Die Woche in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Die Schweizer Zeitungsredaktor:innen hatten diese Woche viel zu tun: Sie kommentierten eine «geheime Liebesbeziehung», die aufsehenerregende China-Reise eines ehemaligen Bundesrats und die Entscheidung des Kantons Zürich, Frühfranzösisch abzuschaffen.
Ausserdem gibt eine gross angelegte Umfrage Aufschluss über die Stimmung in der Schweiz.
Herzliche Grüsse
Vor die Tür gesetzt – what else? Am Montag hat Nespresso-Hersteller Nestlé seinen CEO Laurent Freixe entlassen, da dieser eine Liebesbeziehung mit einer Untergebenen verschwiegen hatte.
«Liebe am Arbeitsplatz ist in erster Linie Privatsache. Aber der entlassene Nestlé-Chef hat eine rote Linie überschritten», urteilte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). «Heikel wird es, wenn ein Machtgefälle besteht.» Durch das Verschweigen der Liaison habe sich Freixe erpressbar gemacht und die Tür für Interessenkonflikte geöffnet.
«In einem Land, in dem 2024 acht von zehn Menschen angaben, eine Beziehung (Flirt oder Sex) mit einem Arbeitskollegen oder einer -kollegin gehabt zu haben, wirft die plötzliche Entlassung des Nestlé-CEOs Fragen auf», schrieb dagegen die Tribune de Genève. «Hatte der sich mitten in einer Umstrukturierung befindende multinationale Konzern nicht dringlichere Angelegenheiten zu erledigen? Oder nutzte er die Gelegenheit, um einen Manager loszuwerden, der nicht zu seiner Zufriedenheit gearbeitet hatte?»
Die Financial Times schaltete sich ein und wies darauf hin, dass Nestlé, «ein Symbol der Schweizer Wirtschaft», derzeit eine der schwierigsten Phasen seiner 160-jährigen Geschichte durchlebt. Innerhalb nur eines Jahres hatte das Unternehmen drei verschiedene Vorstandsvorsitzende, und der Aktienkurs ist seit 2022 um 40% gefallen.
Freixe wurde hastig durch Nespresso-Chef Philipp Navratil ersetzt, der zwar seit 24 Jahren bei Nestlé tätig ist, aber erst in diesem Jahr in die Geschäftsleitung berufen wurde.
Der ehemalige Schweizer Bundesrat Ueli Maurer sorgt erneut für Aufruhr – diesmal mit einem Foto, das ihn gemeinsam mit einigen der weniger demokratischen Staatschefs der Welt zeigt. Die Reaktionen in der Schweiz waren heftig, aber gemischt.
Am Mittwoch nahm Maurer zusammen mit Wladimir Putin, Xi Jinping, Kim Jong-un und anderen in Peking an einer grossen Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs teil. Staatschefs grosser westlicher Länder waren nicht anwesend.
Der 74-Jährige erklärte gegenüber SRF, er sei privat in Peking gewesen. «Der Respekt vor China verlangt, dass wir hier teilnehmen», sagte er. «China hat uns nie in irgendeiner Weise schikaniert, sondern uns immer unterstützt. Unsere Neutralität sollte keine Grenzen oder Mauern errichten, sondern offen für alle sein.» Maurer gab zu, dass er den Bundesrat nicht über seinen Besuch informiert hatte.
Die Zeitung Blick urteilte: «Peinlich, aber bedeutungslos.» Sie meinte, Maurers Auftritt habe seinem eigenen Image mehr geschadet als dem der Schweiz. Die NZZ befand, die Aufregung sei «übertrieben» und lenke davon ab, dass Bern im Umgang mit Peking immer noch zu kämpfen habe.
Sollten bereits Primarschülerinnen und -schüler in der Deutschschweiz Französisch lernen? Das Zürcher Kantonsparlament sagt nein. Bröckelt der nationale Zusammenhalt?
Die Behörden haben am Montag beschlossen, dass Schülerinnen und Schüler im Kanton Zürich erst ab der Sekundar- oder Oberstufe Französisch lernen sollen – und nicht bereits ab der fünften Klasse wie bisher.
Elisabeth Baume-Schneider, die Schweizer Innenministerin, sagte gegenüber dem Westschweizer Fernsehen RTS, sie sei «besorgt» über diese Entscheidung, «weil sie die beschlossene Strategie zu den Landessprachen infrage stellt» und «unser Verhältnis zum Zusammenleben und zur sprachlichen Vielfalt hinterfragt».
Die NZZ hingegen hält dies für eine gute Entscheidung. «Französisch spielt im Alltag deutschsprachiger Schüler praktisch keine Rolle; es ist eine Sprache, die nur im Klassenzimmer existiert. Dasselbe gilt für Deutsch westlich der Saane. Wenn sich französisch- und deutschsprachige Schweizer begegnen, wechseln sie nach ein paar gestammelten ‚Saluts‘ und ‚Hallos‘ zu ‚Hello‘. Nur auf Englisch begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe.»
Zwar mag die Welt in letzter Zeit düsterer erscheinen, doch eines ist bemerkenswert konstant geblieben: die Zufriedenheit der Schweizer Bevölkerung mit ihrem Leben.
Dies geht aus drei Umfragen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG hervor, an denen zwischen 2023 und 2025 mehr als 50’000 Menschen teilnahmen.
Die Meinungsforschenden identifizierten drei Hauptgründe für das allgemeine Wohlbefinden. Zwei von drei Befragten empfinden ihre finanzielle Situation als entspannt, vier von fünf machen sich keine Sorgen um einen möglichen Arbeitsplatzverlust und neun von zehn sind weitgehend unbesorgt um ihre persönliche Sicherheit.
Allerdings stimmen nur 20% der Aussage zu, dass Kinder in der Schweiz heute unbeschwerter aufwachsen können als jede Generation vor ihnen. Dies ist ein Rückgang gegenüber 32% im Jahr 2023. Zudem sagen 84%, dass die Menschen in der Schweiz in den letzten Jahren rücksichtsloser und egoistischer geworden sind.
Ein Blick auf die kommende Woche.
Die Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom gibt am Dienstag den Strompreis für das Jahr 2026 bekannt.
Am Donnerstag werden in Basel die Pax Art Awards 2025 an Digitalkünstler:innen verliehen.
Am Freitag und Samstag finden die «Tage des Schweizer Holzes 2025» statt.
Editiert von Samuel Jaberg / me
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