Schweiz widerstand den Nazis
Diesen Freitag erscheint in Lausanne und Paris ein weiteres Buch zur Schweiz im Zweiten Weltkrieg: "Une autre Suisse" zieht eine andere, positivere Bilanz.
«Zuviel ist zuviel»: Dem ehemaligen Le Monde-Journalisten Jean-Pierre Richardot stiess das Eindreschen auf die Schweiz vor einigen Jahren sauer auf. Er selbst wusste seit langem, dass die Schweizer nicht für die Nazis waren, wie man es immer wieder hört – denn er hatte während dem Krieg in der Schweiz gelebt. 1997 begann er mit seinem Buch «Une autre Suisse».
Seither hat der Autor 50 Zeugen zu Wort kommen lassen. Man trifft auf Zeitgenossen aus allen Gesellschafts-Schichten, Leute, deren Mut Richardot bewundert, Leute, die sich damals alle in irgendeiner Weise dem Nationalsozialismus widersetzten.
Intelligenzia hört nur auf Jean Ziegler
Der 1929 geborene Richardot verbrachte die Zeit zwischen 1942 und 1945 in unserem Land. Was er heute aber zu hören bekommt, entspricht in keiner Weise dem, was er damals sah und hörte. Als Vertreter der französischen Linken hat er eingesehen, wie der Grossteil der französischen Intelligenzia davon überzeugt ist, die einzige Wahrheit rund um die Schweiz im Zweiten Weltkrieg sei jene des Genfer Sozialisten Jean Ziegler. Und dieser malt ein völlig negatives Bild.
In zwölf Anläufen musste Richardot französischen und schweizerischen Verlagshäusern sein Buch anbieten, bis er Erfolg hatte. Er zeigt auf, dass das Land im Grunde genommen anti-nazistisch eingestellt war. Viele Schweizer in den Grenzregionen hätten beispielsweise der französischen Résistance geholfen und mit den Alliierten zusammengearbeitet.
Schweizer Geheimorganisation A.N.W.
Der Autor glaubt, dass eine schweizerische Kapitulation vor den Deutschen à la Vichy im Land selber zu einer bewaffneten Rebellion geführt hätte. «Es gibt», so Richardot, «eine völlig andere Schweiz als jene, die in den letzten Jahren in der ganzen Welt herumgeboten wurde». Als einen der Zeugen stellt er August Lindt vor, der im letzten April starb. Der ehemalige Schweizer Botschafter und UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge spielte eine Schlüsselrolle, als 1940 von schweizerischen Persönlichkeiten die geheime Widerstandsorganisation A.N.W. gegründet wurde.
Die A.N.W. sollte einschreiten – dank Verbindungen zur Armee auch militärisch – falls die Landesregierung in den wichtigen Punkten vor den Nazis kapituliert hätte.
Viele lesenswerte Portraits
«Une autre Suisse» offeriert lesenswerte Portraits von Persönlichkeiten, auch für Schweizer lesenswert. Im Grundton schweizfreundlich hält Richardot dennoch an einigen Stellen nicht mit harscher Kritik an der damaligen Politik zurück: Wenn es ums Überleben ging, wurden die Schweizer schnell abweisend und hart.
Die Schweiz war damals, so Richardot, weder ein Paradehort demokratisch-antifaschistischer Einstellung, noch ein von pekuniären Interessen getriebener Anpasserstaat «ohne eigene Überzeugungen, wie man uns heute weismachen will».
Eine Übersetzung von «Une autre Suisse» auf deutsch steht noch aus.
Michel Walter
«Une autre Suisse – 1940-1944 / Un bastion contre l’Allemagne nazie», Jean-Pierre Richardot. Erscheint bei Kiron aux éditions du Félin in Paris, und bei Labor et Fides in Genf.
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