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Neue Häuser aus alten Plastikflaschen

"Europa" ist eines der Hausmodelle aus PET-Flaschen, die vom Startup entwickelt wurden. Es kann ein bis zwei Stockwerke haben und bietet eine Wohnfläche zwischen 96 m2 und 150 m2. cortesia

Plastik ist zum grössten Umweltverschmutzer der Welt geworden. Selbst in menschlichem Gewebe wurden schon Rückstände von Mikroplastik gefunden. Ein in der Schweiz von zwei Persönlichkeiten gegründetes Startup will dazu beitragen, dieses Problem zu verringern: Mit dem Bau von Häusern aus wiederverwerteten Plastikflaschen.

Dieser Inhalt wurde am 19. September 2020 - 11:00 publiziert

Die Welt ertrinkt in Plastik. Von den 320 Millionen Tonnen Kunststoff, die jedes Jahr produziert werden und von denen nur neun Prozent recycelt werden, landen mehr als acht Millionen in den Weltmeeren. Nach Angaben der Vereinten Nationen wird sich der gegenwärtige Trend fortsetzen: Bis 2050 dürfte es in den sieben Weltmeeren mehr Plastik als Fisch geben.

Heute hat diese weltweite Verschmutzung eine weitere Dimension erreicht: Forscher in den USA haben jüngst Fragmente von Mikro- und Nanokunststoffen in menschlichem Gewebe gefunden.

Igor Ustino  einer der Männer hinter dem erwähnten Schweizer Startup, besuchte in der indischen Region Kaschmir ein Projekt, das von der nach seinem Vater benannten Stiftung finanziert wurde. Dies inspirierte ihn zu Gedanken über Plastikmüll und was dagegen getan werden kann.

Igor ist der Sohn des britischen Schauspielers Peter Ustinov, der unter anderem für seine Rollen in Filmen wie "Spartacus" (1961) und "Topkapi" (1965) mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Ustinov, der von 1957 bis zu seinem Tod 2004 in der Schweiz lebte, hatte zudem 37 Jahre lang als UNICEF-Botschafter gedient.

Die Stiftung, die jüngst ihr 22-jähriges Bestehen feierte, lebte vor allem von Spenden ehemaliger Fans des Schauspielers, bevor sie dank ihren Aktivitäten ihre Unterstützungsbasis ausweiten konnte. Sie finanziert Projekte in den Bereichen Bildung und Schulbau.

"Als Vorsitzender der Stiftung besuchte ich eines unserer Projekte und kam auf die Idee, Spielplätze für Kinder zu bauen. Da es so viel Plastik gab, der einfach weggeworfen wurde, dachte ich, es wäre eine gute Idee, wenn man dieses Material wieder verwenden könnte", sagt Igor Ustinov.

Im Alter von 64 Jahren kann der in Grossbritannien geborene Ustinov auf eine etablierte Karriere als Bildhauer zurückblicken. Seine Skulpturen sind in Museen in verschiedenen Ländern zu sehen und werden für Tausende von Franken verkauft.

Ustinov studierte Biologie, Kunst und lyrischen Gesang in Paris, befasst sich aber stets auch mit Fragen aus anderen Bereichen. "Während meinen vielen Reisen um die Welt wurde mir klar, dass die Menschen vor allem menschenwürdige Wohnungen brauchen. Das würde auch einige andere Probleme lösen."

All dies brachte ihn schliesslich auf die Idee, gebrauchtes Plastik in Häuser zu verwandeln. Und es sollte nicht bei der Idee bleiben Aus einer künstlerischen Skizze wurde ein reales technisches Projekt. 2017 gewann er den Preis für die beste Erfindung der Internationalen Föderation der Erfinderverbände (IFIA).

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Häuser aus Modulen wie Legosteine

"Die Idee ist brillant: Aus recyceltem Kunststoff von PET- oder PEF-Flaschen, aus biologisch nicht abbaubaren Polymeren, werden standardisierte Bauprofile wie Balken und Module hergestellt, die wie Lego-Steine zusammenpassen. Danach erhalten diese Strukturen eine Isolation oder eine Füllung, die aus Erde oder einem anderen Material bestehen können", erläutert der Künstler in seinem Atelier im Dorf Romont im Kanton Freiburg.

Er weist darauf hin, dass die Häuser dank der Zusammensetzung des Materials vollständig wiederverwertbar sind. Das strukturelle Konzept basiert auf modularen Kuben, die kombiniert werden können, um schlichte Häuser oder auch Gebäude mit bis zu acht Geschossen zu bauen.

Das Konzept wurde Wirklichkeit, als Igor Ustinov sich mit seinem Freund André Hoffmann zusammentat, dem Vizepräsidenten des Pharmamultis Roche, der zwischen 2007 und 2017 Präsident der Umweltorganisation WWF war. Zusammen gründeten sie Ende 2018 das Startup UHCS (Ustinov Hoffmann Construction System). Nach vier Jahren Forschung und Tüfteln, die in dem Haus aus recyceltem Kunststoff gipfelten. Schliesslich reichten sie auch vier Patente ein.  

Die Technologie wurde zuerst von einem Ingenieurbüro in Montreux validiert, dann von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) und schliesslich vom Institut für Werkstofftechnik und Kunststoffverarbeitung (IWK) zertifiziert nach den höchsten schweizerischen und internationalen Baunormen SIA und ISO.

Gut für die lokale Wirtschaft

Hoffmann und Ustinov geht es aber nicht nur um den Bau von Häusern aus Kunststoff. Sie möchten zur Entwicklung der lokalen Wirtschaft beitragen, indem sie eine Kreislaufwirtschaft rund um die Wiederverwendung von Kunststoffen entwickeln.

Mit der Verwendung von recyceltem Kunststoff kann der Verbrauch der natürlichen Ressourcen eingedämmt werden, die im traditionellen Bauwesen zum Einsatz kommen, wie Holz und Sand, "die jetzt auf der ganzen Welt knapp werden", sagt Ustinov. Zudem könnten die Module des UHCS-Systems an die lokale Architektur und an lokale Ausbaumaterialien wie Erde oder Holz und Stein angepasst werden, fügt er hinzu. Denn nur die tragende Struktur dieser Häuser wird aus PET und/oder PEF bestehen.

Auf die Frage, ob diese Häuser in erster Linie für einkommensschwache Bevölkerungsgruppen gedacht seien, relativiert Igor Ustinov: "Nicht nur. Wir können noch keinen genauen Preis formulieren, weil wir noch keine gebaut haben. Der Preis wird auch von der lokalen Wirtschaft abhängen. Aber wir schätzen, dass diese Häuser viel billiger sein werden als konventionelle Häuser."

Das Startup will seine Technologie in einer Kooperationspartnerschaft an lokale Unternehmen weitergeben, wo das UHCS-Bausystem in Franchise vor Ort produziert werden kann. Daher suchten die beiden Freunde nach lokalen Investitionspartnern.

"Wir sind offen für Vorschläge aus der ganzen Welt", sagt Ustinov.

Igor Ustinov zeigt die Granulate, die durch das Recycling der Plastikflaschen hergestellt werden und aus denen dann die Bauelemente der Häuser hergestellt werden. swissinfo.ch

Das erste Haus

Um ihre Idee zu fördern, nehmen Igor Ustinov und André Hoffmann an internationalen Treffen teil. Im Januar 2020 waren sie auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos, wo sie an einer Debatte mit Vertreter*innen von Unternehmen, Regierungen und internationalen Organisationen teilnahmen. Der nächste Schritt wird nun der Bau des ersten Hauses sein.

Nach Angaben des Künstlers sind verschiedene Projekte auf gutem Weg, so ein Pilothaus in den Vororten von Annecy, Frankreich. "Dort interessierte sich ein Biobauer für UHCS", sagt Ustinov. Es könnte aber auch ein Gebäude in der Stadt Sion, in Martiny oder Conthey im Kanton Wallis sein oder ein Hotel in Dakar...

Die beiden Unternehmer hoffen, dass der erste Prototyp symbolisch für eine neue technologische Welt stehen wird, die Menschlichkeit und Respekt für die Natur mit sich bringt. "Obwohl wir ein Startup-Unternehmen sind, sind wir nicht eben die jüngsten Unternehmer auf dem Markt", scherzt er abschliessend.

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