The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter
Top Stories
Schweiz verbunden
Podcast

Ein Fenster zur Schweiz aus islamischen Gebetsräumen

Blick aus einem Fenster
«New Swiss Views» von Marwan Bassiouni: Schweizer Landschaften aus muslimischer Perspektive. Marwan Bassiouni

Moscheen in Dörfern, Städten und Bergregionen der Schweiz dienen dem Dokumentarfotografen Marwan Bassiouni als lebendiges Material für seine Werke. Er berührt spirituelle Ebenen und schafft mit seinen Bildern Poesie.

«Ob Musalla oder Masjid, informelle Räume, die für den Gottesdienst umfunktioniert wurden, oder eigens gebaute Moscheen, spielt keine Rolle, der Wert ist derselbe», sagt der muslimische Schweizer Künstler Marwan Bassiouni.

Er wurde 1985 im eleganten Morges im Kanton Waadt als Sohn eines ägyptischen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter geboren.

Bassiouni, der in Rolle aufwuchs und heute in Amsterdam lebt, hat diese religiösen Orte während zweier Roadtrips durch sechzehn Kantone im Sommer 2021 und im Herbst 2022 mit einer klaren Absicht besucht.

«Mein Ziel war es, ein Porträt der Schweiz aus dem Inneren islamischer Gebetsräume zu schaffen Während der Reise erforschte ich, wie viel von der Schweizer Landschaft ich aus einem Innenraum heraus einfangen könnte», sagt er.

Das Innere des Dachgeschosses eines Chalets in der Zentralschweiz, eingerichtet mit muslimischen Kultgegenständen
Das Innere des Dachgeschosses eines Chalets in der Zentralschweiz, eingerichtet mit muslimischen Kultgegenständen. Marwan Bassiouni

«Ich suchte nach Ausblicken, die sowohl die Einzigartigkeit als auch die Alltäglichkeit des Landes und der muslimischen Gemeinschaft widerspiegeln könnten. Ich wollte diesen Landschaften und diesen Innenräumen zuhören.»

Nun wählte Bassiouni 41 Fotografien aus dem Bildkorpus aus, um die Monografie «New Swiss Views (The Sand Station)» zusammenzustellen, die in den drei Landessprachen und auf Englisch realisiert wurde.

Auf dem Cover ist ein bescheidener Innenraum im Dachgeschoss eines Chalets in der Zentralschweiz zu sehen. Bestückt ist er mit minimalen Objekten: einem türkischen Gebetsteppich, einem Schweizer Stuhl und einem Tasbih oder Tespih (islamischer Rosenkranz), der an Rohren hängt. Durch das hohe Dachfenster fällt das Mittagslicht herein.

Das poetische Fenster

In jeder Aufnahme hebt sich in der Mitte des Raums ein kristallklares Fenster ab. Dahinter zieht ein Stück Welt vorbei. Der Verweis auf die Poetik des Fensters in der Kunstgeschichte ist offensichtlich.

Ein Mann mit Schiebermütze
Marwan Bassiouni, Fotograf. Yusuf Zucchero

Das natürliche Licht modelliert Formen, spielt mit den beiden Räumen innen und aussen und befragt die Geometrie der Landschaft. Es sind kraftvolle, minimalistische Kompositionen, die industrielle Ansichten, Gebäude, Himmel und Berge sowie üppige Vegetation zeigen. Man betrachtet sie langsam, da sie ein Gefühl von Stille ausstrahlen.

«Ich sehe das Fenster als Brücke zu einer anderen Wahrnehmung der muslimischen Schweizer Gemeinschaft und als Mittel, sie innerhalb der Landschaft zu präsentieren. Aber das Fenster ist auch ein Element, das uns einlädt, unser Land und unsere Gedanken zu beobachten», sagt Bassiouni. «Das Fenster ist ein Spiegel.»

Die Abwesenheit menschlicher Figuren in diesen Szenen erzeugt ein Gefühl von Geheimnis. Wir stellen uns die Rituale vor, sehen aber keine Gesichter und keine knienden Personen. Der Autor sagt, er wolle die Betrachtenden intimer in den Raum der Stille eintauchen lassen, als sei man allein in der Natur.

«Ich habe mich entschieden, keine Menschen zu fotografieren, weil mir das Licht, die Gebetsräume, die Landschaften und die Gebäude bereits lebendig erscheinen. Ich nähere mich diesen Räumen, als wären sie Lebewesen.»

«Islamische Industriearchitektur»

Das Bild «New Swiss Views #4» zeigt einen Raum mit niedriger Holzdecke und Blick auf eine Strassenkreuzung. Zu erkennen ist die Rue des Eaux-Vives in Genf.

Von einem oberen Balkon hängen Schweizer Fahnen herab, während die Leere des Innenraums von einem blauen Teppich, einem Schrank für Koranbücher und einem gelben Ludwig-XIV.-Stuhl ausgefüllt wird.

Letzterer fängt die Sonnenstrahlen durch eine Wolke ein. Die Atmosphäre ist fromm und erwartungsvoll, als würde der Stuhl eine himmlische Gabe absorbieren.

Blick aus einem Fenster auf ein mehrstöckiges Gebäude
«New Swiss Views #4». Marwan Bassiouni

Die fotografierten Musallas sind in Industriegebiete eingebettet. «Sie sind die häufigsten in der Schweiz. Sie spiegeln eine wirtschaftliche Realität und die bescheidenen Ressourcen der Gemeinschaft wider», betont der Autor, der aber auch einige offizielle Moscheen aufgenommen hat.

Diese befinden sich auf den letzten Seiten des Buchs. Alle Orte werden anonym gehalten. Bassiouni besteht auf der Präsenz einer modernen islamischen «Industriearchitektur» in der Schweiz.

«Während ich nach diesen Räumen mit malerisch interessanten Ausblicken auf die Schweizer Landschaft suchte, führte mich die Suche in die Industriegebiete. Dann wurde mir klar, dass es sich nicht um einen Zufall handelte.» Er sagt, dass diese Räume von aussen oft verborgen sind.

Sie offenbaren eine «unsichtbare» Schweiz. «Oft musste ich die Briefkästen am Eingang der Gebäude genau anschauen, um den Eingang der Moscheen zu finden, die oft als Kulturstiftungen bezeichnet werden.»

Die Innenräume spiegeln ästhetische Präferenzen sowie geografisch-kulturelle Identitäten wider. «Die schweizerisch-albanische muslimische Gemeinschaft, die grösste im Land, hat oft Mosaik-Fensterrahmen, die ein erkennbares Muster schaffen», sagt er.

«Die schweizerisch-bosnische Gemeinschaft verwendet Holz in ihren Innenräumen und schafft so eine unverwechselbare, rustikale Atmosphäre. In der türkisch-schweizerischen Gemeinschaft nahe der deutschen Grenze ist Kalligrafie vorherrschend – man sieht handgemalte Blumen wie Tulpen», so Bassiouni weiter.

«Die arabische Gemeinschaft, einschliesslich der Libanesinnen und Libanesen in Zürich, bringt ihre eigene Ästhetik mit, ebenso wie die somalische Moschee, die ich besucht habe. Sie evozierte die panafrikanischen Farben mit orangefarbenen Wänden und einem grünen Teppich im Gebetsraum der Frauen.»

Die Schweiz, intim und emotional

Blick aus einem Fenster
Ein Foto aus der Serie «New Swiss Views». Marwan Bassiouni

Der Künstler sieht sich selbst als eine Kombination aus verschiedenen Kulturen mit ägyptischen und amerikanischen Wurzeln. «Aber die Schweiz bleibt meine Heimat, der Ort, mit dem ich am meisten verbunden bin», gesteht er.

«In den letzten Jahren bin ich zurückgekehrt, um meine Familie zu besuchen und an Ausstellungen teilzunehmen.»

Seine Erinnerungen führen ihn nach Rolle, in seine Kindheit und die Freude, inmitten der Natur zu sein. «Das Herz neigt sich natürlich zur Landschaft des eigenen Herkunftslands. Als ich für New Swiss Views an Orte reiste, die ich noch nie betreten hatte, verspürte ich ein Gefühl von Vertrautheit und Trost, als wäre ich zu Hause. Das Fotografieren in der Schweiz war intimer und emotionaler.»

Bassiouni drückt seine Dankbarkeit für die Ausbildung an der École de photographie in Vevey (CEPV) sowie für die Lehre in einem Studio in Genf aus.

Sehr nützlich war auch die Arbeitserfahrung in einer NGO für Menschenrechte in Genf. «Sie hat mir die Augen für viele Dinge in der Welt geöffnet und mich mit meiner privilegierten Erziehung konfrontiert.»

Nachdem er in Kairo Arabisch studiert hatte, leistete er in Freiburg seinen Zivildienst ab, bevor er in die Niederlande aufbrach, wo er an der Royal Academy of Art in Den Haag seinen Abschluss machte.

Seine Werke wurden im Kunsthaus Zürich, im Kunstmuseum in Den Haag, im Foam in Amsterdam und im ICP in New York ausgestellt.

