Auslandschweizerin: «Ich plane Besuche weit im Voraus – so ist es beim Abschied kein auf Nimmerwiedersehen»
Auswandern heisst Abschied nehmen – aber nicht zwingend loslassen. Die fünfte Folge des Podcasts «Ade merci, Schweiz» zeigt, wie sich Nähe, Heimatgefühl und Identität beim Leben im Ausland verändern – und warum Distanz Beziehungen manchmal sogar vertieft.
Auswandern ist mehr als ein Ortswechsel. Zurück bleiben Menschen, Routinen, Selbstverständlichkeiten. Und doch reisen viele Verbindungen mit: im Handy, im Herzen, im Alltag. Wer geht, lässt nicht alles hinter sich.
Liza Zuberi lebt seit einiger Zeit im Ausland. Was sich verändert hat, ist nicht nur die Distanz zur Schweiz, sondern auch die Beziehung zu ihrer Familie – allerdings nicht im negativen Sinne. «Ich telefoniere nun regelmässiger mit meinem Mami als damals, als ich noch in der Schweiz wohnte», sagt sie. Die räumliche Entfernung habe die Nähe nicht geschwächt. Gespräche wurden bewusster, Kontakte gezielter.
Hören Sie sich die fünfte Folge des Podcasts «Ade merci, Schweiz» an:
Nähe wird zur bewussten Handlung
Viele Ausgewanderte machen ähnliche Erfahrungen: Weil Begegnungen nicht mehr selbstverständlich sind, werden sie geplant. Ein spontaner Kaffee fällt weg, dafür entstehen lange Telefonate, bewusste Besuche und geteilte Rituale über Ländergrenzen hinweg – mehr Quality-Time als ein kurzes Kafi zwischendurch.
Was Liza hilft, ist das Wissen, dass Abschiede nicht endgültig sind: «Ich plane meine Besuche weit im Voraus. Es hilft mir beim Tschüss sagen, wenn ich weiss, wann ich meine Liebsten wiedersehe – so ist es kein Auf Nimmerwiedersehen.» Diese Fixpunkte geben Struktur – und ein Gefühl von Kontinuität.
Die fünfte Folge von «Ade merci, Schweiz» gibt es auch als Video-Podcast:
Heimat zeigt sich oft erst in der Distanz
Erst mit dem Weggehen wird vielen bewusst, wie stark die eigene Identität mit der Herkunft verknüpft ist. «Man merkt plötzlich, wo man sich zuhause fühlt, wo man sich nicht verbeugen muss», sagt Rahel Siegenthaler, Coach und Expertin für interkulturelle Kommunikation. Heimat sei nicht nur ein Ort, sondern ein Zustand: verstanden zu werden, nicht erklären zu müssen, wer man ist.
Für Liza sind es auch konkrete Dinge, die dieses Gefühl von Verbundenheit auslösen. «Mir war vor dem Auswandern nicht bewusst, wie sehr ich den Zibelemärit in Bern schätze», sagt sie. Und was sie – abseits der Familie – am meisten vermisst, ist das Essen: «Silserbrötli und Käse!»
Im Audio- und Video-Podcast «Ade merci, Schweiz» erhalten Sie authentische Einblicke in das Leben und die Erfahrungen von Auslandschweizer:innen. Gemeinsam mit Fachleuten geben wir Ihnen praktische Ratschläge rund ums Auswandern und Leben im Ausland, vom Auswandern mit Kindern bis hin zum Ankommen in einer neuen Sprache und Kultur.
Den Podcast «Ade merci, Schweiz» gibt es auch auf Französisch.
Familie als emotionaler Anker
Rituale und Fixpunkte seien in Übergangsphasen besonders wichtig, erklärt Siegenthaler. «Traditionen oder Rituale können in der Übergangsphase stärkend sein. Sie geben Halt, wenn vieles noch fremd ist.»
Gerade dann, wenn die anfängliche Euphorie des Auswanderns nachlässt, wird die Verbindung zur Familie zentral. «Zu Beginn ist man voller Enthusiasmus, dann kommt oft eine Phase, in der man merkt: Vieles ist anders», sagt Siegenthaler. «Dann ist es wichtig, dass die Familie da ist und man einfach mal anrufen und Dampf ablassen kann.» Die Gewissheit, nicht allein zu sein, wirkt stabilisierend – auch über grosse Distanzen hinweg.
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Zwei Standbeine statt Entweder-oder
Auswandern bedeutet nicht, sich zwischen alter und neuer Heimat entscheiden zu müssen. Vielmehr geht es darum, beides nebeneinander bestehen zu lassen. «Am Anfang braucht man mehr Halt. Je mehr man sich an den neuen Alltag gewöhnt, desto besser kann man sich auf Neues einlassen – aber beide Standbeine bleiben immer da», sagt Siegenthaler.
Editiert von Marc Leutenegger
Welche Songs verbinden Sie mit der Schweiz? Diese Frage stellten wir unseren Gästen und kreierten mit all den genannten «Heimweh-SongsExterner Link» folgende Playlist. Viel Vergnügen beim Reinhören!
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