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Späte Ehre für Pioniere der Skifotografie

Die Fotografen betteten die Ästhetik und Athletik der Skifahrer in die Landschaft ein. Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein © Daniel Müller-Jentsch

Sie waren in den 1920er Jahren Pioniere der Skifotografie, gerieten dann aber in Vergessenheit. Nun wird das beeindruckende Werk der Schweizer Fotografen Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein erstmals ausgestellt.

Dieser Inhalt wurde am 11. Oktober 2020 - 11:00 publiziert
Petra Krimphove, Berlin

Eher zufällig stiess Daniel Müller-Jentsch vor fast zehn Jahren auf Bilder des aus Adelboden im Berner Oberland stammenden Fotografenduos. Der deutsche Ökonom, seit 2007 für den Schweizer Think Tank Avenir Suisse tätig, war damals auf der Suche nach Original-Landschaftsaufnahmen für sein Ferienhaus in den Alpen.

Durch Paul Hugger, einen der führenden Kenner der alpinen Fotografie in der Schweiz, wurde er auf Gyger und Klopfenstein aufmerksam. Als er deren eher seltene Skifotografien entdeckte, war es “wie ein Erweckungsmoment“ sagt er. In perfekten Inszenierungen vor Gegenlicht und mit harten Kontrasten schufen die beiden vor fast 100 Jahren ein heute noch faszinierendes Werk. Daniel Müller-Jentsch verliebte sich sofort in die ganz eigene Bildsprache und Ästhetik der Aufnahmen.

Die Vielfalt der Hinterlassenschaft der zwei Fotografen wird in der Sammlung von Daniel Müller-Jentsch sichtbar:

Weltweit fahndet er seither in einschlägigen Tauschbörsen und auf Plattformen nach Skifotografien von Gyger und Klopfenstein und stiess auf seltenes Material. Ein Inventar ihres Werks existiert nicht, auch nicht bei den Nachfahren der beiden, die noch immer Fotostudios in Adelboden betreiben. Insbesondere der künstlerische Wert der zwischen 1925 und 1935 entstandenen insgesamt 250 Skiaufnahmen wurde damals noch nicht erkannt. Dabei druckte sogar das renommierte National Geographic Magazin 1933 Gygers und Klopfensteins Motive ab. Dann gerieten sie mehr oder weniger in Vergessenheit. “Sie sind völlig unterschätzt“, sagt Daniel Müller-Jentsch.

Die erste Ausstellung weltweit

Seinem Enthusiasmus ist es zu verdanken, dass die Skiaufnahmen der beiden Fotografen jetzt in Berlin zum ersten Mal in einer Ausstellung zu sehen sind. In einer leerstehenden Altbauwohnung zeigt der Sammler im Rahmen des European Month of Photography rund 100 Bilder aus seinem Bestand.

Zufällig stiess Daniel Müller-Jentsch auf die beiden Fotografen - und wurde zum Sammler. Petra Krimphove

Gyger und Klopfenstein waren ein höchst produktives Team und arbeiteten so eng zusammen, dass man ihre Aufnahmen als Koproduktion behandeln muss. Der ältere Emanuel Gyger hatte 1909 nach einer Fotografenlehre ein eigenes Geschäft in Adelboden eröffnet und einen Postkartenverlag gegründet. Ab 1930 stieg dort sein früherer Lehrling Arnold Klopfstein ein. Gemeinsam unternahmen die beiden begeisterten Bergsteiger ausgedehnte Wanderungen im Hochgebirge, wo sie ihre Motive fanden. Die Aufnahmen machten sie mit einer Plattenkamera sowie mit einer damals neuartigen Panoramakamera mit dem Format 9 x 29.

Tausende Fotos der Bergwelt sind von dem Fotografenduo überliefert. Mit ihnen verdienten die beiden ihr Geld: Sie fotografierten in erster Linie für den Markt, verkauften ihre Fotos als Postkarten an Touristen aber auch an das entstehende Tourismusmarketing. Doch anders als viele Kollegen weigerten sie sich, Kitsch zu produzieren, sagt Daniel Müller-Jentsch. Vielmehr hätten sie sehr konsequent einen modernen Stil gepflegt.

Nur ein sehr kleiner Teil ihres Werks zeigt Skifahrer im Schnee. Mal allein, mal aufgereiht ziehen diese sorgfältig choreografiert Spuren durch unberührte weisse Landschaften, wedeln Hänge hinab oder vollziehen akrobatische Sprünge vor sonnendurchleuchteten Pulverschneewolken. Immer wieder taucht derselbe Sportler auf, man kann davon ausgehen, dass er als eine Art Modell diente und seine Sprünge perfekt inszeniert waren. Beim Ablichten seiner schnellen Bewegungen half die extreme Helligkeit in der Schneelandschaft, sie ermöglichte extrem kurze Belichtungszeiten. Das Gegenlicht verstärkte die Kontraste.

Gygers Handicap stärkt den besonderen Blick

Die zwei waren erfahrene und gute Skifahrer und legten mit den Glasplatten im Rucksack lange Strecken in den Bergen zurück. Gyger war auf einem Auge blind, dieses Handicap ermöglichte ihm das der Kamera eigene zweidimensionale Sehen. Zudem führte die Einschränkung dazu, dass er eine besondere Sensibilität für den Schattenwurf entwickelt hatte.

Hinzu kam ein besonderer Blick für ihre Motive und die Bildkomposition: Gyger und Klopfenstein betteten die Ästhetik und Athletik der Skifahrer in die Landschaft ein. Sie passten nicht nur den perfekten Moment der Abfahrt und des Sprungs ab, sondern platzierten ihr Sujet vor eine markante Bergkulisse und setzten so auch das Panorama der Berge gekonnt in Szene. Das unterschied sie von den anderen Fotografen ihrer Zeit, die entweder die Schönheit der Landschaft oder den Sportler im Fokus hatten, sagt Daniel Müller-Jentsch.

Die Aufnahmen sind auch ein Stück Zeitgeschichte: Vor fast 100 Jahren, als die Schweizer mit ihrer Fotoausrüstung in die Berge zogen, steckte der Skitourismus noch in seinen Anfängen. In den 1920 Jahren eröffneten die ersten Skischulen, Filme wie “Das Wunder des Schneeschuhs“ von Arnold Fanck begeisterten Zuschauer für die Schönheit verschneiter Berglandschaften. Die beiden Fotografen bildeten die Faszination des noch jungen Skisports ab, zugleich verhalfen Fotos wie ihre von Abfahrten auf glitzerndem Pulverschnee dem Wintersport zu wachsender Popularität. Wie ihre Motive in das wachsende Wintertourismusmarketing einflossen, auch das zeigt ein Teil der Ausstellung in Berlin. Im kommenden Jahr wird sie dann im “Alpinen Museum in der Schweiz“ in Bern zu sehen sein.

Ausstellung

Die Ausstellung „Pioniere der Skifotografie“ ist bis zum 1.11.2020 in Berlin in der Nollendorfstrasse 35 zu sehen. Begleitend erscheint ein Fotoband mit einer Auswahl der besten Bilder von Gyger und Klopfenstein:

Daniel Müller-Jentsch (Hrsg.), Emanuel Gyger und Arnold Klopfenstein – Pioniere der Skifotografie. Regenbrecht Verlag, Berlin. ISBN 978-3-948741-04-4 Preis: 29,90 €

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