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Geschützte Tierarten Der Wolf erhitzt die Politik

Lupo in un prato

Ein Wolf im Wallis, wahrscheinlich „M35“, in einer Aufnahme aus dem Jahr 2013. In diesem Westschweizer Kanton wird äusserst kontrovers über die Präsenz des Raubtiers debattiert.

(Keystone)

Der Wolf ist durch die Berner Konvention geschützt. Doch gleichwohl hat seine Rückkehr in den Alpenraum sowie nach Mittel- und Nordeuropa heftige Diskussionen ausgelöst. Obwohl selbst Experten wenig über das Raubtier wissen, müssen Staaten wichtige Entscheidungen im Umgang mit dem Wolf treffen. 

„Manchmal hat man den Eindruck, dass das einzige Problem des Landes der Wolf ist.“ Diesen Satz sagte die Schweizer Umweltministerin Doris Leuthard kürzlich während der Debatte zur Revision des Jagdgesetzes. Die kleine Parlamentskammer lockerte dabei die Bestimmungen zum Schutz des Wolfes.

Die mehrstündige Aussprache bestätigte, dass es diesem Raubtier immer wieder gelingt, die öffentliche Meinung zu spalten. Und dies gilt nicht nur für die Eidgenossenschaft.

Der Wolf im Parlament

Der Ständerat hat entschieden, bei der Regulierung des Wolfbestandes den Kantonen mehr Kompetenzen zu geben.

Der Ständerat hob beispielsweise die Vorschrift auf, eine Bewilligung vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) einholen zu müssen, bevor ein Wolf abgeschossen wird. Zudem wurde mit 21 Ja- bei 18 Nein-Stimmen entscheiden, dass es in Bezug auf die Verordnungen der Kantone zur Regulierung von geschützten Tierarten keine Beschwerdemöglichkeit geben soll.

Doch die Debatte hat gerade erst begonnen. Denn eine Lockerung der Schutzbestimmungen muss von beiden Parlamentskammern abgesegnet werden. Der Nationalrat wird sich folglich noch dem Thema annehmen. Zudem haben Naturschützer bereits ein Referendum angekündigt.

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Denn zeitgleich zur Debatte in Bern haben die Exekutiven der italienischen autonomen Provinzen in Bozen sowie in Trient regionale Gesetzte verabschiedet, die dem Präsidenten der jeweiligen Provinz das Recht einräumen, die gezielte Tötung eines Wolfes zu verordnen.

Gewisse Autonomie

Anders gesagt: Die beiden italienischen Provinzen wollen die in der europäischen Schutzkonventionexterner Link enthaltenen Massnahmen autonom bewirtschaften. Diese Konvention schützt den Wolf, sieht aber auch Ausnahmen vor, welche den Abschuss unter bestimmten Bedingungen erlauben, „etwa im Fall von fehlenden Alternativen und falls dies dem Erhalt der Spezies keinen Schaden zufügt“.

Sollten die Parlamente der Provinzen dem Anliegen der Exekutiven folgen, bahnt sich ein Kompetenzgerangel an. Der italienische Staat dürfte die regionalen Erlasse anfechten.

Die Reaktion des Nationalen Naturschutzbundes in Italien (Enpa) liess nicht lange auf sich warten: „Die autonomen Provinzen Trient und Bozen fordern Europa und die neue italienische Regierung heraus. Wir verlangen von der Regierung, die Institutionen dieser Provinzen zur Einhaltung der Gesetze zu ermahnen und die gefährlichen Deregulierungen zu stoppen.“

Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegelexterner Link hat in einem Beitrag über den Wolf kürzlich darauf hingewiesen, dass die Staaten der Europäischen Union, aber auch die Schweiz und Norwegen die Berner Konventionexterner Link unterzeichnet haben. Ein Übereinkommen also, über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensraumes. Doch auch gemäss dieser Konvention können die Unterzeichnerstaaten Ausnahmen erlauben, wenn dadurch die Spezies nicht in Gefahr gerät.

Diese Ausnahmeregel gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. Die europäische Kommission hat beispielsweise Schweden mehrmals ermahnt, weil sich das Land bei der Vergabe von Abschussbewilligungen für Wölfe äusserst grosszügig zeigte.

Italienische Wölfe

Die Wölfe waren in Westeuropa im 19. und 20.Jahrhundert praktisch ausgestorben, abgesehen von einigen kleinen Populationen im Apennin in Süditalien.

Von dort begannen sie sich jedoch in den 1970er Jahren erneut in Richtung Norden auszubreiten. Diese natürliche Re-Kolonisierung führte dazu, dass in den französischen Alpen in den 1980er Jahren wieder Wölfe auftauchten; in der Schweiz war es Mitte der 1990er Jahre so weit. Im Jahr 2012 konnte ein erstes Schweizer Wolfsrudel in der Region Calanca im Kanton Graubünden nachgewiesen werden.

Zwischen 2000 und 2017 wurden in der Schweiz 10 Wölfe mit Bewilligungexterner Link der Behörden getötet.

Insgesamt wurden 21 „schadenstiftende Einzelwölfe“ für den Abschuss freigegeben.

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 Die „Operation Wolf“ in Frankreich

Ein weiteres beredtes Beispiel für die anhaltende Wolfsdiskussion findet sich in Frankreich, wo kürzlich der „Aktionsplan Wolf 2018-2023externer Link“ präsentiert wurde. Das 100-seitige Dokument vereinigt Studien, Erhebungen und Reflexionen zur Zukunft des Wolfs auf französischem Boden.

Das Dokument hat keinen Enthusiasmus ausgelöst, weder auf Seiten der Tierschützer, noch auf Seiten derjenigen, die im Wolf eine Plage sehen.

Besonders umstritten sind die vorgesehenen Abschussquoten, wie der französische Fernsehkanal zu parlamentarischen Informationen LCPexterner Link herausgearbeitet hat. Demnach können im Jahr 2018 genau 40 Wölfe erschossen werden, rund 10% der gesamten Population.

Für den Landwirtschaftsverband FNSAexterner Link, der die Interessen von Züchtern vertritt, liegt die Quote zu tief. Sie wollen, dass nach jedem Angriff auf eine Herde der verantwortliche Wolf abgeschossen werden darf.

Umweltorganisationen wie der WWF befürchten hingegen, dass ein Quotensystem ineffizient und kontraproduktiv ist. Erstens sei es schwierig herauszufinden, ob ein bestimmter Wolf tatsächlich für den Angriff auf eine Herde verantwortlich gemacht werden könne. Zweitens könne die Tötung eines Alphatieres das Gleichgewicht eines Rudels stören.

Mehr Wissen nötig

Nach Expertenmeinung hat der französische Aktionsplan aber einen grossen Vorteil. „Er zeigte auf, dass wir unser Wissen über den Wolf vertiefen müssen.“ Das zumindest sagt der Schweizer Verhaltensforscher Jean-Marc Landryexterner Link , der das Zusammenleben zwischen Tierzüchtern und Wölfen studiert und eine eigene Stiftung für Biodiversität leitet.

In einem Interview mit der Zeitung 20min.frexterner Link betont Landry, dass erstmals in einem offiziellen Dokument so deutlich gesagt werde, dass ein vertieftes Wissen über den Wolf nötig sei: Von der Biologie bis zu den vorbeugenden Methoden gegen Angriffe. „Wir müssen noch sehr viel über den Wolf lernen.“


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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