
Claudia Andujar: Die Schweizer Chronistin der Amazonas-Völker

Die Schweizer Fotografin Claudia Andujar hat sich mit ihrer aussergewöhnlichen Karriere der indigenen Völker Brasiliens verschrieben. Das brasilianische Museum Inhotim würdigt sie mit einer Ausstellung. Sie ist indigenen lateinamerikanischen Künstler:innen gewidmet, die Andujars Fackel weitertragen.
Als sie 1955 in Brasilien ankam, sprach Claudia Andujar Ungarisch, Französisch, Deutsch und Englisch, aber kein Portugiesisch. Ein halbes Jahrhundert später erklärte sie in ihrem Buch The Vulnerability of Being, in dem sie 50 Jahre ihres Schaffens zusammenfasst, dass ihre Biografie nur «durch Bilder» erzählt werden könne – und dass die Fotografie die Sprache sei, die sie angenommen habe, um mit der Welt zu kommunizieren.
Heute, im Alter von 94 Jahren, ist Andujar eine international anerkannte Künstlerin. Zugleich ist sie eine der wichtigsten Stimmen zur Verteidigung der Rechte der Yanomami, einer der grössten noch existierenden indigenen Gruppen Südamerikas, die an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien lebt.
Im Jahr 2015 widmete ihr das Inhotim-Museum im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais ein ganzes Gebäude, die Claudia-Andujar-Galerie.
Der Innenraum wurde vollständig von der Künstlerin konzipiert: «Das Werk, die Auswahl, das Narrativ, der Aufbau, alles kam von ihr», erinnert sich Rodrigo Moura, damals Kurator des Pavillons und heute künstlerischer Leiter des Museums für Lateinamerikanische Kunst in Buenos Aires (Malba).

Dieser ursprüngliche Pavillon war das Ergebnis einer fünfjährigen Recherche in der Sammlung der Künstlerin. Das Ziel war, den Gesamtumfang von Andujars Arbeit mit den Yanomami-Völkern zu präsentieren, die weit über die Fotografie hinausreicht und eine grössere politische Dimension erlangt hat.
Andujar unterteilte die Fläche in drei grosse Bereiche, um die 430 Fotos der Dauerausstellung zu präsentieren: Land und Natur; der Mensch – einschliesslich Rituale, Jagd und Körperausdruck – und ein dritter Bereich mit dem Titel: Der Konflikt.
Dieser letzte Abschnitt umfasst die Auswirkungen des Kontakts zwischen dem «zivilisierten» weissen Mann und den so genannten «Wilden», wie sie von den «Eindringlingen», nämlich Holzfällern, Schmugglern und Goldgräbern, wahrgenommen wurden.
Das illegale Goldschürfen im Land der Yanomami wird in ihren Bildern schonungslos offengelegt. Es sind die ersten Bilder, die auf die ökologische und soziale Zerstörung aufmerksam machen, die durch die illegale Ausbeutung des Gebiets der Yanomami verursacht wird.
Maxita Yano: vielfältige Perspektiven
Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens wurde die Galerie Claudia Andujar in diesem Jahr mit einer Ausstellung von 90 fotografischen und audiovisuellen Werken von 22 indigenen Künstler:innen aus Südamerika neu konzipiert.
Der Raum wurde in Maxita Yano umbenannt, was in der Sprache der Yanomami «Haus der Erde» bedeutet. Ziel ist es laut Kuratorin Beatriz Lemos, die Debatte über die visuelle Darstellung indigener Völker komplexer zu gestalten, ohne dabei zu vergessen, dass Andujar «eine Vorreiterin, eine grosse Referenz für viele indigene Künstler ist».
Der brasilianische Künstler Denilson Baniwa, der eines seiner Werke für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat, unterstreicht ebenfalls die Bedeutung von Andujar als «grundlegende Verbündete». Ihr Werk sei «wesentlich, damit mehr indigene Künstler innerhalb und ausserhalb institutioneller Räume gesehen und respektiert werden».

Für die bolivianische Künstlerin Elvira Espejo, ehemalige Direktorin des Nationalmuseums für Ethnografie und Folklore in La Paz (Bolivien), die ebenfalls mit Werken im Pavillon vertreten ist, macht die Einbeziehung indigener Künstler:innen zwei unterschiedliche Perspektiven deutlich.
«Die indigenen Völker werden sowohl von innen als auch von aussen betrachtet, was eine grössere Vielfalt an Lesarten ermöglicht.»
Eine schmerzhafte Jugend
Andujars Engagement für Themen wie Vertreibung, Trauma und Tod ist eng mit ihrer eigenen Biografie verwoben, deren Stationen in den beiden ihr gewidmeten Dokumentarfilmen Gyuri (2022) der brasilianischen Regisseurin Mariana Lacerda und Die Vision der Claudia Andujar (The Lady of the Arrows, 2024) der Schweizer Regisseurin Heidi Specogna beleuchtet werden.

