«Ich komme mir vor wie ein Sämann»
Adolf Ogi, früherer Bundesrat und jetzt "UNO-Sonderberater für den Sport und dessen Beziehung zu Entwicklung und Frieden", blickt auf ein Jahr interessanter Begegnungen zurück. Ein Interview.
Adolf Ogi, wie sieht Ihre Bilanz nach dem ersten Jahr als UNO- Beauftragter für Sport aus?
Adolf Ogi: Ich komme mir vor wie ein Sämann, der übers Land marschiert und seine Körner ausstreut. Die Saat wird später aufgehen. Aber ich bin überzeugt, dass, insbesondere im Ausland, die Botschaft erkannt ist. Die Botschaft nämlich, dass der Sport neben der Politik, neben der Wirtschaft, neben der Wissenschaft, neben der Religion mit der Jugend zusammen eine weltumspannende Bedeutung hat.
Mit dem Sport können viele Brücken geschaffen werden, vor allem zwischen Kulturen, die sich heute noch nicht verstehen oder die sich in Konflikten befinden. Fazit: Die Botschaft braucht Zeit, aber sie kommt besser und besser an. Es entsteht vielfach ein Aha-Erlebnis – aha, auch wir könnten eigentlich auf diesem Weg etwas für den Frieden tun und für eine bessere Entwicklung auf der ganzen Welt.
Sie sagen, es braucht Zeit, bis die Saat aufgeht. Konnten Sie trotzdem schon Konkretes erreichen? Hat Ihnen UNO-Generalsekretär Kofi Annan irgendwelche Ziele vorgegeben?
Wir haben verschiedene Aktionen durchgeführt, in Frankreich mit 500 Kindern, in Italien in Zusammenarbeit mit den jugoslawischen Teilrepubliken. Wir sind an den Special Olympics in Alaska gewesen, wo die geistig Behinderten Sport trieben und Anerkennung fanden.
Ich war in Kamerun, wo die Sportminister eine Konferenz unter dem Titel «Sport und Frieden» durchführten; ich war in Südamerika, wo es darum ging, die Brücke zwischen Sport und Kultur aufzuzeigen; ich war in Asien zum Thema «Sport und Umwelt» und sprach vor allen Delegierten des Weltsportes, traf zahlreiche Staatspräsidenten, Regierungsmitglieder und Sportartikel-Fabrikanten.
In diesem Zusammenhang: Sport ist eben alles, Sport ist Gesundheit, Sport ist Umwelt, Soziales, Kampf gegen Doping und Drogen, Sport ist Freizeitgestaltung, Erziehung, Bildung, Fairplay und vieles mehr.
Welches waren Ihre eindrücklichsten Erfahrungen in diesem Jahr?
Besonders eindrücklich war das Zusammentreffen mit den geistig Behinderten in Alaska, wo sich auch bekannte Persönlichkeiten wie Arnold Schwarzenegger und Bill Kidd einfanden und den Behinderten zur Seite standen.
Das Meeting mit den Buben aus den jugoslawischen Teilrepubliken in Treviso war sehr erfolgreich. Basketball-Stars aus Jugoslawien, die in der NBA in Nordamerika spielen, trainierten die Jungen. Es wurde nie gefragt, aus welcher jugoslawischen Republik einer kommt, ob aus Bosnien oder Serbien, aus dem Kosovo oder aus Mazedonien. Alle Barrieren wurden überstiegen, Mails und Adressen ausgetauscht. Diese Jungen werden nie auf einander schiessen.
Nach St.-Malo in Frankreich luden wir 500 ärmste Kinder ein. Ich brachte 500 Bälle mit; viele von ihnen haben zum ersten Mal einen Ball gesehen, aber es wurden sofort Mannschaften gebildet und mit- einander gespielt. Man muss dies mit eigenen Augen gesehen haben; die Teambildung hat zu lebenslangen Freundschaften geführt.
Was wünschen Sie dem Schweizer Sport für 2002?
2002 finden Olympische Winterspiele statt. Ich wünsche dem Schweizer Sport, dass er sich dabei vor der Weltöffentlichkeit bewähren kann. Dann hoffe ich, dass das neue Sportkonzept realisiert werden kann, das ich Ende 2000 dem Bundesrat vorstellen konnte. Bundesrat Samuel Schmid hat nun die Schritte zur Umsetzung eingeleitet.
Weiter hoffe ich, dass 2002 nach den Unfällen des Vorwinters im Skisport ein unfallfreies Jahr wird. Schliesslich wünsche ich, dass der Sport bei uns drei weitere Schritte Richtung Akzeptanz in der Gesellschaft macht, und zwar nicht einen nach vorne und zwei zurück, sondern drei Schritte vorwärts. In vielen anderen Ländern ist man sich weit mehr als in der Schweiz bewusst, was der Sport bezüglich Gesundheitsförderung, Erziehung und Freizeitgestaltung zu leisten im Stande ist. Auch Kofi Annan spricht seit diesem Jahr von der grossen Bedeutung des Sports für die Entwicklung der Menschheit.
Am 3. März 2002 findet in der Schweiz die UNO-Abstimmung statt. Es ist Ihnen ein Anliegen, dass die Schweiz der UNO beitritt. Warum ist es so wichtig, der UNO beizutreten?
Es gibt vier Hauptgründe dafür. Erstens, weil wir als UNO- Mitglied unsere Neutralität besser verteidigen können. Zweitens, weil wir nicht nur zahlen, sondern auch mitreden sollten und wollen. Drittens, weil wir als Nichtmitglied je länger desto mehr den Respekt anderer Nationen verlieren. Und viertens, weil wir nicht länger als Trittbrettfahrer gelten und unser Image als unsolidarisches Land ablegen sollten.
Ein Nebenaspekt: Als Direktor des Schweizerischen Skiverbandes wollte ich an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen teilnehmen und nicht an österreichischen Meisterschaften mit schweizerischer Beteiligung. Der Schweizer Sport und die Schweizer Wirtschaft sind weltweit ausgerichtet, aber die Politik soll zu Hause bleiben? Das ist unverständlich. Gerade die Sportler verstehen das nicht.
swissinfo und Peter A. Frei (Si)
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