«Wir sind Teenager, nicht Terroristen»
16 palästinensische Jugendliche aus Bethlehem haben ihre Sommerferien in der Schweiz verbracht. Private Spenden haben dieses Projekt ermöglicht.
Der Austausch soll mithelfen, die Vorurteile gegenüber den Palästinensern abzubauen.
«Hier haben alle Kühe und einen Hund, und alles ist so grün», sagt Rouzan Shaqra erstaunt. Die 14-Jährige verbrachte zehn Tage Sommerferien bei einer Gastfamilie in der Gürbetaler Gemeinde Kirchenthurnen im Kanton Bern. Zehn Tage weit weg von Checkpoints und Panzern. Rouzan kommt aus dem Westjordanland.
Mit dem Velo seien sie der Gürbe entlanggefahren, erzählt Hans-Ruedi Rychener, Rouzans Gastvater: «Wir wollten ihr Orte mit viel Wasser zeigen.» Wasser ist in Rouzans Heimat ein so rares Gut wie der Frieden. Wegen Letzterem ist die 14-Jährige hier: «Ich möchte den Leuten zeigen, dass wir Frieden möchten und auch Frieden brauchen», sagt Rouzan.
Visa der Schweizer Behörden
16 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren aus Bethlehem verbrachten ihre Ferien in der Schweiz, im Gürbetal. «Es geht auch billig, wenn die Solidarität stimmt», betont der Initiator Volker Schulte, ein früherer Mitarbeiter beim Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Gemeinsam mit dem Pfarrer Christoph Jungen hat er dieses Austauschprojekt auf die Beine gestellt. 18’000 Franken kosteten Organisation, Reise und Aufenthalt insgesamt. Man wolle nicht nur von Projekten reden, sondern auch welche durchsetzen, so Volker Schulte.
Grosszügige private Spenden ermöglichten den Jugendlichen aus Palästina/Israel zehn Tage Sommerferien fernab der Heimat. Zu einem späteren Zeitpunkt ist auch ein Austausch von Schweizern ins Westjordanland vorgesehen.
Ohne Kontakte läuft nichts
Volker Schulte und Christoph Jungen haben beide Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie kennen den Nahen Osten und verfügen über Kontakte.
Und Kontakte waren in diesem Fall vielleicht das Wichtigste: Denn nur dank der Bemühung des Schweizer Diplomaten aus Ramallah, Jean-Jacques Joris, sind die 16 Mädchen und Jungen überhaupt hier. Umherreisen oder gar Ausreisen ist in der Westbank keine Selbstverständlichkeit. Der Schweizer Repräsentant hat den Palästinensern aber die nötigen Visa ausgestellt.
Die Jugendlichen stammen alle aus Bethlehem, besuchen aber verschiedene Schulen. Kennen gelernt haben sie sich durch das palästinensische Projekt Holy Land Trust, das die Stärkung der palästinensischen Gesellschaft zum Ziel hat.
Einmal wöchentlich kommen sie dort zusammen. Holy Land Trust stellte den Kontakt zu den Schweizer Verantwortlichen her, den Rest ihrer Reise organisierten die Jugendlichen selbst.
«Wir lieben das Leben»
Der 17-jährige Nidal Alayasa erhoffte sich von seinen Sommerferien in der Schweiz mehr als nur Spass und Erholung «Wir sind Teenager und keine Terroristen», sagt der junge Palästinenser.
«Wir lieben das Leben.» In der Schweiz könne er das Wissen über sein Land und sein Volk direkt vermitteln: «Wenn die Gastfamilie ihre Erfahrungen weitererzählt», so hofft Nidal, «dann ändern sich vielleicht auch die Vorurteile gegenüber den Palästinensern.»
Normal, aber zerbrechlich
Unbeschwert schlenderten die Jugendlichen durch die Stadt Bern. Mit Geschrei und Gelächter scheuchten sie auf der Münsterplattform die Tauben auf. Bis ein Flugzeug im Anflug auf Bern-Belp über der Altstadt dröhnte. Dann war es vorbei mit der Leichtigkeit, wenn auch nur für Sekunden: Besorgt schauten die Mädchen und Jungen zum Himmel hinauf.
Vordergründig hätten sie wie ganz normale Jugendliche gewirkt, erzählt eine Gastmutter, doch sie seien sehr zerbrechlich. Sie erzählt von ihren zwei Gastsöhnen: «Sie schlafen nur, wenn das Licht brennt.»
swissinfo © Berner Zeitung, Samira Zingaro
16 palästinensische Jugendliche aus Bethlehem zwischen 13 und 18 Jahren verbrachten 10 Tage in der Gürbetaler Gemeinde Kirchenthurnen im Kanton Bern.
Das Projekt wurde durch eine private Initiative möglich und kostete 18’000 Franken.
Holy Land Trust ist eine palästinensische Non-Profit-Organisation aus Bethlehem im Westjordanland.
Sie arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Familien und NGO zusammen.
Holy Land Trust hat zum Ziel, die palästinensische Gesellschaft zu stärken.
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