Heute in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Das Milizsystem durchdringt unser Land bis in die letzte Faser: Vom Bundeshaus in die Kantonsparlamente zu den Gemeinden. Und dort vom Schulrat zur Feuerwehr in die Vereine.
Nun ist Freiwilligenarbeit aber zunehmend etwas von Gestern. Was also tun? Alt Bundesrat Kaspar Villiger hat Antworten.
Herzliche Grüsse aus Bern
Die Schweiz wurde von Freiwilligen gebaut. Doch das Milizsystem ist ein Auslaufmodell. Nun schaltet sich Kaspar Villiger ein, der frühere Bundesrat der FDP. Villigers wichtigste Gedanken in seinen eigenen Worten:
Über den Vorteil des Milizsystems: «Die Verantwortung im Beruf, die Kontakte am Arbeitsplatz oder das Mitmachen im Verein vermitteln den Politikern Bodenhaftung, indem ihnen immer wieder Lebensrealität eingeträufelt wird. Umgekehrt schafft der alltägliche Dialog im beruflichen Umfeld auch Verständnis für die Politik. Beides fördert Vertrauen, und Vertrauen ist die Basis jedes erfolgreichen Staates.»
Über Kritik am Hobby-Parlamentariertum: «Es ist klar, dass über Milizpolitiker neben parteipolitischen Interessen auch andere, durch den Hauptberuf geprägte Interessen in die Politik einfliessen. Damit ist ein Milizparlament immer auch bis zu einem gewissen Grad eine Lobbyisten-Organisation. Das wird in letzter Zeit häufig kritisiert. Die Vorteile der Verzahnung von Politik mit laufend aufdatierter Lebenserfahrung überwiegen allerdings deren Nachteile bei weitem.»
Über die Idee eines Berufsparlaments: «Wir brauchen die Bauern, Drogisten, Gewerkschafter, Ärzte, Angestellten oder Unternehmer selber an der politischen Front, nicht deren rhetorisch geschliffene intellektuelle Vertreter.»
Was also tun gegen die Krise im Milizsystem? Villiger hat drei Vorschläge zur Hand:
1. Auf Gemeindeebene: Profis für die Linienarbeit und Milizpersonen als eine Art Verwaltungsrat.
2. Villiger schreibt: «Die Nutzung rüstiger Rentner für öffentliche Funktionen. Wegen des angesichts unserer zunehmenden Lebenserwartung viel zu tiefen Rentenalters tummeln sich Hundertschaften tüchtiger älterer Menschen, denen es im Grunde langweilig ist und die noch viel ehrenamtlich für die Gemeinwesen leisten könnten.»
3. Und weiter: «Wichtig wäre es, vor allem auch ausländische Spitzenmanager für die Bedeutung der Milizarbeit zu sensibilisieren. Es gibt auch auf der Teppichetage ein Integrationsproblem, nicht nur auf dem Bau!»
- Villigers Aufsatz heute in der NZZExterner Link (Paywall)
- Warum die Milizarbeit zunehmend in der Krise steckt, eine Erklärung
- Eine Analyse zum Niedergang des Milizprinzips von meiner Kollegin Sonia Fenazzi
Sind Sie reich? Die Handelszeitung schreibt von einem neuen Trend: «Reich durch Auswandern». Rentner würden die Schweiz verlassen, weil ihre Rente im Ausland mehr hergibt.
Die These klingt fundiert. Sie ist mit Zahlen untermauert. Allerdings steht hinter der Schlagzeile «Reich durch Auswandern» natürlich auch ein Befund, der weniger explizit genannt wird. Er müsste lauten: «Arm durch hierbleiben.»
Ein Fünftel aller Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ist im Pensionsalter. In einigen Ländern liegt der Anteil dieser Altersgruppe höher, so zum Beispiel in Thailand mit 33 Prozent, in Spanien mit 32 Prozent oder in Portugal mit 28 Prozent. Nicole Töpperwien von Soliswiss Externer Linksagt der Handelszeitung: «Das unterschiedliche Preisniveau spielt eine grosse Rolle. Mit einem Rentenfranken können Schweizer Pensionierte in den bei ihnen besonders beliebten Ländern einen spürbar bequemeren Lebensabend verbringen.»
Portugal wirbt laut Handelszeitung aktiv um Schweizer Rentner. Das Land erhebt keine Einkommenssteuer auf ausländische Altersbezüge neuer Residenten, denen Portugal dafür gar einen Sonderstatus zuerkennt. Peter Bickel, Vorsitzender des Schweizer Club Algarve, sagt im selben Bericht: «Wem seine Rente in der Schweiz keinen zufriedenstellenden Standard erlaubt, der kann damit in Portugal gut leben.»
Was hinter dieser Geschichte steht? Die Formel lautete einst: Die erste Säule für die Existenzsicherung, die zweite Säule für die Sicherung des bisherigen Wohlstand. Diese Formel hat ausgedient. Wenn Rentner gehen, geht es ihnen wohl weniger um Wohlstand. Sondern um Würde.
