Tschernobyl stillgelegt – kaum mehr Gesundheitsrisiken in der Schweiz
Der letzte Atom-Reaktor in Tschernobyl ist abgeschaltet. Am Freitag (15.12.) wurde er endgültig stillgelegt. Doch noch immer gibt es in der Ukraine störanfällige Reaktoren. Caesium-Spuren sind auch in der Schweiz noch nachweisbar.
Vor 14 Jahren, am 26. April 1986, explodierte Reaktor Nummer vier des Kernkraftwerks Tschernobyl – weite Teile Ost- und Mitteleuropas wurden verstrahlt. In der Schweiz fand man erhöhte Radioaktivität unter anderem in der Milch, im Gras, in Wildpilzen und Wildfleisch.
Noch heute lassen sich hierzulande letzte Spuren nachweisen, vor allem Cäsium-137. Die grösste Konzentration findet sich im Kanton Tessin. Felix Blumer, Infochef der Nationalen Alarmzentrale, betont aber gegenüber swissinfo: «Es besteht überhaupt keine Gefahr für die Bevölkerung.» Leicht erhöhte Werte gebe es noch in Pilzen, aber auch dort bestehe kein gesundheitliches Risiko.
Dem stimmt Stefan Füglister von Greenpeace Schweiz zu. Dies gelte vor allem dann, wenn man das Problem grossräumig betrachte. Allerdings macht er Einschränkungen: So hätten französische Untersuchungen eines unabhängigen Strahlenschutzlabors gezeigt, dass in den Alpen lokal eng begrenzte Zonen existierten, wo aufgrund des Reaktorunfalls in Tschernobyl eine markant höhere Strahlenaktivität festgestellt werde. Für Füglister ist wahrscheinlich, dass es auch in den Schweizer Alpen solche «Hotspots» gibt. Wenn nun ein Pilz an einer solchen Stelle wachse, sei das «nicht gerade gesundheitsfördernd».
Immer noch dramatisch präsentiert sich die Lage hingegen in der unmittelbar betroffenen Region Tschernobyl. Diese leide unter einer «Katastrophe, die immer weitergehe», sagte Dusan Zupka, Manager des Un-Programmes für Tschernobyl, gegenüber swissinfo. «Wir können es uns nicht leisten, dieses Ereignis zu vergessen».
Störfälle nicht nur in Tschernobyl
Durch das Reaktorunglück wurde Tschernobyl zum Inbegriff der Kernkraftwerk-Katastrophe schlechthin. Das Werk sorgte im Laufe der Jahre mit Pannen immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt auch vor wenigen Tagen, als Techniker im letzten aktiven Atomreaktor einen deutlich erkennbaren Riss in einer Leitung des Kühlkreislaufes entdeckten.
Felix Blumer betont, dass neben dem Kraftwerk in Tschernobyl diverse andere Reaktoren in der Ukraine mit Störfällen kämpfen: «Ein gewisser Unsicherheitsfaktor ist vorhanden.»
Bessere Kommunikation auf internationaler Ebene
Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund und mit den tragischen Folgen des Tschernobyl-Unglücks vor Augen ist auf internationaler Ebene eine neues Bewusstsein für Information im Krisenfall entstanden. Man habe weltweit die Messnetze verdichtet, so dass man viel früher Bescheid wisse. «Heute wird im internationalen Bereich viel besser kommuniziert», sagt denn auch Felix Blumer.
Kathrin Boss Brawand
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