Schweizer Solar-Offensive in den Alpen: Das sind die ersten Erkenntnisse
In den Schweizer Alpen sollen grosse Solaranlagen im Winter viel Strom liefern. Deshalb hat die Schweiz vor gut drei Jahren den sogenannten «Solarexpress» lanciert, bisher mit durchmischtem Erfolg. Eine Analyse.
Die Schweizer Regierung hat vor etwas mehr als drei Jahren die Initiative «Solarexpress» ins Leben gerufen (siehe Infobox unten).
Derzeit sind rund 30 grosse Solarkraftwerke in den Schweizer Alpen geplant, die sich in verschiedenen Phasen der Fertigstellung oder Genehmigung befinden, während eine ähnliche Anzahl von Projekten abgelehnt wurde.
Die ursprüngliche Frist für die Registrierung von Projekten war Ende 2025, aber die Frist und das Gesetz wurden im vergangenen Frühjahr verlängert und geändert.
Angesichts der Besorgnis über die Klimakrise und die Energieversorgung verabschiedete das Schweizer ParlamentExterner Link 2022 ein Gesetz, um den Bau grosser Solarparks in Hochgebirgsregionen zu vereinfachen und zu beschleunigen und die Stromerzeugung im Winter anzukurbeln.
Das Gesetz senkte die Hürden für den Bau – darunter strenge Umweltauflagen – und bot grosszügige Subventionen (60% der Projektkosten).
Die Betreibenden mussten ab Ende 2025 mit der Einspeisung von Strom in das Netz beginnen, um sich die wichtigen staatlichen Fördermittel zu sichern. Das Programm wurde im März 2025 vom Parlament verlängert, und die ursprüngliche Frist wurde gestrichen.
Der Schweizer Gesetzgeber beschloss, die Bundesförderung zu verlängern, um die derzeitige Dynamik aufrechtzuerhalten. Mehrere eingereichte Projekte sind mit rechtlichen Einsprüchen und technischen Herausforderungen konfrontiert, was zu Verzögerungen geführt hat.
Derzeit sind rund 30 grosse Solarkraftwerke in den Schweizer Alpen geplant, während eine ähnliche Anzahl von Projekten abgelehnt wurde. Im Kanton Wallis, wo das Programm ins Leben gerufen wurde, war bis Ende 2025 keine einzige Anlage gebaut worden.
Das Projekt hat dennoch einige wichtige Erkenntnisse gewonnen:
Schnelle Umsetzung
Auffällig ist zuerst einmal das Tempo: Vor drei Jahren bestanden die ersten Solaranlagen in den Alpen nur gerade auf Papier.
Jetzt, drei Jahre später, sind in den Kantonen Graubünden und Uri insgesamt vier Anlagen im Bau und liefern Strom. Das zeigt, dass die Schweiz durchaus noch grosse Vorhaben zügig umsetzen kann. Das gelingt aber nur, wenn alle am selben Strick ziehen: Politik, Initianten, Behörden, Umweltschutzorganisationen und Bevölkerung.
Insbesondere der politische Rückhalt in der jeweiligen Region ist entscheidend. Rund der Hälfte aller geplanten Vorhaben hat die lokale Bevölkerung zugestimmt. Offensichtlich akzeptieren die Leute solche Anlagen in ihrer unmittelbaren Nähe. Das oft kolportierte Argument, dass «niemand» solche Bauten wolle, widerlegt der «Solarexpress».
Gewisse Projekte wären auch nicht so weit fortgeschritten, wenn nicht die Umweltschutzorganisationen Hand geboten hätten. Sie haben nicht per se gegen sämtliche Projekte opponiert, sondern situativ auf ihren Anliegen beharrt.
Diesbezüglich wird oft übersehen, dass es zwischen den Projekten erhebliche Qualitätsunterschiede gibt, etwa bezüglich der Standortwahl oder der Ausgestaltung der Anlage.
Nationales Energieziel wird wahrscheinlich verfehlt
Der «Solarexpress» zeigt allerdings auch die Grenzen auf. Die Idee, im Winter in den Alpen mittels Solaranlagen grosse Mengen Strom zu produzieren, dürfte scheitern.
Die sich in der Umsetzung befindlichen und geplanten Anlagen werden das Ziel von zwei Terawattstunden nicht annähernd erreichen. Dieser Umstand hat unter anderem mit der Zurückhaltung der Energieversorgern zu tun.
Die langfristige Energiestrategie der Schweizer Regierung sieht für erneuerbare Energien (ohne Wasserkraft) deutlich höhere Ziele vor, die bis 2035 (35 TWh) und 2050 (45 TWh) erreicht werden sollen.
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Die Energiekonzerne stehen auf der Bremse
Dass dieses Ziel mit alpinen Solarparks nicht erreicht wird, liegt zum Teil an der Zurückhaltung der Energieversorger.
Für die Stromunternehmen ist der «Solarexpress» Herausforderung und Steilpass zugleich. Jahrelang haben die Firmen geklagt, dass in der Schweiz im Bereich der erneuerbaren Energie kaum neue Projekte möglich seien, da sie oft auf Widerstand stiessen. Mit dem «Solarexpress» hat die Politik die Hürden für Vorhaben gesenkt.
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Doch nun zeigt sich, dass die Energiekonzerne diese Vorlage nur zaghaft und widerwillig nutzen: Die Kosten für alpine Solaranlagen sind sehr hochExterner Link (siehe Box unten) und entsprechend schwierig ist es, Abnehmer für den teuren Strom zu finden.
Kostenmässig fallen vor allem die Stahlkonstruktionen ins Gewicht, auf denen die Solarpanels montiert sind. Hier fordern das alpine Gelände und die harschen Witterungsbedingungen ihren Tribut.
Gemeinden und Kantone müssen Mängel beheben
Einige Energieversorger realisieren zwar einzelne Anlagen, um sich nicht dem Vorwurf aussetzen zu müssen, die politische Vorlage nicht genutzt zu haben. Aus wirtschaftlicher Sicht sind sie aber nicht sonderlich erpicht, weitere Vorhaben zu bauen.
Diesbezüglich wären die Eigentümer der Energieversorger – in der Regel Gemeinden und Kantone – gefragt: Sie müssten klären, welchen Preis die Stromversorgung haben soll und darf oder ob ihnen sprudelnde Dividenden doch wichtiger sind. Bislang haben sich die Eigentümer diesbezüglich ihrer Verantwortung weitgehend entzogen.
Das Experiment «Solarexpress» taugt beim Ausbau der erneuerbaren Energie in vielerlei Hinsicht als Vorlage: Es zeigt das Machbare und die Grenzen.
Befürworter:innen von alpinen Solarparks sagen, dass diese gegenüber Anlagen im Flachland gewisse Vorteile aufweisen. Die Berge bieten viel Sonnenschein, insbesondere im Winter, und die Anlagen können Solarenergie oberhalb der Wolken produzieren.
Das bedeutet, dass sie auch im Winter Strom erzeugen können, wenn die Nachfrage hoch ist und über vielen Solarmodulen in tiefer gelegenen Regionen Nebel liegt.
Sonnenkollektoren sind bei den niedrigen Temperaturen in den Hochalpen am effizientesten. Doppelseitige Kollektoren können noch mehr Sonnenstrahlen einfangen, auch solche, die vom Schnee und Eis reflektiert werden.
Expert:innen der Fachhochschule Bern schätzen, dass ein in grosser Höhe installiertes Photovoltaikmodul insgesamt etwa eineinhalb Mal mehr Energie pro Jahr produziert als eine vergleichbare Anlage im Flachland.
Entscheidend ist, dass Solaranlagen in den Alpen im Winter etwa vier- bis fünfmal mehr Strom liefern als Anlagen im Flachland.
Allerdings sind die Kosten für eine Solaranlage in den Bergen aufgrund der grösseren logistischen und baulichen Herausforderungen deutlich höher als in tiefer gelegenen Gebieten. Christof Bucher, Professor für Photovoltaikanlagen, schätzt, dass Strom aus Solaranlagen in den Alpen zwei- bis viermal teurer ist als Photovoltaik-Energie aus tiefer gelegenen Gebieten.
Unter anderem kritisieren Umweltverbände, dass Solarparks in den Bergen das Landschaftsbild beeinträchtigen und negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben. Auch ihr hoher Flächenbedarf und die Notwendigkeit spezieller Standorte werfen Fragen auf.
Solche Anlagen gibt es bereits in einigen Regionen Chinas und in kleinerem Umfang auch in den Bergen Frankreichs und Österreichs.
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