Presseschau vom 19.09.2003
Die Berner Freisinnige hat die Katze als Erste aus dem Sack gelassen: Christine Beerli will Nachfolgerin von Kaspar Villiger im Bundesrat werden.
Das politische Rüstzeug dazu hat sie, jedenfalls nach Meinung der Schweizer Presse.
«Stadträtin, Grossrätin, Ständerätin, Bundesrätin.(..) Klassischer könnte eine Schweizer Politkarriere gar nicht verlaufen», zeigt die BERNER ZEITUNG den Weg der 50jährigen Bielerin vor. In die Quere könnte Beerli einzig das «Urner Urgestein Franz Steinegger» kommen, der seine Karten im Oktober auf den Tisch legen will. Verzichtet dieser, «wird man um Beerli nicht herumkommen», so die BZ.
Sogar ihre Herkunft stelle ihr kein Bein: «Mit Christine Beerli und Samuel Schmid zwei Berner aus dem Seeland in der Regierung? Seit gestern eine durchaus realistische Vorstellung.»
In den Fussstapfen Villigers
Der Berner BUND greift bei der Charakterisierung Beerlis auf die Marke ihres allfälligen Vorgängers zurück: «Weiblicher Villiger». Sie habe sich als «seriöse Sachpolitikerin mit breiter Themenpalette profiliert. Sie gilt als undogmatisch, offen und differenziert». Weder sei sie eine Linksfreisinnige noch eine rechte Staatsabwrackerin.
Handicap: Schwer fassbar
Die öffentliche Ankündigung «Ja, ich will Bundesrätin werden», passe zu ihr, findet der Berner BUND. «Spielchen sind nicht ihr Stil.» Immerhin wäre die Regionen-Vertretung im Bundesrat mit Beerli «stark westlastig».
Dies könnte ein Deckmantel für persönliche Einwände werden: «Die Bernerin bleibt für viele Bundesparlamentarier schwer fass- und spürbar.» Und auch beim BUND taucht das Grossformat aus der Urschweiz am Horizont auf: «Beerlis grösstes Hindernis ist aber Franz Steinegger.»
Beerlis Schritt nach vorn stösst auch in Zürich auf Lob: «Das war ein erster, taktisch geschickter Seitenhieb gegen Franz Steinegger, ihren wahrscheinlichsten Konkurrenten auf dem FDP-Zweierticket», attestiert ihr der TAGES-ANZEIGER.
Die BASLER ZEITUNG tönt vis-à-vis der Berner Ständerätin Anerkennung an, bringt aber gleichzeitig ein mögliches Handicap ins Spiel: «Christine Beerli, die geachtete Unnahbare kandidiert.» Seit 10 Jahren in den Startlöchern, trete sie jetzt wirklich an. Beerli sei «eine teils beliebte, zumindest geachtete, aber nicht wirklich bürgernahe Politikerin», findet die BAZ.
Umstrittener Stammzellen-Dreh des Parlaments
Mit der Gesetzes-Beratung zur komplexen Stammzellenforschung sei das Parlament wieder einmal an seine Grenzen gestossen, so der BUND zu einem weiteren Thema aus Bundesbern. Die Trennung der 1000 überzähligen Stammzellen- von der Embryonenforschung durch beide Kammern sei «ein Kunstgriff» gewesen, der problematisch sei:
«Solche Winkelzüge sind wenig vertrauensfördernd.» Vertrauen wäre aber gerade in einem Forschungszweig nötig, der die Heilung schwerer Krankheiten in Aussicht stelle und zugleich Ängste über das Klonen von Menschen auslöse.
«Immerhin hat der Nationalrat in dieser Situation entschlossen, der Forschung einen relativ engen Rahmen zu geben», schreibt der Bund.
Embryospalterei als neuer Begriff
Keinen Sinn in der Loslösung der Stammzellen- von der Embryonenforschung sieht die BASLER ZEITUNG, «das biologische Material ist dasselbe. Die juristische ‚Embryospalterei‘ erlaubte jedoch den politischen Konsens».
Der TAGES-ANZEIGER fragt: «Hat das Parlament damit die Büchse der Pandora geöffnet und dem geklonten Menschen Vorschub geleistet, wie Gentech-Kritiker im Parlament argwöhnen? Keineswegs.» Denn das Parlament habe die Forscher mit strengen Auflagen belegt.
«Les embryons surnuméraires sauvés par le gong», bringt es die Genfer Zeitung LE TEMPS auf den Punkt, – «Die überzähligen Embryos durch den Gong gerettet.»
swissinfo, Renat Künzi
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch