Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am UNO-Hauptsitz in New York. Ihre Aufgabe ist es, in der «UNO-Familie» Mary Robinson zu vertreten, die Hochkommissarin für Menschenrechte, deren Büros sich in Genf befinden.

Als Schweizerin war der Weg über das Aussenministerium für Rachel Gruaux praktisch die einzige Möglichkeit, an einen solchen Posten zu gelangen. «Ich kenne andere Schweizer, die hier arbeiten, aber es handelt es sich um Leute mit doppelter Nationalität – und sie kamen dank ihrem zweiten Pass zu einer Stelle bei der UNO», sagt die Westschweizerin.

«Während meiner Stages in Genf im Palais des Nations begeisterte mich die Arbeit dort immer mehr. Mein eigener, wenn auch kleiner Beitrag zu einer besseren Welt erhielt grossen symbolischen Wert. Hier in New York, wo Sicherheitsrat und Generalversammlung sich treffen, fühle ich mich noch mehr mitten im System.» Rachel Gruaux ist überzeugt: «Wenn die Schweizer sehen könnten, was wir hier wirklich tun, wären sie nicht mehr so misstrauisch.»

Ohne Schuhe Fussball spielen

Es ist wahr. Die Schweiz ist in vielen Organen der UNO vertreten – einer «sicher nicht perfekten Organisation» – wie die junge Juristin zugibt. Aber dass die Schweiz nicht Mitglied sei, sei etwa wie «barfuss Fussball spielen, wenn alle andern Schuhe tragen».

Auch der 43 Jahre alte Zürcher Manuel Bessler, der beim UNO-Generalsekretariat in New York arbeitet, erlebte den Schweizer Pass als Handicap. «Schon beim ersten Vorstellungsgespräch wurde mir klar, dass ich nicht auf Unterstützung aus der Schweiz zählen konnte», sagt er.

Bessler war früher als Anwalt in Zürich tätig, wechselte dann zum Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), wo er zuerst in Genf und danach als juristischer Konsulent der IKRK-Delegationen in Israel, dem früheren Jugoslawien, in Haiti, Tschetschenien und Irak im Einsatz stand. Dabei kam er naturgegeben auch in Kontakt mit der UNO.

Der Zürcher, dessen Chef UNO-Generalsekretär Kofi Annan ist, arbeitet heute für die Unterorganisation für humanitäre Hilfe (OCHA). Diese koordiniert die humanitäre Arbeit von UNICEF, Flüchtlings-Organisation (UNHCR) und Welternährungs-Programm. Bei der OCHA ist Bessler zuständig für juristische Aspekte in den Bereichen Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht.

«Für meine Gesprächspartner», sagt Bessler, «ist es schwierig, zu verstehen, wieso die Schweiz nicht Mitglied der UNO ist. Sie versuchen, dies mit der Neutralität, der Reserviertheit und vielleicht auch der Langsamkeit zu erklären, aber sicher nicht mit Schweizer Egoismus. Sie wissen, dass die Schweiz in den Spezial-Organisationen zumindest vom Finanziellen her betrachtet gut vertreten ist.»

Welche Alternative

Auf jeden Fall sind die Argumente der Beitritts-Gegner für Gruaux und Bessler nicht gerechtfertigt. Die Furcht vor dem Neutralitätsverlust habe keinen realen Grund. Wenn die Schweiz weiter abseits stehe, könne sie nicht mitentscheiden, die ihr wichtigen Dossiers nicht effizient verteidigen.

Und die UNO sei, so die beiden, das weltweit einzige Forum, das unterschiedlichsten Persönlichkeiten Treffen ermögliche – wie etwa Bill Clinton und Fidel Castro. Oder anders gesagt: Haben die Beitritts-Gegner einen valable Alternative?

Mariano Masserini, New York
Übersetzung: Rita Emch

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