Börse: Weltweite Turbulenzen – und Gedenkminuten
Die Wirtschaftswelt war am Mittwoch nach den verheerenden Terroranschlägen in den USA vom Schock gezeichnet. Die Finanzmärkte kamen in Turbulenzen, die Notenbanken waren um Ruhe besorgt. Versicherungen sprachen von Rekordschäden.
Die Zerstörung des World Trade Centers in New York und des Pentagons in Washington haben an den Börsen in Europa, Asien und Lateinamerika teilweise massive Verluste ausgelöst. Die Leitbörse in Tokio fiel erstmals seit 1984 auf unter 10’000 Punkte.
Die europäischen Aktienmärkte hatten am Mittwoch zunächst ihre Talfahrt fortgesetzt – wenn auch mit verringerter Geschwindigkeit. Am Nachmittag drehten die wichtigsten Börsenplätze wieder ins Plus. US-Werte wurden nicht gehandelt.
«Keiner weiss, wie gross die Auswirkungen auf die Wirtschaft, die Märkte, den Ölpreis und auf die internationale Politik sein werden», sagte ein Schweizer Händler. Erst in Tagen, wenn nicht gar Wochen, werde dies etwas klarer werden.
Der SMI der an der virt-x gehandelten Blue Chips bewegte sich zwischen 5501,6 und 5879,3 Punkten und schloss um 2,52% höher auf 5838,4 Punkten. Am Vortag hatte der SMI über sieben Prozent verloren. Eine charttechnische Betrachtung mache angesichts dieser Sondersituation keinen grossen Sinn, sagte ein Händler.
Auch die Privatbank Rüd Blass verwies auf die ausserordentlichen, externen Faktoren. «Wir empfehlen Positionen zu halten und mit Käufen abzuwarten, bis mindestens die US-Börsen wieder geöffnet haben», so die Bank in ihrem täglichen Kommentar.
Schwache Banken – Versicherungen uneinheitlich
Während die Banken im Verlauf mehrheitlich nachgaben, zeigten die Versicherungen ein uneinheitliches Bild. Swiss Re holten einen Teil der massiven Abgaben von über 17% vom Vortag auf und legten um 4,3% zu. Swiss Re hatte zuvor mitgeteilt, die Anschläge in den USA seien eines der grössten Schadens-Ereignisse. Die wirtschaftliche Stärke des Unternehmens werde dadurch aber nicht gefährdet. Bâloise erholten sich und stiegen vor dem am Donnerstag anstehenden Halbjahresbericht um 3,3%.
Bei den Banken hielten sich UBS stabil, während CS Group leicht nachgaben und Bär etwas anzogen. Sarasin fielen um 6%. Vontobel gewannen um 2,7%.
Deutlich unter Druck gerieten auch die Aktien des Reisekonzerns Kuoni, die gegen 10% auf 318 Franken absackten. Swissair schlossen um 6,5% niedriger auf 67,35 Franken und damit unter dem Nennwert von 69 Franken.
Defensive Werte gesucht
Händler sprachen von einer gewissen Flucht in defensive Werte wie Novartis, Nestlé und Roche. Novartis stiegen um 7, Nestlé um gut 4 und Roche um 3,4%. Auch Serono notierten höher. Unter den Chemiewerten fielen allerdings die angeschlagenen Clariant mit einem Minus von 5% auf. Lonza, Ciba und Syngenta legten etwas zu. Deutliche Gewinne erzielten Holcim und Sika.
Börsen-Unterbrüche: Trauerminuten
In zahlreichen Börsen in Europa wurden Schweigeminuten zum Gedenken an die Opfer der Terroranschläge durchgeführt.
In den USA blieben die Aktienmärkte am Mittwoch weiterhin geschlossen. Die New Yorker Börse wird den Handel frühestens am Freitag wieder aufnehmen. Damit hat die Terrorserie hat zur längsten Schliessung der New Yorker Börse seit dem Zweiten Weltkrieg geführt.
Die US-Börsenaufsicht geht davon aus, dass der Handel am Donnerstag wieder aufgenommen wird. Die wichtigsten Börsen in Lateinamerika haben den Handel nach drastischen Kursstürzen eingestellt.
Uneinig waren sich die Händler an den verschiedenen Börsen, ob der Handel weltweit hätte unterbrochen werden sollen. «Angesichts des Ausmasses der Tragödie verstehe ich nicht, weshalb der Handel nicht weltweit gestoppt wurde», sagte etwa Joachim Schütz, Ökonom bei der Credit Suisse First Boston. «Das ist eine Respekt- und Pietätlosigkeit», sagte ein deutscher Börsenhändler in Frankfurt. Ein geordneter Handel sei ohnehin nicht mehr möglich gewesen, nachdem die Deutsche Börse wegen einer Bombendrohung habe geräumt werden müssen.
Andere Händler begrüssten, dass die Börsen in Europa das Geschäft wie üblich aufgenommen hatten. «Alles andere würde nur die Verunsicherung verstärken und die Leute nur noch nervöser machen», erklärte ein Händler. Man wisse aber trotzdem nicht, welchen Einfluss das Desaster schliesslich auf die Wirtschaft haben werde, hiess es.
Verschiedentlich wurde betont, dass man erst Genaueres wissen werde, wenn die Leitbörse in New York wieder offen sei.
Angst um Konjunktur
In Wirtschaftskreisen sind die Sorgen um die Auswirkungen auf die Konjunktur gewachsen. Allgemein wird mit einer Senkung der Leitzinsen gerechnet. Ökonomen sind der Ansicht, dass auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) reagieren wird. Am 20. September wird die SNB Entscheide fällen.
Als Notmassnahme haben am Mittwoch die Schweizerische Nationalbank, die japanische Notenbank und die Europäische Zentralbank (EZB) der Kreditwirtschaft kurzfristige Liquidität angeboten.
Auch die US-Notenbank hat den Banken zusätzliche Liquidität zugeführt. Falls das Bankensystem dies benötige, werde die Fed im Laufe des Tages weitere Schritte unternehmen, teilte die Zentralbank in New York mit. Dies verlieh dem Dollar, der seit den Terroranschlägen an Wert verloren hatte, etwas Auftrieb.
Mahnung zur Ruhe
EU-Vertreter äusserten sich nach den Anschlägen in den USA beruhigend zu den Märkten. Auch Vertreter der Notenbanken versuchten zu beruhigen.
Nach Ansicht von Nationalbank-Vizepräsident Bruno Gehrig dürfte die Terrorserie nur begrenzte Auswirkungen auf die Wirtschaftslage haben. Nach dem Schock, den auch die Händler spürten, komme eine Zukunft, sagte Gehrig.
Nur beschränkte Auswirkung auf Weltwirtschaft
Die Terroranschläge in den USA haben nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) nur eine begrenzte Auswirkung auf die Weltwirtschaft.
Die Finanzsysteme funktionierten gut, und dies sei ermutigend, sagte IWF-Chef Horst Köhler. Der IWF beobachte die Entwicklung sorgfältig und sei bereit, Ländern zu helfen, falls dies angemessen sei.
Köhler erklärte weiter, er sei mit einer Reihe von monetären Aufsichtbehörden in der ganzen Welt in Kontakt gewesen. Diese sorgten für einen geordneten Ablauf an den Märkten.
swissinfo und Agenturen
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