Blick aus einem Fenster in Grossbritannien, ein roter Doppeldeckerbus ist zu sehen
Ein Foto aus der Serie «New British Views». Marwan Bassiouni

Der Autor hofft, dass sein Werk zur Introspektion einlädt und «eine einzigartige visuelle Erfahrung ermöglicht: eine Begegnung». Diese Begegnung ist unser fester Blick auf die Frontalität der Oberfläche, die Horizontalität und die Vertikalität einer Linie, die sich einer anderen Form der Zeit nähert, in welcher der Augenblick, unbeweglich gemacht, sich ausdehnt, bis er das Unendliche evoziert.

Der Filmemacher Andrei Tarkowski schrieb: «Ich kann nur sagen, dass das Bild zum Unendlichen strebt und zum Absoluten führt.»

Der Autor wäre ebenso glücklich, wenn diese Bilder soziale Harmonie fördern würden. «Menschen können auf sehr unterschiedliche Weise auf die Bilder reagieren», sagt er. «Aber wenn die Betrachtenden ein Gefühl der Ruhe verspüren, dann bin ich glücklich.»

Ein neuer Blick auf den Westen

Blick aus einem Fenster auf alte Reihenhäuser aus Backstein
Ein Foto aus der Serie «New Dutch Views». Marwan Bassiouni

Bassiouni begann im Jahr 2018 damit, Moscheen in den Niederlanden zu fotografieren. Die ersten Bilder dieser Serie mit dem Titel «New Western Views» entstanden. «Eines Tages besuchte ich eine Moschee mit einem grossen Fenster und einer eindrucksvollen Aussicht. Da klickte etwas in mir», erzählt er.

«Ich verstand, dass ich, wenn es mir gelänge, in einem einzigen Bild das Innere der Moschee und die äussere Landschaft zu vereinen, eine einzigartige Seite der muslimischen Realität im Westen einfangen könnte. New Swiss Views ist die Fortsetzung und Entwicklung dieser Erforschung, angewandt auf eine andere Geografie und einen anderen Kontext.»

Das Fotografieren von «New Swiss Views» brachte unerwartete Momente mit sich. «Die Architektur der Schweizer Moscheen veranlasste mich zu einer technischen Änderung. Während ich zuvor im vertikalen Format gearbeitet hatte, führten mich die industriellen Fenster, die oft in Paneele unterteilt sind, zu einer horizontaleren und immersiveren Bildgestaltung.»

Dann schweift sein Gedanke zu einem Abend kurz nach Sonnenuntergang: «Der Gebetsruf war gerade erfolgt. Der Imam begann, die ersten Gebetseinheiten leise zu rezitieren, als plötzlich im Nebenraum Popmusik in hoher Lautstärke zu spielen begann, gefolgt von der dominierenden Stimme eines Trainers, der eine Gruppe von Frauen anleitete. Eine Aerobic-Stunde hatte gerade begonnen», erzählt er.

«Mit den Sperrholzwänden koexistierten diese beiden Klanglandschaften auf ziemlich surreale Weise. Mich hat die Anpassungsfähigkeit der Gemeinschaft an schwierige Umgebungen für die Ausübung ihres Glaubens beeindruckt.»

Blick aus einem Fenster auf alte Reihenhäuser aus Backstein
Foto aus der Serie «New British Views». Marwan Bassiouni

Die Hintergründe enthüllen Fragmente von Menschlichkeit. «Sie luden mich zum Mittagessen ein. So konnte ich Gerichte der authentischen albanischen, somalischen, bosnischen und türkischen Küche probieren», fährt Bassiouni fort. «Sie boten mir eine Mitfahrgelegenheit an, weil ich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen war.»

Er bezeichnet die Begegnung mit einem Konvertiten zum Islam mit starkem lokalem Akzent, der in einer Schokoladefabrik arbeitete, in Freiburg als denkwürdig.

«Er war die freundlichste und schweizerischste Person, die ich je getroffen hatte. Er bot mir in der Fabrik Schokolade und Kaffee an, erzählte mir von seinen Spendensammlungsprojekten für den Bau einer Moschee, die sich damals in einer Garage befand, und begleitete mich, um andere Moscheen zu besuchen.»

Die Reise durch das Kaleidoskop der muslimischen Gemeinschaften geht weiter. Nach den Niederlanden, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich stellt Bassiouni gerade ein weiteres Kapitel von «New British Views» fertig, eine mehrjährige Erforschung der britischen islamischen Landschaft. Zudem arbeitet er an «New American Views» über jene in den USA.

Editiert von Luigi Jorio und Eduardo Simantob, Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft