Ghanaer haben andere Sorgen als den Staatsbesuch in der Schweiz

Nana Akufo-Addo ist seit drei Jahren Präsident von Ghana. Er reist diesen Freitag nach Bern zu einem Staatsbesuch. 2019 Paul Marotta

Nach über 60 Jahren empfängt die Schweiz wieder einmal einen Präsidenten aus Subsahara-Afrika zu einem Staatsbesuch: Ghanas Staatsoberhaupt Nana Akufo-Addo reist am Freitag nach Bern. Zwei Journalisten aus Ghana erzählen SWI swissinfo.ch, was dieser Besuch für ihr Land bedeutet.

Dieser Inhalt wurde am 27. Februar 2020 - 14:00 publiziert
Isaac Kaledzi ist Journalist in Ghana und arbeitet auch für die Deutsche Welle, den Auslandrundfunk Deutschlands. zVg

Ghana teilt mit der Schweiz – im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern – keine lange gemeinsame Geschichte, wie der ghanaische Journalist Isaac Kaledzi sagt. Der Einfluss der Schweiz in Ghana sei geschichtlich gesehen vor allem religiöser Natur: Ab 1815 zogen Basler Missionare unter anderem nach Ghana, um das Evangelium zu verkünden. Sie übersetzten die Bibel in die lokalen Sprachen, gründeten Schulen und Spitäler. Und trieben Handel.

Aus Sicht der Ghanaer und Ghanaerinnen sei der Besuch ihres Präsidenten in der Schweiz bloss "einer von zahlreichen", so Kaledzi weiter, der auch für die Deutsche Welle, den Auslandrundfunk Deutschlands, über sein Land berichtet. Viele wüssten gar nicht Bescheid über die Reise in die Schweiz und hätten schlicht andere Sorgen: "Sie machen sich eher Gedanken darüber, woher ihre nächste Mahlzeit kommen wird."

Salifu Abdul-Rahman ist Leitender Assistenz-Redaktor bei der staatlichen Tageszeitung Ghanaian Times. zVg

Laut Kaledzi wird der Staatsbesuch in den ghanaischen Medien vermutlich nicht für Schlagzeilen sorgen. Salifu Abdul-Rahman, Leitender Assistenz-Redaktor bei der staatlichen Tageszeitung Ghanaian Times, glaubt aber, dass der Besuch den heimischen Medien mehr als bloss eine Nachricht Wert sein werde: Ghanaische Journalisten begleiteten Akufo-Addo, um über dessen Reise zu berichten, sagt er.

Kakao- und Gold-Export

Grosse Wellen wird der eintägige Besuch auch in der Schweiz nicht werfen: Es gehe vor allem um die Wirtschaftsbeziehungen, schreibt das Departement von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (UVEK) in einer Medienmitteilung. Konkret um Importe ghanaischer Produkte in die Schweiz, insbesondere Gold und Kakao. Ghana ist nach Südafrika der zweitwichtigste Handelspartner der Schweiz in Afrika.

Ghana ist ein Schwerpunktland der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit des SECO. Für den Zeitraum 2017-2020 sind rund 75 Millionen Franken für die Zusammenarbeit mit dem westafrikanischen Staat vorgesehen.

Ghana ist der wichtigste Kakaobohnen-Lieferant für die Schweiz. Beim Gold gehört das Land zu den zehn führenden Herkunftsländern.

Bei den Gesprächen während des Staatsbesuchs werden laut UVEK auch eine engere Kooperation beim Klimaschutz und im Umgang mit gefährlichen Abfällen thematisiert. Zur Sprache kommen soll zudem die Zusammenarbeit in der Friedens- und Sicherheitspolitik.

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Sein Land erhoffe sich von dem Besuch, dass das Handelsvolumen mit der Schweiz zunehme, sagt Abdul-Rahman. Er erinnert daran, dass 2017 die damalige Bundespräsidentin Doris Leuthard zu einem Staatsbesuch nach Ghana gereist war und Präsident Akufo-Addo im gleichen Jahr Bundesrat Johann Schneider-Ammann am Africa CEO Forum in Genf getroffen hatte. Kontakte, die laut Abdul-Rahman "den Grundstein für eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit" legten.

Hoffen auf Investoren

Komme es dank dem Besuch Akufo-Addos zu Geschäftsabschlüssen mit dem Privatsektor und somit zu Investitionen in Ghana, könne das für sein Land durchaus von Bedeutung sein, sagt Deutsche-Welle-Korrespondent Kaledzi. Die Regierung könnte so "ihre Agenda zur Industrialisierung des Landes vorantreiben". Kurzfristig aber werde der Staatsbesuch dem "einfachen Ghanaer kaum einen Nutzen bringen".

Auf die Frage, welchen Ruf die Schweiz in Ghana habe, antwortet Abdul-Rahman von der Ghanaian Times, die Ghanaer und Ghanaerinnen seien in Schweizer Produkte verliebt und die Schweiz werde assoziiert mit Uhren und "bezauberndem Schmuck". Kaledzi sagt, viele brächten die Schweiz mit Tennisstar Roger Federer und dem Fifa-Hauptsitz in Verbindung.

Der Korrespondent der Deutschen Welle sagt aber auch, einige sähen die Schweiz als ein Land, in dem man geheime Bankkonten haben könne. Und viele verdächtigten die Regierung, solche Konten zu haben und diese mit Staatsgeldern zu füttern.

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Der Besuch des ghanaischen Präsidenten ist erst der dritte Staatsbesuch aus Subsahara-Afrika in der Schweiz. Gemäss der neuen Aussenpolitischen Strategie des Bundesrats will die Schweiz im südlich der Sahara gelegenen Teil des afrikanischen Kontinents "vermehrt Chancen wahrnehmen und die Region bei der Bewältigung ihrer Herausforderungen partnerschaftlich unterstützen".

1954 reiste der äthiopische Kaiser Haile Selassie an, zwei Jahre später war es Liberias Präsident William Tubman. Insgesamt reisten in den letzten 60 Jahren 73 Staatsoberhäupter zu einem Staatsbesuch in die Schweiz. Allein 25 Mal empfing die Schweiz einen Gast aus einem der fünf Nachbarländern. 19 Länder aus Europa reisten insgesamt 48 Mal zu einem Staatsbesuch nach Bern.

(Quelle: EDA-Liste Staatsbesuche 1990-2019 / EDA-Liste ausl. Besuche 1873-1990)

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