Presseschau vom 28.10.2002
Die Schweizer Presse nimmt die Geiselbefreiung in Moskau nach der ersten Euphorie recht kritisch unter die Lupe.
Die meisten Kommentatoren befürchten nun, dass der Tschetschenien-Konflikt weiter angeheizt wird und damit schlimme Auswirkungen auf die Kaukasus-Region.
«Die Zahl der Opfer des Geiseldramas in Moskau ist viel zu hoch, um von einem erfolgreichen Befreiungsschlag sprechen zu können»,beginnt die BERNER ZEITUNG ihren Kommentar.
Die Genfer LE TEMPS titelt und fragt: «Quelle victoire pour Poutine?» Was für ein Sieg für Putin?
Dass der russische Präsident Putin gegen die tschetschenischen Geiselnehmer hart durchgreifen musste, wird von keinem Kommentator bestritten. Trotzdem werden viele Fragezeichen gesetzt.
Der Berner BUND findet: «Dass ein Vizeminister die für viele Geiseln tödliche Wirkung des Gases noch leugnete, als sie bereits offensichtlich war, wäre dafür nicht einmal nötig gewesen – aber es ist symptomatisch für die Moskauer Informationspolitik von Tschernobyl bis Tschetschenien.»
Ein Titel der BASLER ZEITUNG: «Der Krisenstab zwischen Ahnungslosigkeit und Zynismus». Gemeint sind das Management des Krisenstabes, der über Verbleib und Zustand der befreiten Geiseln unprofessionell Auskunft gegeben hat, der aber auch Informationen zum Gift- oder Narkosegas-Einsatz an die behandelnden Ärzte verweigert hat.
Auswirkungen auf Tschetschenien
Der BUND überschreibt seinen Kommentar: «Wie weiter im Kaukasus?» Er beschäftigt sich mit der hoffnungslos verfahrenen Situation in Tschetschenien: «So wie die russischen Truppen schon bisher in der abtrünnigen Republik gewütet haben, ist die Verhältnismässigkeit weit überschritten: Sie praktizierten eine Politik der verbrannten Erde.»
Die BERNER ZEITUNG ist da gleicher Meinung und sagt noch ein wenig differenzierter: «Die Grausamkeit im Umgang mit den Geiseln weckt ebenso wenig Verständnis wie die Brutalität der Russen in Tschetschenien. Beide Seiten müssen, und wenn es noch so schwer fällt, nach anderen Wegen zur Lösung des Konflikts suchen.»
Ohne die Geiselnehmer zu entschuldigen, fragt sich die BAZ: «Doch was muss ein Mensch erlebt haben, bevor er bereit ist, sich und hunderte Andere mit einigen Kilo Sprengstoff am Leib in die Luft zu sprengen?»
Der TAGES ANZEIGER fördert einen weiteren Aspekt zu Tage: «Russische Offiziere und tschetschenische Bandenführer bereichern sich gleichermassen am Handel mit Gefangenen, Erdöl, Waffen und Raubgut.»
Der TAGI schliesst daraus: «Das Geschäft mit dem Krieg treibt die tschetschenische Bevölkerung in die Arme der islamistischen Gruppen, die ihrerseits immer radikaler werden.»
Wie geht es weiter?
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG fragt sich in diesem Zusammenhang: «Wie lernfähig ist Putin?» (…) Die Geiselnahme (…) ist letztlich ein Beweis dafür, dass Putins bisherige Strategie zur Lösung des Tschetschenienkonflikts nicht funktioniert.»
Da Putin aus dem Geheimdienst ins höchste Staatsamt aufgestiegen ist und der Geheimdienst stark mit dem Drama verknüpft war, befürchtet die NEUE LUZERNER ZEITUNG, dass: «der Ausgang des Geiseldramas die ohnehin zu starke Macht der Geheimdienste weiter stärken wird.»
Die NZZ fordert die Regierungen der westlichen Hemisphäre auf: «Es wäre im Westen politische und moralische Pflicht, Putin mit dem nötigen Fingerspitzengefühl eine (…) Vermittlung nahezulegen.»
swissinfo, Etienne Strebel
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