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Klimawandel in den Alpen: Fünf Wege, wie Schweizer Skigebiete ums Überleben kämpfen

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in den Schweizer Alpen deutlich spürbar.
Die Auswirkungen des Klimawandels sind in den Alpen deutlich spürbar. Keystone / Urs Flueeler

Die Schweiz ist eine beliebte Wintersport-Destination, doch die Zeiten schneesicherer Winter sind vorbei. Um zu überleben, sehen sich Skigebiete und Wintersportdestinationen gezwungen, umzudenken.

1. Sie wechseln den Eigentümer

Schweizer Skigebiete gehören meist den Bergbahn-Gesellschaften, an denen Gemeinden oft beteiligt sind, ohne jedoch die Mehrheit zu kontrollieren. Die Gemeinden Flims, Laax und Falera haben im Herbst 2025 für Aufsehen gesorgt, als sie ihr Skigebiet «Weisse Arena» gekauft haben. Die Bürger:innen der drei Gemeinden haben an der Urne oder an der Gemeindeversammlung mit grosser Zustimmung entschieden, das ganze Gebiet für 94.5 Millionen Franken zu übernehmenExterner Link.

Mit diesem Schritt wollen sie verhindern, dass die «Weisse Arena» ausländischen Investor:innen in die Hände fällt. Diese versprechen zwar, zukünftig Millionen zu investierenExterner Link – die lokalen Akteur:innen verlieren jedoch ihr Mitspracherecht.

Mit Vail Resorts aus den USA hat die grösste Skigebietbetreiberin der Welt ihre Fühler nach den Alpen ausgestreckt. Vail Resorts hat bereits die Bergbahnen von Crans-Montana und Andermatt-Sedrun übernommenExterner Link. Ihr Interesse gilt häufig Standorten mit Ausbaupotenzial, wo sich Bergbahnen, Unterkünfte und Freizeitangebote zu ganzen Resorts bündeln lassen.

Mit den neuen Investoren verändern sich die Bergregionen, so wie in Andermatt, wo der ägyptische Investor Samih Sawiris die touristische Entwicklung prägt und sogar einen neuen DorfkernExterner Link geschaffen hat. In Saas Fee besitzt die österreichische Familie SchröcknadelExterner Link die Mehrheit am Skigebiet sowie mehrere Immobilien.

Doch wie bei der «Weissen Arena» wehren sich auch andere Schweizer Skigebiete gegen Übernahmen aus dem Ausland, zum Beispiel die Bergbahnen in der Lenzerheide, die auf ein Konzept mit über 3500 Aktionär:innen setzt, wobei die Gemeinde fast die Hälfte der Anteile hält.

2. Höher gelegene Skigebiete bauen ihre Infrastruktur aus

Damit eine Piste präpariert und rentabel betrieben werden kann, muss die Schneedecke während 100 Tagen 30cm dick sein – so eine Faustregel. Das neue Tool Kompass SchneeExterner Link hilft Skigebieten zu bestimmen, ob sie in Zukunft noch über eine solche Schneedecke verfügen werden.

Das Instrument, das von Seilbahnen Schweiz und Schweiz Tourismus mit dem Schnee und Lawinen-Forschungsinstitut, der ETH Zürich und Meteoschweiz entwickelt wurde, erstellt auf wissenschaftlicher Basis Prognosen für die Pisten der Zukunft. Im Tool wird sichtbar, dass sich die Wintersaison in gewissen Lagen massiv verkürzen wird.

Was die Entwickler:innen des Tools auch zeigen: Bergbahnen und die dazugehörenden Wintersportorte sind nach wie vor stark vom Wintergeschäft abhängig. Der Winter zieht weiterhin zuverlässig Gäste an und in der kalten Jahreszeit lässt sich am meisten Geld verdienen. Die Konsequenz: Wer in der Zukunft noch Schnee hat, investiert.

Hoch gelegene Skigebiete ersetzen alte Lifte durch moderne Anlagen und renovieren Restaurants. Saas Fee hat die höchstgelegenste Standseilbahn der Welt aufs Mittelallalin auf knapp 3500 M. ü. M. erneuert, die Seilbahn nach Mürren im Berner Oberland wurde für 130 Millionen Franken modernisiert und im Skigebiet Flims Laax Falera wurden 80 Millionen Franken in neue Gondeln investiert. Die Berner Zeitung spricht von einem «Wettrüsten in den Bergen»Externer Link.

Wie «Kompass Schnee» den Weg in die Zukunft weist:

3. Skigebiete schliessen sich zusammen

Wo möglich, schliessen sich Schweizer Skigebiete zusammen, um die Investitionen gemeinsam zu stemmen. Grössere zusammenhängende Skigebiete bieten Wintersportler:innen mehr Pistenkilometer, Verpflegungsmöglichkeiten und Rahmenprogramm.

Die Betreiber können die Kosten aufteilen und ihren Auftritt und das Ticketing gemeinsam organisieren. Bekannte zusammenhängende Skiregionen sind beispielsweise Arosa-Lenzerheide in Graubünden oder Les Portes du Soleil im Wallis. In letzterem kann man sogar über die Landesgrenze nach Frankreich skifahren.

Beim jüngsten Zusammenschluss liegen die Ausgangsorte der Skigebiete in drei verschiedenen Tälern in zwei Kantonen: Im Herbst 2018 wurde die das Skigebiet Andermatt-Sedrun fertiggestelltExterner Link, ein halbes Jahr später stiess Disentis dazu. Für die Verbindung über den Oberalppass wurden in grosser Höhe neue Bahnen und Restaurants gebaut. Auch in Snowfarming und Beschneiung wurde investiert. Die US-amerikanischen Betreiber versprechen eine siebenmonatige Skisaison.

4. Sie setzen auf Aktivitäten, die weniger Schnee brauchen

«Alles fährt Ski», lautet ein Schweizer Gassenhauer aus den 1960er-JahrenExterner Link. Auch heute noch ist die Schweiz eine Skination. 62% der Schweizer:innen zwischen 14 und 70 Jahren betreiben Wintersport, wie eine AnalyseExterner Link festhält. Dieser Anteil sei in den letzten Jahren konstant geblieben. Für die Skigebiete ist es jedoch von Vorteil, wenn die Gäste nicht nur für die Skipisten anreisen würden.

Besonders in tieferen Lagen versuchen die Skiregionen, Angebote neben dem alpinen WintersportExterner Link zu schaffen, die weniger Schnee und aufwändige Instandhaltung brauchen. So haben sich manche Skigebiete auf Schneeschuh- oder Winterwandern spezialisiert. Wie zum Beispiel die Stockhornbahn bei Thun, die dem Skitourismus ganz abgeschworen hat.

Dasselbe gilt für den Monte Tamaro im Tessin oder für die Region Les Paccots im Kanton Fribourg. Mit einem sanfteren Tourismus setzen diese Regionen auf Gäste, die abseits des Trubels unterwegs sind und sprechen auch Gruppen wie ältere Menschen, ausländische Gäste oder solche ohne Skierfahrung an.

Obwohl das Wintergeschäft das Lukrativste ist, versuchen Bergdestinationen und Tourismusverbände, die Tourist:innen ganzjährig anzulocken. Sie setzen auf Yoga-Retreats, Mountainbike-Ferien oder kulinarische Hotspots. Die Klimaerwärmung ist ein Fluch für den Winter, der Herbst dagegen hat ein Upgrade erhalten.

In Werbespots wirbt Schweiz TourismusExterner Link mit Promis wie Roger Federer und Halle Berry weltweit für den Herbst in der Schweiz. Wanderferien sind nun bis im November möglich, danach geht es nahtlos in die Skisaison über. Um auch im Herbst Gäste empfangen zu können, müssen die Hotels und Bergbahnen jedoch auf eine Pause verzichtenExterner Link.

Eine andere Lösung ist, die Saisons gleich ganz umzukrempeln. Aufgrund von Schneemangel hat das St. Galler Skigebiet Atzmännig im Winter auf SommerbetriebExterner Link umgestellt. Finanziell lohnt sich das jedoch nicht.

Die Zukunft für Tessiner Skigebiete ist ungewiss:

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Zu wenig Schnee in Tessiner Skigebieten

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Tessiner Skigebiete vor dem Aus?

Dieser Inhalt wurde am veröffentlicht Für die Schweizer Skigebiete ist die aktuelle Saison einmal mehr eine schwierige. Es fehlt der Schnee. Besonders hart trifft es die Skigebiete im Tessin: So wenig Schnee wie dieses Jahr, gab es in der Südschweiz schon lange nicht mehr.

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5. Sie schliessen

Die meisten in diesem Artikel genannten Skigebiete sind gross und reichen bis weit über die kritische Grenze von 1600 M.ü.M. hinaus. Hier lohnt sich die Investition für die Zukunft. Unterhalb davon sieht es anders aus.

Wegen chronischem Schneemangel haben in der Schweiz Dutzende von Skigebieten den Betrieb aufgegeben, andere stehen kurz davor. Bei vielen handelt es sich um den Dorflift, der früher regelmässig in Betrieb war und heute meist auf einer grünen Matte steht. Watson zählt 167 SkigebieteExterner Link, die den Betrieb eingestellt haben.

Nach der Schliessung kommt das Problem vom Rückbau der Infrastruktur. Dieser kostet meist grosse Summen – die oft niemand übernehmen will oder kann. Im ganzen Land rosten Dutzende verlassenen SkilifteExterner Link vor sich hin.

Doch noch gibt es sogar im Mittelland einzelne Skilifte, die bei Schneefall schnell ein paar Stunden Skivergnügen ermöglichen. Wie hier im Aargauischen Seon, wo im Januar 2026 nach 30 Jahren Pause sogar ein Skirennen durchgeführt wurdeExterner Link.

Die ehemalige Station des Skigebiets Super St. Bernhard im Kanton Wallis ist zu einem Lost Place geworden:

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Editiert von Balz Rigendinger

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