Helferin für die Bewältigung der Post-Apartheid-Traumata
Seit einem Jahr kümmert sich Katharina Ley in Johannesburg um Gewaltopfer.
Die Berner Psychoanalytikerin kennt die Gewalt gut, welche das Südafrika nach der Apartheid charakterisiert.
Warum hat die 56-jährige Schweizerin ihre Privatpraxis für Psychoanalyse in Bern aufgegeben? «Mein Freund wurde nach Pretoria geschickt, um das dortige Büro der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) zu leiten.»
«Ich hatte eigentlich nicht vor, nachzuziehen», erinnert sie sich. «Aber bei einer Reise durch Südafrika im Jahr 1999 war ich schockiert von der sozialen Ungerechtigkeit in diesem Land.»
Und fügt bei: «Ich hatte Lust, meinen eigenen Stein zum Wiederaufbau beizufügen und bei der Versöhnungsarbeit mitzuhelfen, die nach dem Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika angepackt wurde.»
Nach Absolvierung einer Ausbildung in Traumatologie flog sie im Juli 2001 nach Johannesburg.
Seither arbeitet sie in der Klinik für Traumatologie des Studienzentrums für Gewalt und Wiederversöhnung (die zum Teil von der DEZA bezahlt wird).
Eine traumatisierte Gesellschaft
«Oft», erklärt Katharina, «mauern die Gewaltopfer sich in ihrem Leiden ein. Sie sind im Schockzustand. Sie haben Angst oder fühlen sich schuldig.»
Jede Woche kümmert sie sich um sechs Patientinnen oder Patienten. Da ist zum Beispiel die weisse Frau, die bei einem bewaffneten Diebstahl angegriffen wurde, oder die farbige Studentin, die Opfer eines Vergewaltigungsversuchs wurde.
«In diesen beiden Fällen», führt sie aus, «brachten die Angriffe frühere schmerzhafte Erinnerungen wieder an die Oberfläche.»
Sie spricht als einzige der zwölf Therapeuten in der Klinik Französisch, deshalb kümmert sie sich oft um politische Flüchtlinge.
So befasst sich Katharina namentlich mit einer burundischen Jugendlichen, welche vom Tod ihrer Mutter traumatisiert ist.
Sie nimmt auch an ‚Debriefings‘ von Opfern an Informationssitzungen in den Polizeikommissariaten und Gemeinden teil.
«Die südafrikanische Gesellschaft», erklärt die Schweizerin, «ist von der politischen Gewalt traumatisiert, die unter dem Apartheid-Regime herrschte.»
«Heute hat sich diese Gewalt verändert. Wegen des grossen Elends geht es heute mehr um kriminelle Gewalt.»
«Manchmal», so Katharina weiter, «kommen auch Straftäter zu uns zur Beratung, die aus dem Teufelskreis der Gewalt ausbrechen wollen. Aber bevor wir ihnen zuhören können, brauchen sie etwas zu essen.»
Schritt für Schritt mit den Veränderungen
Die Arbeit im Zentrum ist sehr schwer zu ertragen. «Die Geschichten, die wir zu hören bekommen, sind schrecklich.»
Katharina fühlt sich auch ziemlich unsicher, wenn sie ausgeht. «Nachts wage ich mich nicht allein ins Stadtzentrum von Johannesburg.»
Trotzdem will sie sich nicht in ihrem Quartier verkriechen. «Ich will die Veränderungen in diesem Land miterleben.»
Sicher, seit der Abschaffung der Apartheid haben sich die Zeiten geändert. Schwarze und Weisse arbeiten jetzt gleichberechtigt nebeneinander. Aber am Abend kehren sie alle in ihre Quartiere zurück. Und ausserhalb der Arbeit sehen sie sich kaum.
Katharina bleibt nur vier Jahre in Südafrika. «Ich könnte hier nicht für immer leben», erklärt sie, «vor allem wegen der Unsicherheit.»
Ausserdem fehlen ihr ihre Kinder, ihre Familie und ihr Freundeskreis. «Ich bin Schweizerin, ich gehöre in mein Land.»
swissinfo, Valérie Hirsch, Johannesburg
(Übersetzung: Charlotte Egger)
600’000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland.
Seit 1990 hat die Zahl der Menschen in der Fünften Schweiz um 150’000 Personen zugenommen.
Im Jahre 2002 lebten in Südafrika über 8000 Schweizerinnen und Schweizer.
– 1969-1979: Studium der Psychologi, Soziologie und der Politwissenschaften an der Universität Zürich.
– 1974-1991: Forscherin an der Universität Bern über Soziologie und Psycholanalyse.
– 1982-1990: Ausbildung in Psychotherapie und Psychoanalyse.
– 1989-1991: Psychotherapeutin an der Klinik Waldau bei Bern.
– 1990: Ausbildnerin von Psychoanalysten in Bern und Zürich.
– 1990-2000: Privatpraxis in Bern.
– 2001: Psychotherapeutin und -analystin an der «Trauma Clinic» in Johannesburg.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch