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In der Schweiz formiert sich eine neue Mitte

Die Grünliberalen sind heuer in Feierlaune. © Keystone / Ennio Leanza

Die Wahlen 2019 waren ein Einschnitt in der Parteienlandschaft der Schweiz. Und 2020 erschütterte die Corona-Krise die Schweizer Politik. Was bedeutet das für die politische Landschaft der Schweiz? Eine Standortbestimmung.

Dieser Inhalt wurde am 23. Dezember 2020 - 18:00 publiziert
Claude Longchamp, Politikwissenschafter und Historiker

Im Jahr 2019 erfolgte ein grosser Einschnitt in die politische Landschaft der Schweiz: Bei den Nationalratswahlen verloren SVP und SP gleichzeitig. Da diese Parteien im Bundesrat aber unverändert vertreten bleiben, reduzierte das auch den Anteil Wählender, die in die Regierung eingebunden sind. Mit knapp 69 Prozent ist ihr Anteil neuerdings so gering wie im letzten halben Jahrhundert nicht mehr.

Profitieren konnten die zwei grünen Schweizer Parteien: Die Grünen (GPS), klar links positioniert, gewannen am meisten; die Grünliberalen (glp), in der Mitte politisierend, waren die zweiten Sieger.

Aufgrund dieser Wahlgewinne sprach man von der Klimawahl. Nachanalysen zeigten eine Polarisierung, die zwar die Parteien nicht mehr gleich stark trennt wie zuvor, dafür die Generationen – die Umweltfrage spaltet die Altersklassen.

Es galt: Je jünger die Wählenden, umso klarer stimmten sie für eine der beiden grünen Parteien, die beide ausserhalb des Bundesrates politisieren. Regierungsparteien profitierten umso mehr, je älter die Wählenden waren.

Einschnitt in der politischen Grosswetterlage

Dann, mit der Corona-Krise, änderte sich 2020 die politische Grosswetterlage. Nun steht die Bewältigung der Pandemie im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit; 51 Prozent der Befragten gaben an, die Krise sei unter den fünf grössten Sorgen, die sie umtrieben. Der Klimawandel kommt im "Sorgenbarometer 2020" der Bürger an vierter Stelle, umgeben von der problembehafteten Altersvorsorge, der Arbeitslosigkeit und der Ausländerfrage. Während die Sorge um die Umwelt stabil geblieben ist, berichten die Befragten dieses Jahr insbesondere von einer höheren Furcht vor Arbeitslosigkeit.

Ein solch abrupter Wechsel des Sorgenhaushalts ist selten. Zwar kamen und gingen die grossen Probleme im Bewusstsein der Bürgerschaft in Zyklen, aber einen Einschnitt wie 2020 kannte das Barometer im letzten Vierteljahrhundert nicht. Das zeigt, wie tiefgreifend die Pandemie auch ins politische Bewusstsein durchgeschlagen hat.

Neue Parteistärken 2020

Die aktuellste Umfrage zu den Parteivorlieben der Schweizerinnen und Schweizer wurde im Auftrag der SRG erstellt. Sie fand zum Zeitpunkt der zweiten Welle der Corona-Pandemie Ende Oktober 2020 statt.

Die Studie kündet eine mögliche Trendwende an. Gemessen am Niveau von 2019 erlitt die GPS erstmals wieder einen Rückgang. Weit stärker fielen die erneuten Verluste für die FDP, aber auch für die SVP und die SP aus.

Wieder zulegen konnte die glp. Leichte Umfrage-Gewinne gab es ausserdem für CVP und EVP.

Fasst man die kantonalen Parlamentswahlen zusammen, bestätigt sich der Aufschwung der Grünliberalen. An zweiter Stelle folgt die GPS, an dritter die EVP resp. CVP. Die Verluste für SP, SVP und vor allem die FDP sind erheblich.

Man könnte das alles so interpretieren: Die grüne Welle mit flächendeckenden Gewinnen entsprechender Parteien hat sich 2020 etwas abgeflacht. Gestärkt wurde im Corona-Jahr vor allem die Mitte.

In ebendieser Mitte bildet die CVP das bürgerliche Zentrum, die glp stellt den ökoliberalen Teil und die EVP repräsentiert den sozialkonservativen Flügel. Zusammen ergibt das einen interessanten Mix für eine neue Zentrumspolitik.

Zeit der Zentrumspolitik

Bei Volksabstimmungen zeigte sich diese Umgruppierung der Schweizer Politik bereits. War in der vorangegangenen Legislaturperiode die rechtsbürgerliche FDP die erfolgreichste Partei der Schweiz, weisen neu die Parolen der glp die höchste Übereinstimmung mit Volksentscheiden aus, gefolgt von jenen der CVP und der EVP.

Entsprechend den beobachteten Entwicklungen in der EU kam 2020 auch in der Schweiz die populistische Partei, die nationalkonservative SVP, an ihre Grenzen. Angesichts der Herausforderungen durch die Pandemie besteht zudem für Anliegen der Polparteien links (Grüne) wie rechts (Konservative) kaum mehr Spielraum.

Die Gunst der Stunde schlägt also für gemässigte Parteien. In der EU sind das vordergründig die Christdemokraten.

Parteistärken in der EU

Das Magazin Politico sammelt die Umfragen zu den Parteistärken in den EU-Mitgliedstaaten, rechnet sie fortlaufen in Sitze im Europaparlament um und vergleicht dies mit den Ergebnissen der EU-Wahlen 2019. Aktuell würden sowohl die Christdemokraten als auch neue Gruppierungen zulegen, während Rechtspopulisten, Liberaldemokraten, Grüne und Linke Sitze verlieren würden.

Übersicht 21.12.2020

EPP (Christdemokraten):            187 (+9 gegenüber Europawahlen 2019)

S&D (Sozialdemokraten):           141 (+/-0)

RE (Liberaldemokraten):             92 (-6)

ID (Rechtspopulisten):                75 (-8)

ECR (Konservative):                     61 (-2)

Greens (Grüne):                           53 (-5)

GUE/NGR (Linke):                         52 (-5)

New (diverse Neue):                    26 (+18)

NI Unabhängige:                          23 (-3)

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Neuformierungen in der Schweiz

Die Schweiz hat da eigene Beispiele, allen voran die Grünliberalen.

Sie profilieren sich mit dem verabschiedeten CO2-Gesetz als Partei, die mit einem pragmatischen Mix aus neuen Technologien und Anreizen für veränderte Verhaltensweisen punkten will. Dabei politisiert sie bewusst marktwirtschaftlich, nicht etatistisch.

Die kleine EVP kennt in der EU kein Pendant. In der Schweiz wagt sie neuerdings den Spagat zwischen konservativer Gesellschaftspolitik und linker Wirtschaftskritik - eine hierzulande bisher unbekannte Kombination, welche die Neugierde einiger Wählender zu wecken scheint.

Die CVP wiederum hat im November beschlossen, mit der führungslosen BDP, ursprünglich eine bürgerliche Abspaltung der SVP, zu fusionieren und ab 2021 gemeinsam als "Die Mitte" aufzutreten. Sie will das gespaltene Land einen und Baustellen bei Steuerkonformität und Sozialpolitik angehen.

Im neuen Parlament bilden CVP, BDP und EVP seit den Wahlen 2019 eine gemeinsame Mitte-Fraktion. Eine Auswertung des Stimmverhaltens im Nationalrat legt dabei nahe, dass CVP und BDP heute leicht rechts der Mitte politische Lösungen suchen, während die glp und die EVP leicht links davon politisieren. Damit unterscheidet sich die Mitte klar von den Polparteien SVP, SP und GPS. Wohin die FDP tendiert, ist 2020 noch nicht entschieden.

Generationenübergreifende Mitte

Eine Wahlanalyse der jüngsten Parlamentswahlen im Kanton Aargau zeigt zudem, dass CVP, glp und EVP auf gut einen Viertel der Wählenden zählen können. Das gilt insgesamt und in allen Altersgruppen.

Mit anderen Worten: Die Mitte bildet sich als generationenübergreifende Strömung heraus, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten der Parteien in den verschiedenen Altersgruppen.

Die glp hat dabei die besten Karten, wenn es ihr gelingt, ihr neu gewonnenes Elektorat zu halten. Denn der Altersdurchschnitt der Wählerschaft der Zentrumsparteien ist bei ihr am geringsten. Was in der Schweiz kommen dürfte, drückt sie deshalb am besten aus.

Ausblick

Denkt man das Typische an Wahlergebnissen 2020 in die unmittelbare Zukunft, sind dreierlei Deutungen denkbar:

Erstens: Die Polarisierung stagniert, die Mitte formiert sich.

Zweitens: Noch ist das Zentrum fragmentiert, doch bilden sich neue Formen der Zusammenarbeit heraus.

Drittens: Eine gestärkte Mitte könnte in der Schweiz mit ihren Erfordernissen zur Konsensdemokratie durchaus zukunftsweisend sein.

Die wichtigsten Parteien der Schweiz

SVP: Schweizerische Volkspartei

SP: Sozialdemokratische Partei

FDP.Die Liberalen: Freisinnig-Demokratische Partei

CVP: Christlichdemokratische Volkspartei

GPS: Grüne Partei der Schweiz

GLP: Grünliberale Partei

BDP: Bürgerlich-Demokratische Partei

EVP: Evangelische Volkspartei

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