Warum Demokratie die Bildung braucht

Ohne Bildung keine mündigen Bürgerinnen und Bürger und keine Demokratie. Keystone

Starke öffentliche Bildungsinstitutionen sind in einer liberalen Demokratie essenziell. Ohne sie wäre die politische Öffentlichkeit gar nicht denkbar. Wie fragil und unentbehrlich sie sind, erklärte Professor Jürgen Oelkers in seinem Referat an den Aarauer Demokratietagen.

Sandro Lüscher, Aarau

Ohne mündige Bürger geht in einer liberalen Demokratie nichts. Doch wie wird man dies? Man lernt es – und man wird, bis zu einem gewissen Grad zumindest, dazu erzogen.

Jürgen Oelkers war bis 2012 Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich. Forschungsmässig widmete sich der 70-Jährige der historischen Bildungsforschung des 18. und 19 Jahrhunderts, der Reformpädagogik, der Bildungspolitik und vielen weiteren Unterbereichen. Er hat die bildungspolitischen Diskurse der letzten Jahrzehnte massgeblich mitgeprägt und geniesst auf seinem Fachgebiet ein exzellentes Renommee. Tres Camenzind

Die Herstellung einer kritischen, politischen Öffentlichkeit wäre ohne starke Bildungsinstitutionen undenkbar. Dies ist die Überzeugung des emeritierten Professors für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich, Jürgen Oelkers.

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Aarauer Demokratietage referierte er zum Thema "Populismus und Autoritarismus: Herausforderungen für die öffentliche Bildung" (das Referat ist auch online greifbar).

Als die Bildung den Mächtigen gehörte

Seinen Ausführungen zufolge sind Bildung, Öffentlichkeit und Demokratie untrennbar miteinander verbunden und Teil ein und derselben Entwicklungsgeschichte. Lange Zeit war Bildung ein exklusives Gut und nur dem Klerus sowie einer kleinen privilegierten Adelsschicht vorbehalten.

Erst im Zuge der Reformation etablierte sich das Lesen zum Standard des Lernens und führte zu einer egalitären Vorstellung von Bildung, auf die jedermann Anspruch hat. Gleichzeitig schwand der Einfluss der Religion auf den Bereich der Bildung.

Religiös und politisch motivierte Bildungsoffensiven

Doch das war und ist weder eine lineare Entwicklung, noch ein Prozess von universaler Gültigkeit. Selbst in etablierten Demokratien wie den USA, Polen oder der Türkei zeichnen sich gegenwärtig bildungspolitische Rückschritte ab. Streng religiöse Glaubensgemeinschaften buchstabieren dort die Säkularisierung, also der Trennung von Staat und Kirche, schrittweise zurück. Das zeigt sich nicht zuletzt in den Versuchen, die Evolutionstheorie oder den Sexualunterricht aus dem Biologieunterricht zu verbannen.

Nicht nur religiöse Interessengemeinschaften, sondern auch politische Kräfte versuchen immer wieder den Bildungsapparat nach ihren radikalen Vorstellungen umzukrempeln. Oelkers sagte dazu: "Wenn aus Bewegungen Machtkonstellationen hervorgehen, die sich an den Umbau der Gesellschaft machen, dann ist immer sofort die organisierte Bildung betroffen. Sie wird an den ideologisch aufgeladenen Stellen angepasst und wo das einen Systemwechsel verlangt, wird dieser Wechsel vollzogen."

Was das Bildungssystem über ein Land aussagt

Im Grunde könne man an den bildungspolitischen Grundsätzen den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Zustand eines Landes ablesen. Autoritäre Politiksysteme teilen gemäss Oelkers im Wesentlichen fünf Attribute: Sie propagieren nationale Werte, zelebrieren Helden der nationalen Geschichte, geben angestammten Religionsgemeinschaften den Vorrang, lehren patriotische Literatur, und preisen Vorbilder des gesellschaftlichen Lebens, soweit sie zur politischen Herrschaft passen.

Ein weiterer treffsicherer Indikator für die Liberalität sei die Sprachenpolitik eines Landes: "Je weniger auf Minderheiten Rücksicht genommen wird, desto illiberaler ist die Politik." Sein Fazit: Auch wenn die liberale Demokratie alles andere als perfekt ist, müsse man dennoch auf eine hohe Allgemeinbildung setzen. Ansonsten lande man bei der Herrschaft von gebildeten Autokraten. Und das wäre nun wirklich keine hoffnungsvolle Zukunftsaussicht.

Aarauer Demokratietage

Die Forschungstagung zum Thema «Demokratie und Populismus» war der Abschluss der 10. Aarauer Demokratietage.

Hauptthema war das Zusammenspiel von Demokratie und Populismus im Hinblick auf ereignisreiche Volksentscheide wie der Brexit im Jahr 2016 oder das katalanische Unabhängigkeitsreferendum vergangenen Jahres. Es diskutierten sechs Experten vor einem Publikum von rund 50 Teilnehmenden.

An den Aarauer Demokratietagen werden aktuelle politische Fragen angesprochen und diskutiert. Die jährlich wiederkehrende Veranstaltung richtet sich an Personen aus Wissenschaft, Politik, Medien und an die Öffentlichkeit.

Die Aarauer Demokratietage werden durch das  Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) organisiert. Beide feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Zum Jubiläum wurde eine "Road Tour" durch den Kanton Aargau veranstaltet, die seit Januar an mehreren Orten Halt machte. Ziel war auch, die Bekanntheit des Forschungszentrums im Kanton zu erhöhen.

#DearDemocracy, die swissinfo.ch-Plattform über direkte Demokratie, ist Medienpartnerin der Aarauer Demokratietage.

End of insertion


Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen