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"Wir verhindern Mutationen, indem wir die Zahlen tiefhalten"

Labortechnikerin Anna Schenini bereitet eine extrahierte RNA-Probe für PCR-Tests zum Nachweis von Coronavirus-Mutationen vor, im EOLAB in Bellinzona, Freitag, 22. Januar 2021. Keystone / Pablo Gianinazzi

Ist die Furcht vor neuen Covid-19-Varianten gerechtfertigt? Halten die Impfstoffe, was sie versprechen? Über diese Fragen sprachen wir mit der Epidemiologin Emma Hodcroft von der Universität Bern.

Dieser Inhalt wurde am 05. Februar 2021 - 08:45 publiziert

Neue Covid-19-Varianten bereiten Wissenschaftlern und Regierungen weltweit Sorge. Aus gutem Grund, sagt die britisch-amerikanische Epidemiologin Emma Hodcroft gegenüber swissinfo.ch. Im Interview erklärt sie, warum es wichtig ist, die Infektionszahlen niedrig zu halten und die Verbreitung der neuen Varianten einzudämmen. Mutationen seien normal, sagt Hodcroft, aber in seltenen Fällen könnten so tödlichere Varianten entstehen. "Wir wollten uns auf unwahrscheinliche Szenarien vorbereiten", sagt die Forscherin.

swissinfo.ch: Frau Hodcroft, was wissen wir über die neuen Covid-19-Mutationen?

Emma Hodcroft: Zunächst gibt es drei Hauptvarianten, die im Moment im Fokus der Wissenschaft stehen. Eine vierte sorgt gerade für Schlagzeilen, aber wir wissen noch zu wenig über sie.

Emma Hodcroft, genomische Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Bern. Oliver Hochstrasser

Die neuen Varianten werden hauptsächlich in Grossbritannien und Südafrika gefunden, zwei weitere sind in Brasilien aufgetaucht. Die in Grossbritannien zirkulierende Virus-Mutante, die oft als 501Y.V1 oder B.1.1.7 bezeichnet wird, ist die erste, die bekannt wurde. Gemäss den vorliegenden Daten verbreitet sie sich in den meisten europäischen Ländern. Und sie ist besorgniserregend, weil sie ansteckender und daher schwieriger zu handhaben ist als beispielsweise die SARS-CoV-2-Varianten, welche im vergangenen Sommer im Umlauf waren. Es gibt zwar keine eindeutigen Hinweise darauf, dass sie tödlicher ist, aber wenn sich mehr Menschen infizieren und dann erkranken, könnte dies das Gesundheitssystem überlasten.

Über die anderen Covid-19-Varianten wissen wir noch wenig. Jene in Südafrika hat dieselbe Mutation wie die in Grossbritannien und eine zusätzliche, welche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Sorge bereitet. Die beiden Variationen, die in Brasilien zirkulieren, besitzen ebenfalls diese Mutation. Einigen Studien zufolge übertragen sich diese viel schneller, aber die Daten sind zu spärlich, um das mit Sicherheit sagen zu können.

Wirklich alarmierend ist, dass die zusätzliche Mutation das Virus in die Lage versetzen könnte, Menschen, die bereits an SARS-CoV-2 erkrankt sind, erneut zu infizieren. Und das könnte die Wirksamkeit von Impfstoffen beeinträchtigen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass die kürzlich von Moderna veröffentlichten Daten darauf hindeuten, dass die Impfstoffe auch gegen 501Y.V1 und die zusätzliche Mutation funktionieren.

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Heisst das nun, dass Impfstoffe nutzlos werden?

Selbst wenn Impfstoffe weniger wirksam würden, ist es unwahrscheinlich, dass sie überhaupt keine Wirkung mehr haben werden. Eine Situation, in der ein Impfstoff nichts mehr bringt, ist also unwahrscheinlich. Das Problem ist, dass die Wirksamkeit von, sagen wir, 95 % auf 85-90 % sinken könnte.

Die Erfahrung mit anderen Krankheitserregern hat gezeigt, dass die Immunantwort, die man durch Impfstoffe erhält, besser ist als die natürlich erzeugte Reaktion. Impfstoffe bringen unserem Körper bei, wie er sich verteidigen kann. Wenn dies auf SARS-CoV-2 zutrifft, dann könnte es sein, dass diese Mutation die Impfstoffe gar nicht oder kaum beeinträchtigt.

Was ist allgemein die Gefahr von Virus-Mutationen?

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es völlig normal, dass sich ein Virus weiterentwickelt. Jedes Mal, wenn es sich repliziert, besteht die Gefahr, dass ein Fehler auftritt und so eine Mutation erzeugt wird. Je länger wir hohe Fallzahlen haben und entsprechend viele Viren im Umlauf sind, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Mutation eine ist, die wir nicht sehen wollen.

Wir werden dieses Szenario nie ganz ausschliessen oder verhindern können, es sei denn, wir rotten das Virus komplett aus. Aber wir verringern die Chancen auf Mutationen, indem wir dafür sorgen, dass das Virus weniger Zugang zu ungewöhnlichen Situationen oder Menschen mit einem schlechten Immunsystem hat. Denn dort findet es ein ideales Tummelfeld. Wir wollten uns auch auf unwahrscheinliche Szenarien vorbereiten. Also müssen wir die Zahl der Ansteckungen so tief wie möglich halten.

Medien bezeichnen sie als britische, südafrikanische oder brasilianische Variante. Wie stellen Forschende die Herkunft von Viren fest?

Es ist natürlich schwer, diese geografischen Bezeichnungen nicht zu verwenden, weil sie inzwischen in unsere Alltagssprache eingeflossen sind und man die Varianten so voneinander unterscheiden kann.

In der Forschung versuchen wir jedoch, ihre Verwendung so weit wie möglich zu vermeiden. Denn der Ort, an dem sich eine Variante ausbreitet, ist nicht immer der Ort, an dem sie entstanden ist. Zudem können die Bezeichnungen dem Ruf dieser Länder schaden.

Glauben Sie, dass die Zahl der Fälle auch in der Schweiz explodieren könnte, so wie in Grossbritannien? Sind strengere Massnahmen notwendig?

Die britische Variante kursiert bereits in der Schweiz. Deshalb sollten wir uns auf eine Verschlimmerung der Lage einstellen. Es ist nun wichtig, die Ansteckungszahlen tief zu halten, damit der Trend gestoppt wird. So können wir sicherstellen, dass unser Gesundheitssystem nicht überlastet ist und für den Notfall, falls die Ausbreitung weiter voranschreitet, bereit wäre. Eine Lage wie in England mit Kolonnen von Krankenwagen vor den Spitälern wollen wir unbedingt verhindern.

Was sagen Sie jenen Menschen, die gegen das Impfen sind oder sich vor den Impfstoffen fürchten?

Viele der Bedenken gründen auf der kurzen Dauer, in der die Impfstoffe entwickelt wurden. Viele sagen, ein Impfstoff komme erst nach 5 bis 10 Jahren auf den Markt. Erstens möchte ich klarstellen, dass viele der derzeit zugelassenen Impfstoffe für andere Viren entwickelt wurden, in einigen Fällen für andere Coronaviren. Wir fingen also nicht bei null an, das Wissen und die Technologie existierten bereits.

Zweitens: Was die Entwicklung eines Impfstoffs in die Länge zieht, ist nicht die Wissenschaft, sondern die Bürokratie. In der Forschung wird viel Zeit damit verwendet, Finanzmittel aufzutreiben, Berichte zu schreiben und eine ausreichende Anzahl von Freiwilligen zu überzeugen, an Studien teilzunehmen. All das macht den Prozess sehr langwierig und schwierig. Die Coronavirus-Pandemie hat viele dieser Probleme aus dem Weg geräumt.

Kurz vor dem Lockdown machen einige Leute Shopping an der Bahnhofstrasse in Zürich am Samstag, 16. Januar 2021. Keystone / Alexandra Wey

Die Regierungen gaben sehr schnell viel Geld aus und stellten Infrastruktur zur Verfügung, und eine grosse Anzahl von Menschen wollte den Impfstoff testen. Dies alles verkürzte den Prozess. In dieser Hinsicht wurden diese Impfstoffe sogar gründlicher getestet als die meisten anderen, weil es so viele Freiwillige gab.

Dies alles zeigt auch, dass die Wissenschaft sehr schnell Resultate liefern kann, wenn die Zusammenarbeit zwischen den Interessengruppen funktioniert. Viele Menschen sorgen sich auch um mögliche Langzeitwirkungen. Hierzu möchte ich sagen, dass Impfstoffe bloss so lange im Körper verbleiben, bis sie dem Immunsystem beigebracht haben, wie es ein bestimmtes Virus bekämpft. Danach verschwinden sie.

Was lehrt uns diese Pandemie für die Zukunft?

Sie hat uns gelehrt, dass wir immer noch sehr wenig über Viren wissen. Ein Grossteil der Forschung hat sich während der vergangenen Jahre auf Influenzaviren und HIV konzentriert – die Bedeutung von Coronaviren und anderen wurde unterschätzt. Es gibt Tausende von Viren da draussen, und wir wissen nicht, wann die nächste Pandemie kommen wird. Ich hoffe, dass die Ereignisse dazu beitragen, das Bewusstsein für die Bedeutung der Virenforschung zu schärfen.

Emma Hodcroft

Emma Hodcroft ist eine britisch-amerikanische Epidemiologin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.

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