Das Tote Meer soll nicht sterben

Noch sind Touristen vom "Wasserstress" am Toten Meer nicht betroffen. swissinfo.ch

Der Meeresspiegel des Toten Meeres sinkt jährlich um einen Meter, weil die Anwohner dem Hauptzufluss zu viel Wasser entnehmen. Darunter leidet das Ökosystem. Wissenschafter in der Konfliktregion geben Gegensteuer. Der Schweizer Christopher Bonzi unterstützt sie dabei.

Dieser Inhalt wurde am 19. Oktober 2010 - 14:14 publiziert
Christian Walther, Jerusalem, swissinfo.ch

Touristen, die zum ersten Mal von Jerusalem zum Toten Meer fahren, sind überrascht, dass die Strasse kontinuierlich bergab führt. Über 1100 Höhenmeter liegen zwischen der Heiligen Stadt und dem Toten Meer, das angesichts seiner Grösse eigentlich bloss ein See ist.

Nach knapp einer Stunde Fahrt steht man dann am Kalia Beach vor der tiefstgelegenen Bar der Welt, 411 Meter unter dem Meeresspiegel.

In einigen Monaten bereits wird das Schild veraltet sein. Denn der Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt pro Jahr um mehr als einen Meter.

Das führt nicht nur dazu, dass die Kurgäste der vielen Hotels immer weiter gehen müssen, bis sie sich davon überzeugen können, dass man hier tatsächlich nicht versinkt, sondern es verändert das gesamte Ökosytem der Region.

"Die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten, die es ursprünglich entlang des Jordans gab, sind bereits verschwunden", erklärt der Schweizer Christopher Bonzi, wissenschaftlicher Koordinator für das GLOWA Jordan River Project, einem Projekt des (Deutschen) Bundesministeriums für Bildung und Forschung in Zusammenarbeit mit lokalen Wissenschaftern.

Der Name des Projekts deutet es an: Der Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt, weil der Hauptzufluss, der Jordan, immer weniger Wasser führt. Israel, Jordanien und Syrien entnehmen dem Jordan und seinen Zuflüssen derart viel Wasser, dass der Fluss, in dem einst Jesus getauft wurde, heute nur noch ein Rinnsaal ist.

"98 Prozent des Wassers werden für Landwirtschaft, Industrie, Tourismus und als Trinkwasser verwendet, so dass nur noch 2 Prozent der ursprünglichen Menge im Toten Meer ankommen."

Kanal vom Roten zum Toten Meer

Lösungsansätze zur Rettung des Toten Meeres gibt es viele. Das prestigeträchtigste Projekt wäre sicherlich der Bau eines Kanals vom Roten zum Toten Meer.

Dieser könnte entweder von Israel und Jordanien entlang der gemeinsamen Grenze oder aber von Jordanien allein auf seinem Staatsgebiet gebaut werden. Weil das Tote Meer über 400 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, könnte das Gefälle zur Produktion von Energie genützt und das Wasser damit gleichzeitig entsalzen werden.

Eine von der Weltbank finanzierte Studie soll nun innerhalb eines Jahres abklären, wie sich der Bau eines solchen Kanals auf Umwelt und Mensch auswirken würde.

Die Idee, Wasser aus dem Roten ins Tote Meer zu leiten, klinge auf den ersten Blick verlockend, meint Christopher Bonzi: "Das Projekt birgt allerdings eine Menge Risiken. Die Wasserentnahme im Roten Meer könnte die für das Leben im Meer und für den Tauchtourismus unersetzlichen Korallenriffe zerstören. Weiter könnte Salzwasser aus dem Kanal ins Grundwasser eindringen."

Und die Entsalzung von Meerwasser verschlinge nicht nur sehr viel Energie, sondern es sei auch unklar, welche Auswirkungen die zurückbleibende salzhaltige Sole und die verwendeten Chemikalien auf die komplexe Chemie des Toten Meeres hätten.

Hoher "Wasserstress"

"Doch das grösste Problem besteht meines Erachtens darin, dass das Projekt nur die Badewanne – also das Tote Meer – mit Wasser füllen will", erklärt Bonzi weiter.

"Das Süsswasser wird jedoch bereits weiter oben entnommen, im oberen Jordantal. Weiter unten, wo der Fluss für die Biodiversität und den Tourismus von enormer Bedeutung ist, fehlt es dann fast gänzlich. Diese Tatsache ist zwar allen bekannt, aber dass die unterschiedlichen Parteien für die Rehabilitierung des Jordans und des Toten Meeres konstruktiv zusammenarbeiten, ist in dieser konfliktträchtigen Region eine schwierige Aufgabe".

Es sei bereits in der Schweiz schwierig genug, einem Kraftwerkbetreiber aufzuzeigen, dass er zugunsten von Natur und Landschaft den Flüssen und Seen weniger Wasser entnehmen sollte, sagt Bonzi, der früher bei Pro Natura gearbeitet hat.

Der Nahe Osten hingegen ist nicht nur eine heftig umkämpfte Region, er ist auch einem hohen "Wasserstress" ausgesetzt, wie das in der Fachsprache genannt wird: Die Bevölkerungsdichte ist hoch, der Wasserbedarf ist es auch, und es fällt relativ wenig Regen.

Das spüren vor allem die Palästinenser, die schwächste der drei Parteien. Sie haben seit Jahren zu wenig Trinkwasser und müssen es für teures Geld importieren.

Israel spricht schon seit längerem davon, Wasser mit Schiffen aus der Türkei kommen zu lassen und hat entlang der Mittelmeerküste mit der kostenintensiven Entsalzung von Meerwasser begonnen. Und Jordanien verfügt andauernd über zu wenig Trinkwasser.

In Zukunft dürfte der "Wasserstress" noch zunehmen. Klimamodelle prognostizieren noch weniger Regen und damit eine stärkere Verdunstung.

Schwierige Bedingungen

In der Zwischenzeit wollen die Wissenschafter des Jordan River Project ihre Grundlagenforschung vertiefen und die beteiligten Parteien für eine nachhaltige Wasserwirtschaft sensibilisieren.

"Der prognostizierte Klimawandel und das Bevölkerungswachstum werden die Wasserknappheit weiter verschärfen. Die Anrainerstaaten müssen dringend ein nachhaltiges Management einleiten", sagt Christopher Bonzi, der zwischen Amman, Jerusalem, Tel Aviv und Ramallah hin und her pendelt und so den Daten- und Wissenstransfer zwischen den Beteiligten sicherstellt. Als Schweizer kann er das tun.

Anders ist es nicht selten für die lokalen Wissenschafter: An der letzten Jahreskonferenz traf man sich in Jordanien. Die Palästinenser waren alle da, aber einige Israeli fehlten. Ein Institut hatte sich geweigert, die israelischen Wissenschafter nach Jordanien reisen zu lassen.

Umgekehrt können sich die Wissenschafter nicht in Israel treffen, weil die Einreise für Palästinenser schwierig ist. 2011 findet die Schlusskonferenz nun in einem neutralen Drittstaat, in Zypern, statt.

Und was geschieht nun mit dem Toten Meer? "Leider sind die Meinungen bezüglich des Kanals vom Roten zum Toten Meer grösstenteils bereits gemacht, unabhängig davon, was der Bericht der Weltbank 2011 aufzeigen wird", sagt Christopher Bonzi. Doch zumindest ein Teil der Problemlösung müsse durch die Rückgabe von entnommenem Wasser im oberen Teil des Jordans kommen.

Glowa Projekt

GLOWA steht für Globaler Wasserkreislauf und ist ein Projekt des Deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

GLOWA-Projekte gibt es an der Donau, an der Elbe, am Volta in Burkina Faso und am Jordan im Nahen Osten.

Die Wissenschafter gehen der Frage nach, wie nachhaltiges Wassermanagement unter Berücksichtigung des Klimawandels in Zukunft aussehen kann.

GLOWA Jordan River ist ein interdisziplinäres Projekt, dem eine Vielzahl von Partnerorganisationen in Jordanien, den palästinensischen Gebieten und Israel Daten und Wissenschafter zur Verfügung stellen.

Die Gesamtkoordination unterliegt dem Departement für Pflanzenökologie der Universität Tübingen.

End of insertion

Christopher Bonzi

Christopher Bonzi (33) hat Umweltnaturwissenschaften studiert und bei Pro Natura in der Schweiz gearbeitet.

Seit 2009 ist er als wissenschaftlicher Koordinator für das Deutsche Bundesministerium für Bildung und Forschung tätig.

Er lebt und arbeitet in Jerusalem und bei Tübingen.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen