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Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise Schweiz-Russland: 200-Jahr-Jubiläum wird trotz allem gefeiert

Am 24. Juni 2014 traf sich der Schweizer Aussenminister und Bundespräsident Didier Burkhalter in seiner Funktion als Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Am 24. Juni 2014 traf sich der Schweizer Aussenminister und Bundespräsident Didier Burkhalter in seiner Funktion als Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

(Keystone)

1814 drohte die Schweiz auseinander zu brechen, Russland trug jedoch entscheidend zu ihrer Rettung bei. Der Grundstein zu mehr oder weniger regelmässigen diplomatischen Beziehungen war gelegt. Die Jubiläumsfeierlichkeiten von 2014 fallen mitten in die Ukraine-Krise, grosse Gefühle und Freundschaftsbezeugungen dürften ausbleiben. Doch mit dem reichhaltigen Programm wird die Kultur und nicht die Politik die Hauptrolle spielen.

"Das ist eine ehrenhafte Niederlage und ein diplomatischer Erfolg!", erklärt Ständerat Filippo Lombardi, Organisator eines nicht alltäglichen Schachturniers. Es ist ein heisser Junitag. In einem engen Raum im Bundeshaus sitzen sich, flankiert von Journalisten, 12 Parlamentarier aus der Schweiz und Russland gegenüber, unter ihnen der ehemalige Schachweltmeister aus den 1970er-Jahren, Anatoli Karpow, Pro-Putin-Mitglied der Staatsduma.

Weder die 1:2-Niederlage der Schweiz noch die Kritik an der Begegnung vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise kann die gute Stimmung trüben. Christian Levrat, Präsident der Sozialdemokratischen Partei (SP), äussert sich als Mitglied des Schweizer Teams erfreut über die Begegnung mit einem Schachweltmeister. Und erklärt die eigenartige Kraft des Schachspiels: "Sogar in den schlimmsten Zeiten des Kalten Krieges haben immer Wettkämpfe stattgefunden." Parteigenosse Andreas Gross fügt nüchtern hinzu: "Ich bin nur fürs Schachspielen gekommen."

Paradox der Geschichte

Für den Historiker Hans Ulrich Jost "ist die moderne Schweiz ein wenig das Kind Russlands".

"Russland tritt am Wiener Kongress 1815 in das politische Leben der Schweiz ein. Während Österreich eine Zerschlagung und eine mögliche Rückkehr zum 'Ancien Régime' bevorzugt, beharrt Russland darauf, dass die Schweiz der 19 Kantone und die Neutralität nicht angetastet werden. Ohne diese Intervention hätte die damalige Schweiz, die sich am Rand eines Bürgerkriegs befand, wahrscheinlich nicht überlebt."

Es bleibt beizufügen, dass diese Intervention den Weg geebnet hat für die Schweiz der 22 Kantone – Genf, Wallis und Neuenburg sind bereits der Eidgenossenschaft beigetreten.

Thomas Bürgisser, Mitarbeiter der Documents Diplomatiques Suisses (Dodis), erinnert daran, dass die Beziehungen Schweiz-Russland ihren Höhepunkt gleich am Anfang hatten.

"Ich würde sagen, dass die Zahl '200 Jahre' den Eindruck einer Kontinuität erweckt, was aber so nicht stimmt. Sie verschleiert eine sehr widersprüchliche, heterogene und turbulente Geschichte zwischen den zwei Ländern."

Die Beziehungen begannen, als die Schweiz noch gar nicht existierte. Der Bundesstaat, wie wir ihn heute kennen, wurde 1848 gegründet – ein weiteres Paradox.

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Doppelrolle der Schweiz

Der Anstoss zu den Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungenexterner Link waren Treffen auf Ministerebene anlässlich der Olympischen Spiele von Sotschi. Bundespräsident Didier Burkhalter reiste im Mai nach Moskau, doch die Treffen betrafen die Ukraine, da er gleichzeitig auch den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) innehat.

Ein Glücksfall für die Schweiz, die dadurch mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, doch auch Grund zur Sorge, denn man will die guten gegenseitigen Beziehungen nicht gefährden und trotzdem die Neutralität und das internationale Recht bewahren. Die "für den Frühling" angekündigte, offizielle Reise von Didier Burkhalter nach Moskau im Rahmen des Jubiläums scheint sich nicht zu konkretisieren. Kommt sie, kommt sie nicht?

Die gleiche Frage stellt sich auch für den Besuch einer Delegation von russischen Parlamentariern unter der Führung von Sergei Narischkin, Vorsitzender der Staatsduma. Geplant ist ein Besuch des Suworow-Denkmals am Schauplatz des Siegs des russischen Generals über die Franzosen im Jahr 1799. Dies ist auch das Thema einer Ausstellung in der "Abbatiale de Payerne".

Menschen in den Mittelpunkt stellen

Doch Filippo Lombardi bleibt der enthusiastische Dirigent dieses Jubiläums. "Im Jahr 1814 und 1815 spielte Russland eine wichtige Rolle bei der Bekräftigung der Neutralität der Schweiz, ihrer Unabhängigkeit, ihrer territorialen Integrität und ihrem Föderalismus. Am Wiener Kongress gelang es Russland, bei den Nachbarländern, die es auf die Schweiz abgesehen hatten, Verständnis zu wecken für diese Werte", erklärt der Parlamentarier, der für "Dankbarkeit und Freundschaft" seitens der Schweiz plädiert.

"Das 200-jährige Jubiläum soll die Menschen, bekannte oder unbekannte, in den Vordergrund rücken, die an der Beziehung zwischen den zwei Ländern in Wort oder Tat beteiligt waren. Die Aktualität zeigt, dass dies die richtige Entscheidung war", erklärt Christine Honegger-Zolotukhin, Kultur-Attaché der Schweizer Botschaft in Moskau.

Für den Historiker Hans-Ulrich Jost "war Russland schon sehr früh ein Eldorado für die Schweizer. Zwischen dem 17. Jahrhundert und 1917 versuchten 20'000 Eidgenossen dort ihr Glück. Diese Emigration war sichtbar, denn viele hatten hohe Stellungen inne oder machten ein Vermögen."

Im Gegenzug beherbergte die Schweiz Aristokraten, Schriftsteller, Künstler Studenten, Revolutionäre (1910 waren es 8500), Exilierte, Dissidenten, Oligarchen... Heute leben 10′000 russische Staatsangehörige in der Schweiz.

Kultur als Brückenkopf

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und dessen Promotionsinstrument "Präsenz Schweiz" arbeiten mit dem Bundesamt für Kultur und der Kulturstiftung Pro Helvetiaexterner Link zusammen, die ein breit gefächertes Programm für die Jahre 2013-2015 auf die Beine gestellt hat. Die Schwäche des politischen Teils des Jubiläums wird durch das reichhaltige Programm kompensiert, das auf die Kultur setzt und deren zugedachte Rolle als Brückenkopf zur Geltung bringt.

Das Angebot ist vielfältig: Musik und Tanz, visuelle Künste und Literatur, Wirtschaft, Innovation und Medizin, Bildung und nicht zu vergessen die Gastronomie, Uhren, Wein und Schokolade. Genf, das dieses Jahr die 200-jährige Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft feiert, entsendet seine "Vieux Grenadiers" ans internationale Militärmusikfestival von Moskau.

"Bis Ende 2013 haben wir 150 Projekte über die Bühne gebracht und rund 40 seit Anfang 2014, erklärt Christophe Rosset, Projektleiter von Pro Helvetia. Die Programme setzen auf Partnerschaften mit schweizerischen und russischen Institutionen. Wir decken 30% des Budgets des Austauschprogrammes, die russischen Partner 50% und die Schweizer Partner (Institutionen und Kantone) 20%."

Auf der russischen Seite "wurde die Kultursaison im März mit rund 50 Projekten eröffnet, davon sind rund 30 Kulturprojekte", bemerkt Elena Arkhipova, Kultur-Attaché der russischen Botschaft in Bern.

Zwei verschiedene Arbeitsweisen

Wie funktioniert die Zusammenarbeit? "Sehr gut, denn das Interesse der Russen ist gross, antwortet Christine Honegger-Zolotoukhine. Unsere Programme sind nicht gezwungenermassen miteinander verbunden, unsere Länder funktionieren unterschiedlich, auch in Sachen Planung. Wir haben russische Partner gesucht und den Rahmen abgesteckt (Art des Projektes, Orte). Noch fehlt bei einigen Projekten der letzte Schliff. Unser Programm ist in ständiger Entwicklung, das liegt in der Natur der Sache."

Promotions-Clip des House of Switzerland in Sotschi

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"Unsere Projekte sind traditioneller, die Gegenwartskultur ist bei uns weniger reich als in der Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Mit den verschiedenen Volksgruppen ist es schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden", stellt Elena Arkhipova fest.

Das russische Kulturministerium stellt seine Projekte vor: Ballett, Konzerte, Ausstellungen aus renommierten Institutionen (Bolschoi-Theater, Eremitage-Museum). "Das Aussenministerium muss halbprivate Sponsoren finden", fährt Elena Arkhipova weiter. Ein Beispiel: Die Ausstellung "Magie du paysage russe" der Galerie Tretiakow in Lausanne wurde vom Honorarkonsul finanziert – oder die Stiftung "Paix et harmonie" von Anatoli Karpow organisiert Veranstaltungen in Genf. Und in Russland gibt es eine Ausstellung über Strassenfotografie, "La Suisse par les yeux d’un Russe" und das entsprechende Pendant in der Schweiz.

"Eine denkwürdige Erfahrung"

Über die Buchmessen in Moskau und Krasnojarsk fand Pro Helvetia in Russland eine Plattform. "Im Gegenzug haben unsere Schweizer Partner die Russen eingeladen. 2015 wird Russland Ehrengast am 'Salon du livre' in Genf und am Comix-Festival Fumetto in Luzern sein", unterstreicht Christophe Rosset.

"Alpenfest", ein russisch-schweizerisches Projekt für zeitgenössische Musik am Konservatorium in Moskau, dürfte auf grosses Interesse stossen, ebenso das Kammermusikfestival "Strings" in Luzern.

Doch es gibt auch Konzerte mit Heidi Happy und Nicolas Fraissinet. Für den Sänger aus der Romandie eine "denkwürdige" Erfahrung: "Die Reaktionen des Publikums waren sehr herzlich, manchmal geradezu berührend. Ich hatte oft den Eindruck, dass die Emotionen dort viel direkter und spontaner sind als bei uns!"

Thomas Hirschhorn: "Abschlag"

(manifesta10.org)

Pro Helvetia arbeitet auch mit "Manifesta 10" zusammen, der Biennale für zeitgenössische Kunst in Sankt Petersburg, die dann im Gegenzug 2016 auch in Zürich durchgeführt wird. Für die aktuelle Ausgabe zeigt Thomas Hirschhornexterner Link im Eremitage-Museum seine neue Arbeit "Abschlag", inspiriert von der sowjetischen Geschichte.

Der Luzerner Grafiker Niklaus Troxler zeigt eine Plakatausstellung in Sankt Petersburg, Wladiwostok, Krasnojarsk und Moskau. Er ist begeistert: "Die Russen haben einen anderen Hintergrund, sie sind sehr konstruktivistisch geprägt, doch sie sind auch sehr offen, spontan und interessiert, neue Wege zu gehen."

Initiiert wurde dieses Projekt vom Festival "Weltformat" aus Luzern. Es hat auch russische Künstler in die Schweiz eingeladen. "Man muss diese Beziehungen pflegen", betont Troxler." Man sollte nicht nur immer den politischen Aspekt sehen, denn die Kultur kann vieles zur Verständigung und zum Gedankenaustausch beitragen, und dies gilt es zu pflegen."

200 Jahre Geschichte

Am 6. März 1814 erscheint der Sondergesandte des Zaren Alexander I., Ioannis Kapodistrias, angetan von den liberalen Ideen seines Schweizer Erziehers Frédéric-César de La Harpe, vor der Tagsatzung. Der russische Bevollmächtigte war an der Ausarbeitung der Schweizerischen Bundesverfassung beteiligt und verhinderte das Auseinanderfallen der Schweiz anlässlich des Wiener Kongresses von 1815. Er hat auch den Beitritt von Genf, dem Wallis und Neuenburg zur Eidgenossenschaft begünstigt.

1817: Eröffnung des Honorarkonsulats in Sankt Petersburg, dann in Odessa (1820) und Moskau (1828).

1923: Schliessung der Schweizer Botschaft. Die bis zum Ersten Weltkrieg ausgezeichneten Beziehungen werden durch die Oktoberrevolution von 1917 verunmöglicht.

1946: Die Schweiz nimmt mit der Sowjetunion, die zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gehört, wieder Beziehungen auf.

2004: Die Schweiz erklärt Russland zu einem prioritären Land, die Kontakte und Verträge mehren sich. Dimitri Medwedew kommt als erster Premierminister 2009 auf Staatsbesuch nach Bern. Die Schweiz vertritt die Interessen Moskaus in Georgien und die Interessen Georgiens in Russland.

2007: Unterzeichnung eines Verständigungsprotokolls, das den Austausch in verschiedenen politischen Sektoren regelt.

2012: Die Eidgenossenschaft unterstützt den Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO). Sie wird an den G20-Gipfel in Sankt Petersburg eingeladen.

März 2014: Bern legt die laufenden Verhandlungen mit Moskau zu einem Freihandels-Abkommen auf Eis. Grund ist der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

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(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch


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