- Der ganze Handelszeitung-Artikel, inklusive Checkliste zum Auswandern, kann auf BlickExterner Link ohne Paywall gelesen werden
- Die Auslandschweizer-Organisation ASO hat die Fakten über AHV und RentenExterner Link zusammengestellt
- Hier beschreibe ich, warum Schweizer Rentner in Deutschland lange zu viel bezahlten
Kaum zurück aus Saudiarabien plant Bundespräsident Ueli Maurer seine nächste kontroverse Reise. Zu Putin soll es gehen.
Das Datum steht noch nicht, aber die Absicht ist erklärt. Auch Maurers Russlandreise dürfte in der Schweiz die Kritiker auf den Plan rufen, hat Russland doch eben erst die Kontrolle über das Internet verschärft.
Ueli Maurer nimmt den Skeptikern darum vorsorglich den Wind aus den Segeln: «Russland gehört traditionell und kulturell zu Europa und nur die Türen zu schliessen kann auf die Jahre keine Strategie sein.» Zudem: Die Leute am Tisch zu haben, mit ihnen zu sprechen und auch auf Unzulänglichkeiten hinzuweisen, sei die Qualität der Schweiz. «Das heisst noch lange nicht, dass wir in allen Punkten Friede, Freude, Eierkuchen haben müssen», sagt Maurer.
Ueli Maurer zeigt als Bundespräsident also wenig Berührungsängste. Damit bewegt er sich einerseits in jener Schweizer Tradition, die den Dialog stets über das Dozieren gesetzt hat. Andrerseits gibt ihm auch der soeben abgetretene EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker recht. Dieser sagt in einem Interview in der jüngsten «Spiegel»-Ausgabe: «Ich habe Putin geküsst Externer Linkund bin von Putin geküsst worden. Beides war für Europa sicher nicht von Nachteil.»
- Maurer äussert sich auf Radio SRF Externer Linkzu seinem geplanten Russlandbesuch
- Was Russland mit dem Internet genau vorhat, erklärt Watson.chExterner Link
Kennen Sie Niklaus Wirth? Ich kannte ihn nicht. Dabei hat er als einer der wenigen Schweizer wesentlich dazu beigetragen, uns ins Computerzeitalter zu katapultieren.
Als Niklaus Wirth an die ETH ging, war der Computer noch weit weg. Das war noch eine kleine wissenschaftliche Nische. An der ETH lässt sich Wirth zum Elektroingenieur ausbilden. «Damals wurde an der ETH zwischen Stark- und Schwachströmlern unterschieden», erzählt er.
Ihm wurde geraten, sich auf Starkstrom zu fokussieren, da das «die Zukunft» sei: Kraftwerke und Eisenbahn. «Aber mich faszinierte der Schwachstrom. Die Elektronik hatte für mich etwas Geheimnisvolles», sagt Wirth in unserem Portrait.
Heute ist Wirth 86-jährig, hellwach. Er weiss um seine Verdienste. Grosses Aufheben darum macht er aber nicht. Unsere Mitarbeiterin Sarah Genner empfing er bei sich zuhause.
- Lesen Sie unser Portrait über Niklaus Wirth in voller Länge
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Zur «Ehe für alle» haben viele eine sehr dezidierte Meinung. Erst recht, wenn es darum geht, ob Homosexuelle auch Kinder grossziehen dürfen. Wir haben uns unter den Schweizerinnen und Schweizern im Ausland umgehört.
Die Diskussion zur «Ehe für alle» liesse sich ganz einfach zwischen zwei Polen aufspannen. Die Einen wünschen «endlich gleiche Rechte für alle». Die Anderen finden, dass «der Natur nicht reingepfuscht werden dürfe». Eine solche Polarisierung liesse sich zwar medial und auf Social Media ausschlachten, ist jedoch selten konstruktiv.
Interessanter sind die Ausführungen von Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern, wie das in ihren Ländern geregelt ist. So seien zum Beispiel viele europäische Staaten, Südafrika und auch Israel im Vergleich zur Schweiz sehr liberal. Und Evelyn Reiter geht mir ihren Ausführungen, dass «in Thailand niemand über das Geschlecht definiert wird» noch einen Schritt weiter. Über alle Diskussionsbeiträge gesehen spricht sich eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben, dafür aus, dass für alle dieselben Rechte gelten sollen.
Sind diese Rechte in bestimmten Ländern stark eingeschränkt, wird oft nach den Hintergründen gesucht. Nicht selten seien es gesellschaftliche Konventionen, die zum Teil auch durch religiösen Einfluss von aussen geprägt wurden – zum Beispiel durch Missionare der ehemaligen Kolonialmächte.
Schliessen möchten wir diese kurze Debatten-Übersicht mit einem witzigen Statement von Marc-Antoine Wutrich: «Wenn sie den gleichen Ärger wollen wie die Heteros, sollen sie doch heiraten 😂».
- Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!
- Die Diskussionen auf Facebook finden sie hierExterner Link (Deutsch) und hierExterner Link (Französisch)
- Meine Kollegin Katy Romy hat aufgeschrieben, wie es aktuell in der Schweiz geregelt ist. Sie stellt Vergleiche mit dem Europäischen Ausland an und lässt Betroffene zu Wort kommen.
- Und hier eine andere Geschichte von swissinfo.ch zum selben Thema: «Aaron kam mit FedEx und nicht mit dem Storch».
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