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Kalter Krieg Als die Mauer fiel, schaute die Schweiz erstarrt zu

Der Schweizer Bundesrat 1989: Adolf Ogi, Flavio Cotti, Arnold Koller,  Jean-Pascal Delamuraz, Otto Stich, Rene Felber und Kaspar Villiger.

(Keystone)

In der Schweiz verfolgte man den Fall der Mauer um die DDR aufmerksam. Doch in die Feststimmung mischte sich Unbeholfenheit. Viele wussten kaum recht, wie mit dem Ende des Kalten Krieges umzugehen sei.

Am 9. November 1989 wurde der eiserne Vorhang, der die DDR von der BRD trennte, von einem tödlichen Todesstreifen zu einer alten Betonmauer. 

Hier finden Sie Beiträge von Schweizer Radio und Fernsehen zum Mauerfallexterner Link

Auch in der Schweiz war die Freude gross: David Hasselhoffs "Looking for Freedom" wurde in den Radiostationen zur Hymne der Wende. Der Korrespondent des Schweizer Fernsehens in Berlin sprach vor Menschen, die über die Mauer kletterten, enthusiastisch von einem "historischen Moment". 

Und etliche Zeitungen feierten die Öffnung der Grenzen der DDR als "Götterdämmerung" des postkommunistischen Europas. Sie sollten Recht behalten: In den Wochen darauf erfassten friedliche Revolutionen die meisten kommunistischen Staaten Europas.

Zögerliche Reaktion bei den Behörden

Die offizielle Schweiz reagierte hingegen eher reserviert auf den Mauerfall. Bundespräsident Jean-Pascal Delamuraz bekräftigte am 10. November 1989 zwar die  "positive Reaktion" der Schweiz auf die Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik. 

Doch einen Tag zuvor erachtete sein Kollege, der Bundesrat und Aussenminister René Felber, das Ereignis als zu wenig relevant für einen Pressekommentar – schliesslich geschehe jeden Tag etwas Wichtiges. Wenige Monate später malte er die Gefahr einer "drohenden Germanisierung von Europa" durch das wiedervereinigte Deutschland an die Wand.  Zehn Jahre später sagte Felber, er sei vom Fall der Mauer schlicht überrumpelt worden.

"Es passiert jeden Tag etwas Wichtiges": Bundesrat Felber am Tag des Mauerfalls.

(Keystone / Str)

Im Parlament sprach man Mitte Dezember 1989 auf Grund mehrerer Interpellationen kurz über die historische Bedeutung. Es gab etwas Applaus, auf eine Diskussion verzichtete man aber, die gestellte Frage, wie man sich gegenüber der Öffnung verhalten, blieb in der Müdigkeit unbeantwortet.externer Link 

Es war bereits 21 Uhr. Die Neue Zürcher Zeitung enervierte sich: "Dem fehlenden Sinn für Prioritäten ist es zuzuschreiben, dass die Volkskammer ohne Rücksicht auf Zeitverluste beim Budget um Bagatellbeträge herumstreitet, wesentliche Zukunftsfragen aber in den Abendstunden des zweitletzten Sessionstages erörtert."

Störung der Ordnung

Zur Feier von 20 Jahren Mauerfall war bezeichnenderweise keine Schweizer Delegation nach Berlin eingeladen worden.  Denn die Unfähigkeit zu historischem Pathos fiel auch jenseits der Grenze auf: Im "Spiegel"externer Link schrieb man Ende 1989, die offizielle Schweiz beobachte das Zusammenwachsen Europas "ratlos". Sie wirke geradezu konzeptlos im Umgang mit dem Ende des Kalten Krieges.

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Bezeichnend für diesen fast sorgenvollen Blick auf die Umbrüche ist eine Erinnerung des damaligen Bundesrats Adolf Ogis daran, wie er auf den Fall der Mauer reagiert hat: Während andere Prominente gegenüber der Zeitung "Le Matin" von dem Tag der Wende schwärmten, meinte der Berner Oberländer nüchtern, er habe den Fernseher eingeschaltet und sofort verstanden, "dass fortan auch die Schweiz ihre Position in der Welt neu definieren musste."

Misstrauen gegenüber der Öffnung

In den Köpfen der Armee kam die drohende Veränderung erst Wochen später an, als die Initiative "für eine Schweiz ohne Armee" an der Urne einen erstaunlichen Achtungserfolg errang. Als in Berlin die Mauer niedergerissen wurde, befand sich die Schweizer Armee seit einigen Tagen in einer auf Wochen angelegten Truppenübung mit 44'000 Militärpflichtigen. 

Man übte den Krieg von "Grünland" gegen "Gelbland". Die Armee-Führung traute der gefeierten Öffnung nicht.  Ende der 1980er-Jahre waren selbst renommierte Schweizer Strategie-Experten noch davon überzeugt, dass die "Perestroika", also die Öffnungspolitik der damaligen UdSSR, nur ein Teil der psychologischen Kriegsführung gegen den Westen war.

Am misstrauischsten blieb die antikommunistische Rechten, die vor Freude hätte tanzen müssen. In einem melancholischen Gedicht besang man in der nationalkonservativen Zeitung "Schweizerzeit" noch drei Monate nach dem Mauerfall den Zweifel: "Man feiert jetzt ein grosses Fest / man feiert es vielleicht zu früh / denn noch grassiert die rote Pest."

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