In Specognas Dokumentarfilm erzählt Andujar, wie ihre Mutter Germaine Guye, die nach Siebenbürgen zog, um Französisch zu unterrichten, darauf bestand, dass ihre Tochter in der Schweiz, ihrem Herkunftsland, geboren wurde und nicht in Oradea (heute rumänisches Gebiet und damals ungarisch Nagy Varad), wo sie mit ihrem Mann lebte.
«Claudine Haas» kam also 1931 in Neuenburg zur Welt. Nach der Scheidung der Eltern im Jahr 1938 wurde sie von ihrer Mutter getrennt und verbrachte ihre Kindheit in der Nähe der jüdischen Familie ihres Vaters.
Der Zweite Weltkrieg brachte eine entwurzelte Kindheit mit sich. Claudine kehrte zu ihrer Mutter zurück, die keine Jüdin war, und wurde in ein katholisches Internat geschickt, während die Familie ihres Vaters nach der deutschen Besetzung Siebenbürgens in ein Ghetto deportiert wurde. Bei ihrer Mutter zu bleiben, bedeutete damals, ihr eigenes Leben zu retten, schreibt sie in ihrem Buch.
Die beiden Frauen flohen aus Ungarn durch ein im Chaos versunkenes Osteuropa nach Wien und erreichten nach monatelanger Fahrt im Dezember 1944 die Schweiz. Andujar erinnert sich noch an «die Sauberkeit und den Überfluss an Schokolade», wie sie in The Vulnerability of Being erzählt.
Trailer des Dokumentarfilms The Lady of the Arrows, von der Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna (Portugiesisch mit französischen Untertiteln):
Claudine vergessen
Ihre unruhige Kindheit und die Tatsache, dass fast ihre gesamte Familie vom deutschen Naziregime umgebracht wurde, «ist etwas, das mich bis heute nicht loslässt», sagt Andujar in Specognas Dokumentarfilm.
Die Jahre, die sie getrennt von ihrer Mutter aufwuchs, schufen eine Distanz, die nur schwer zu überbrücken war. «Claudia vermisste ihre Familie väterlicherseits, die sie zurücklassen musste, ohne deren Schicksal zu kennen», sagt die Filmemacherin gegenüber Swissinfo.
Jahre später erfuhren Mutter und Tochter, dass der Vater und dessen gesamte Familie im Konzentrationslager Dachau in Deutschland ermordet worden waren. Die Auslöschung ihrer nahen Verwandten verfolgte die Künstlerin bis ins Erwachsenenalter.
Als sie 15 Jahre alt war, lud ihr Onkel, der einzige Überlebende der Familie ihres Vaters, sie ein, bei ihm in den Vereinigten Staaten zu wohnen. Sie fasste den Entschluss, alles hinter sich zu lassen und sich in eine neue Person zu verwandeln: «Ich wollte Claudine für eine Weile vergessen», gesteht die Künstlerin in Die Vision der Claudia. Und so wurde Claudia «geboren».
Im Alter von 18 Jahren heiratete sie Julio Andujar, den Sohn von Flüchtlingen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, von dem sie den Nachnamen annahm, den sie noch heute trägt.

Die Beziehung war nur von kurzer Dauer, doch die Angst, «als Jüdin entdeckt zu werden», liess sie den Namen behalten. «Ich hatte lange Zeit diese atavistische Angst und vermied es, über meine Abstammung zu sprechen», sagt die Künstlerin in einem Interview, das in The Vulnerability of Being veröffentlicht wurde.
Zu Hause in Brasilien
Im Jahr 1955, im Alter von 24 Jahren, reiste Claudia Andujar nach Brasilien, um ihre Mutter zu besuchen, die dorthin gezogen war. Sobald sie in São Paulo ankam, fühlte sie sich «zu Hause» und war zunächst «von der Freundlichkeit der Menschen bezaubert». Sie gab die Malerei auf, der sie sich in New York gewidmet hatte, um sich verstärkt der Fotografie zu widmen.
1958 hatte sie ihren ersten Kontakt mit indigenen Völkern. Zusammen mit ihrem damaligen Partner, dem amerikanischen Fotografen George Love (1937-1995), reiste Andujar 1971 im Auftrag von Realidade, einer brasilianischen Ausgabe des Magazins Life, das einen grossen Teil seines Layouts den Fotografien widmete, in den Amazonas.

Während Love Luftaufnahmen von der Region machte, fotografierte Andujar am Boden, um auf die katastrophalen Lebensbedingungen der indigenen Gemeinschaften aufmerksam zu machen. Dies war das erste Mal, dass das Thema in den brasilianischen Medien derart prominent behandelt wurde.
Der Holocaust und der Schmerz über den Verlust von Menschen in ihrer eigenen Familie sollten auch als Bezugspunkt für eines der ergreifendsten späteren Werke der Künstlerin dienen. Marcados (Markiert), eine Fotoserie, die zwischen 1981 und 1983 entstand, war das Ergebnis einer Reise, die sie zur Erkundung des Gesundheitszustands der Yanomami unternahm, mit dem Ziel, ihr Gebiet abzugrenzen.

Gemeinsam mit medizinischen Teams registrierte Andujar jedes Mitglied der Gemeinschaft mit einer Nummer, die den Menschen um den Hals gehängt wurde. Diese Nummern wurden später für medizinische Zwecke und für ihre Impfbücher verwendet.
Die ausgestellte Serie umfasst 82 Porträts, die von einem von Andujar verfassten Bericht begleitet werden. Er beschreibt die Lebensbedingungen der Yanomami.
Die Anspielung auf die Konzentrationslager, in denen Nummern zur Diskriminierung von Völkern verwendet wurden und später den sicheren Tod bedeuteten, war beabsichtigt.
«In meiner Familie waren die auf die Haut tätowierten Zahlen ein Zeichen des Todes. Diese hier sollten Leben retten», sagt die Künstlerin in dem Dokumentarfilm The Lady of the Arrows.
Editiert von Virginie Mangin & Eduardo Simantob/ds;
Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von Deepl: Petra Krimphove

Mehr
Kultur von SWI swissinfo.ch kompakt

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch