Glückskette reagiert auf den «Fall Mörel»
Die Glückskette verlangt vom Kanton Wallis die Überprüfung der Direkt-Spenden an die 33 von den Unwettern im Herbst 2000 betroffenen Gemeinden.
Dies nachdem der Kanton Wallis bei der Abrechnung der Gemeinde Mörel festgestellt hat, dass sie 860’000 Franken zuviel erhalten haben soll.
Das Hilfswerk Glückskette will, dass der Kanton Wallis, der für die Abrechnung aller Glücksketten-Spendengelder zu Gunsten der unwettergeschädigten Gemeinden zuständig ist, nochmals über die Bücher geht.
Danach sollen die Kantonsbehörden sämtliche Direktspenden an die Gemeinden überprüfen, die nach den schweren Unwettern vom Herbst 2000 eingegangen sind, sagte Glückskette-Koordinator Roland Jeanneret.
Ein Brief mit dieser Forderung werde diese Woche an die Walliser Kantonsbehörden verschickt, bestätigte er einen Bericht der «Sonntagszeitung».
Jeanneret schätzt, dass etwa die Hälfte der von den Unwettern betroffenen und von der Glückskette unterstützten 33 Walliser Gemeinden zusätzlich noch Direktspenden von dritter Seite erhalten haben.
Missverständnis oder Fehlinterpretation?
Die Glückskette hat nach eigenen Angaben erstmals letzten Dezember von möglichen Unregelmässigkeiten gehört. Ein Folgeprojekt- eine Brückensanierung – sei deshalb bis auf weiteres sistiert worden.
Ob es sich im Fall Mörel um ein Missverständnis, eine Fehlinterpretation oder Absicht handle, müsse die Justiz klären.
Der Kanton Wallis beziehungsweise Mörel muss der Glückskette 860’000 Franken zurückerstatten. Diese Summe wurde der Gemeinde nach den Unwettern im Jahr 2000 zu viel ausbezahlt, wie das kantonale Finanzinspektorat am Donnerstag bekannt gab.
Mörel verschwieg aus der Sicht des Kantons einen Teil der erhaltenen Privatspenden. Die Direktspenden, wie etwa rund 711’000 Franken aus dem Kanton Aargau sowie Gelder vom Lions Club soll die Gemeinde bei der Abrechnung zu Handen der Glückskette nicht deklariert habe.
Der Kanton unterbreitete der Glückskette somit eine nicht korrekte Auflistung der finanziellen Bedürfnisse der unwettergeschädigten Gemeinden.
Rückerstattes Geld bleibt zweckgebunden
Wie die Glückskette betont, bleiben die rückerstatteten Gelder zweckgebunden und gehen in den Fonds «Unwetter Wallis, Tessin und angrenzende Regionen» zurück.
In diesem Fonds befinden sich von den 74 gesammelten Millionen vom Herbst 2000 zurzeit noch etwa 6 Millionen Franken. Diese werden weiterhin für Unwetterprojekte gebraucht.
Mörel weist Vorwürfe zurück
Die Gemeinde Mörel ihrerseits weist den Vorwurf zurück, nach dem Unwetter im Jahr 2000 Spendengelder unterschlagen zu haben.
«Wir haben immer alles sauber offen gelegt», sagte Marianne Imfeld, Gemeindepräsidentin von Mörel, in einem Interview mit dem «SonntagsBlick».
Mörel habe nie mit der Glückskette direkt verhandelt. Der Kanton habe nach dem Unwetter alle Schadenfälle verwaltet und mit der Glückskette abgerechnet. Sie verstehe nicht, warum er jetzt ihrer Gemeinde den schwarzen Peter zuschiebe, sagte Imfeld.
«Sollten wir unwissentlich Fehler gemacht haben, sind wir bereit, das Geld zurückzugeben.» Ein Rücktritt kommt für Imfeld nicht in Frage. Im Moment stehe noch der grösste Teil des Dorfes hinter ihr. «Ein Rücktritt käme einem Schuldeingeständnis gleich.»
Gehässige Reaktionen
Die Vorwürfe gegen Mörel haben zu teilweise gehässigen Reaktionen geführt. Im Internet-«Gästebuch» muss sich die Gemeinde einiges gefallen lassen. So wird in mehreren Einträgen der Rücktritt der «Verantwortlichen» gefordert.
«Eine solche Schweinerei» dürfe einfach nicht geschehen, heisst es. «Was für eine Schande», schreibt jemand «us Zueri» und schliesst mit einem dreifachen «Pfui». Und immer wieder schreiben die Leute: «Schämt Euch!»
Es sei mies, so schamlos die Gutgläubigkeit von ehrlichen Spendern auszunützen. Oder: «Ihr schadet denen, die Spenden wirklich benötigen beziehungsweise legal damit umgehen.»
Einige Beiträge drücken aber auch Verständnis für Mörel aus und verlangen, dass die Vorwürfe erst richtig abgeklärt werden müssten. Denn erst könnten die wahren Schuldigen verurteilt werden.
swissinfo und Agenturen
Die vom Unwetter im Jahr 2000 stark betroffene Gemeinde Mörel mit 500 Einwohnern hatte nach einer Solidaritäts-Aktion der «Aargauer Zeitung» Direktspenden erhalten.
Mindestens zwei Drittel der 1,16 Mio. Franken Unterstützung wurden von Privaten gespendet.
Die Unwetter vom Herbst 2000 forderte in Gondo im Kanton Wallis 13 Todesopfer. Auch die Kantone Waadt und Tessin wurden damals von den Unwettern heimgesucht.
Die Spendensammlung der Glückskette für die Kantone Walllis, Waadt und Tessin brachte 74 Mio. Franken zusammen.
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