Die Woche in der Schweiz
Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland
Es war eine hektische Woche für unseren Aussenminister Ignazio Cassis. Als OSZE-Vorsitzender besuchte er die Ukraine und Russland, um die Organisation für die Umsetzung künftiger Friedensabkommen zu positionieren. Als erster Schweizer Bundesrat wurde der Tessiner diese Woche beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. Und im Inland wird ihm ein Kurztrip mit dem Bundesratsjet vorgeworfen.
Herzliche Grüsse aus Bern
Ignazio Cassis steht unter Druck: Während der Schweizer Aussenminister als OSZE-Vorsitzender in Moskau zu vermitteln versucht, wurde er in Den Haag wegen Beihilfe zu Kriegsverbrechen angezeigt und geriet wegen teurer Inlandflüge in die Kritik.
Erstmals überhaupt wird ein Schweizer Bundesrat beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt, wie SRF berichtet. Ein Kollektiv aus 25 Anwältinnen und Anwälten wirft Ignazio Cassis Beihilfe zu Völkermord im Gaza-Krieg vor, da die Schweiz weiterhin militärische Güter nach Israel exportiere. Obwohl Fachleute die Wahrscheinlichkeit einer Anklage als gering einstufen, stellt der Vorgang eine Zäsur für die Schweizer Diplomatie dar.
Gleichzeitig sorgt Cassis’ Reiseverhalten gemäss Blick im Inland für rote Köpfe. Für eine FDP-Versammlung in Genf nutzte er den Bundesratsjet für die Strecke Bern–Genf–Lugano. Kostenpunkt: 11’000 Franken. Mit 155 Flugstunden im Jahr 2024 ist er der «Spitzenflieger» im Bundesrat. Kritikerinnen und Kritiker monieren eine fehlende Vorbildfunktion bei Klimaschutz und Bundesfinanzen, da solche Kurzstrecken im kleinen Land Schweiz problemlos mit dem Zug bewältigt werden könnten.
Gleichzeitig reiste Cassis diese Woche als OSZE-Vorsitzender nach Kiew und Moskau, um die Organisation für ein mögliches Waffenstillstands-Monitoring in der Ukraine zu stärken. Es sei einer der seltenen Besuche eines westlichen Ministers in Russland seit 2022, schreibt der Tages-Anzeiger. Fachleute befürworten diesen Dialog, warnen jedoch vor der russischen Propaganda. Russland nutzt den Besuch bereits, um diplomatische Anerkennung zu demonstrieren, während Cassis versucht, die OSZE aus der politischen Bedeutungslosigkeit zu retten.
Die Brandnacht von Crans-Montana an Silvester erschütterte die Schweiz. Doch einen Monat später zeigt sich: Das Überleben des Infernos war für viele der Verletzten nur der erste Schritt eines weitaus komplexeren Kampfs gegen unsichtbare Gefahren und zeigt die Grenzen der modernen Medizin auf.
Nun zählt das Inferno von Crans-Montana bereits 41 Todesopfer: Ein 18-jähriger Schweizer Überlebender starb in Zürich nicht an seinen Verbrennungen, sondern an einem multiresistenten Spitalkeim. Fachleute warnen in der Neuen Zürcher Zeitung, dass Infektionen für 60% der Todesfälle in Verbrennungszentren verantwortlich sind. Laut dem Beobachter sterben in Schweizer Spitälern jährlich rund 5900 Menschen an solchen Infektionen – ein bekanntes Risiko, das seit Jahren politisch diskutiert, aber kaum eingedämmt wird.
Warum sind Brandopfer so gefährdet? Die Haut ist das grösste Immunorgan des Körpers. Geht sie verloren, bricht die erste Verteidigungslinie zusammen, was Patientinnen und Patienten noch Jahre später anfällig für Infektionen macht. Um dies zu bekämpfen, nutzt die Medizin futuristische Ansätze: von in Lausanne gezüchteter Eigenhaut über isländische Fischhaut bis hin zu Gels aus Wattwurm-Hämoglobin, wie Nau.ch berichtet.
Die Heilung ist aber nicht nur physischer Art. Überlebende wie die 18-jährige Rose berichten bei 20 Minuten von schlimmen Albträumen und dem Gefühl, «nicht mehr normal leben» zu können. «Man hört wieder die Schreie der Menschen, man sieht die Verbrannten wieder. (…) Das sind Bilder, die bleiben», sagt sie.
In Zeiten globaler Krisen wirkt die Schweiz gespalten. Doch bröckelt der Kitt wirklich so stark? Eine neue Sotomo-Studie liefert überraschende Einblicke in das Seelenleben der Eidgenossenschaft – mit Erkenntnissen, die besonders aus der Ferne hellhörig machen.
Trotz Debatten bleibt die direkte Demokratie mit 76% Zustimmung der wichtigste Pfeiler für ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Schweiz, schreiben heute die Zeitungen von Tamedia. Das Mitbestimmen ist laut der Umfrage für den Kitt bedeutender als Konzepte wie die Konkordanz oder das Milizsystem.
Expats und Zugewanderte nehmen den Zusammenhalt in der Schweiz positiver wahr als die ansässige Bevölkerung. Wer den Vergleich zu anderen Ländern hat, schätzt die hiesige Stabilität offenbar höher ein. Für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ist das eine Bestätigung: Die Qualität eines Systems wird oft erst geschätzt, wenn man einen konkreten Vergleich hat.
Auch im Inland ist es eine Frage der Perspektive: Während die Menschen in der Deutschschweiz und den Städten den Zusammenhalt oft rosig sehen, nehmen jene in der Westschweiz und auf dem Land deutlich mehr Risse wahr. «Besonders schwach wird der Zusammenhalt zwischen politisch links und rechts, zwischen Reichen und Armen und zwischen Ansässigen und Zugewanderten empfunden», heisst es in der Studie.
Ein Abkommen aus dem Jahr 1958 sorgt für massiven Unmut an der deutsch-schweizerischen Grenze. Während badische Bäuerinnen und Bauern um ihre Existenz kämpfen, bewirtschaften Schweizer Berufskolleginnen und -kollegen grosse Flächen in Deutschland – subventioniert von der EU.
Durch ein historisches Zollabkommen können Schweizer Bäuerinnen und Bauern in einer 10-km-Zone in Deutschland zollfrei produzieren und ihre Ernte ohne Mengenbegrenzung zu hohen Preisen in der Schweiz verkaufen. Dabei profitieren sie von niedrigeren Produktionskosten in Deutschland und erhalten zusätzlich EU-Direktzahlungen. 2024 machte das fast 767’000 Euro an Schweizer Betriebe aus, wie die Badische Zeitung diese Woche berichtete.
Die enorme Kaufkraft der Schweizer Betriebe führt dazu, dass sie für Ackerland das Zwei- bis Dreifache der ortsüblichen Preise zahlen können, zitiert die Zeitung einen deutschen Bauernvertreter. Dies führe nicht nur zur Pacht von Flächen, sondern zum Aufkauf ganzer Höfe. In einigen deutschen Gemeinden sei bereits die Hälfte ihres Gebiets in Schweizer Hand, was den lokalen Strukturwandel massiv beschleunigt.
Christian Müller, Präsident der Schaffhauser Bauern, hält die Kritik für einseitig. Gegenüber Blick betont er, die Flächen seien freiwillig verkauft oder verpachtet worden und die deutsche Grenzregion profitiere massiv von Schweizer Pendlerinnen und Pendlern sowie dem Einkaufstourismus. Die EU-Gelder seien eine rechtmässige Abgeltung für die Pflege deutscher Flächen. Zu diesem System seien Schweizer Bäuerinnen und Bauern einst sogar aktiv von deutschen Behörden eingeladen worden.
Die kommende Woche
Bereits am Wochenende geht es an den Olympischen Winterspielen in Italien los mit den grossen Highlights aus Schweizer Sicht: Am Samstag steht die Männer-Abfahrt in Bormio an, am Sonntag jene der Frauen in Cortina. Vor vier Jahren holten die Männer in dieser Disziplin zwei Medaillen, die Frauen sogar deren sieben.
Am Donnerstag blicken die Schweizer Medien nach Muttenz, Basel-Landschaft, wo das dortige Strafgericht sein Urteil eröffnen wird über einen spektakulären Kokainfund von 500 Kilogramm.
Am Freitag begeht das Lötschental wieder seinen Fasnachtsbrauch «Tschäggättä», nachdem im letzten Mai das Bergdorf Blatten zuoberst im Tal von einem Gletscherabbruch und Bergsturz fast komplett ausgelöscht worden war.
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