Das Ende der Swissair – Aus der Traum
Ein Thema beherrscht die Schweizer Zeitungen am Dienstag: Das Aus für die Swissair und der angepeilte Neubeginn mit Grossbanken und Crossair. Die meisten Kommentatoren begrüssen den radikalen, wenn auch schmerzhaften Schritt, dessen Auswirkungen vorerst noch nicht wirklich absehbar seien.
Dass sich der Bund finanziell nicht weiter einspannen lassen will, wird generell begrüsst. Mehrere Zeitungen stellen sich aber die Frage, ob sich die Schweizer Regierung nun allenfalls um die Tausenden von Menschen kümmern sollte, die durch das abrupte Ende ihre Arbeit verlieren.
«Pechschwarzer Tag der Schweizer Luftfahrt»
Unter diesen Titel setzt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG ihren Kommentar und schreibt: «Die Swissair ist am Wochenende in jener Sackgasse der Illiquidität gelandet, in die sie von ihren Managern nie hätte geführt werden dürfen. Massiv geschwächt durch die Expansionstour der Ära Bruggisser/Goetz wurde ihr durch die Ereignisse vom 11. September letztlich der Todesstoss versetzt. Der Schock sitzt tief. Es ist kaum möglich, die volle Tragweite eines der schwärzesten Tage der Schweizer Wirtschaft schon ermessen zu können.
Mit dem Kauf einer Minderheitsbeteiligung an der Sabena nahm das Desaster 1995 seinen Anfang. Ironischerweise hat es nun mit der Unfähigkeit, 200 Mio. Franken nach Brüssel zu überweisen, ein bitteres Ende gefunden.»
Die BLICK-Schlagzeile lautet: «Swissair-Tragödie.»
Der Kommentator fragt: «Wer hilft jetzt den Tausenden?» – und erinnert an die Ära Bruggisser und deren Fehler; daran, dass die Banken nun stolz seien, das Fluggeschäft gerettet zu haben.
«Schön und gut», so der BLICK weiter, doch wer eben helfe nun den Tausenden, die ihre Stelle verlieren?
«Die Wirtschaft! Die Banken! Die Schuldigen am Swissair-Schlammassel! Oder bleibt wieder alles am Staat hängen? Das darf nicht sein.»
«Ein übler Beigeschmack»
Der Zürcher TAGES-ANZEIGER schreibt:
«Was gestern als ‚Rettung der Schweizer Luftfahrt‘ präsentiert wurde, hinterlässt einen üblen Beigeschmack. Verschiedene Figuren in diesem Trauerspiel erschienen in einem fragwürdigen Licht.»
Beim Berner BUND heissts unter dem Titel «Aus der Traum»:
«Genau 70 Jahre gab es die Swissair. 60 Jahre waren von Erfolg geprägt.»
In den letzten zehn Jahren sei dann klar geworden, dass die Swissair die Liberalisierung im Luftverkehr zuerst verschlafen und dann falsch reagiert habe.
«Jetzt ist der Traum vom Sonderfall Swissair, von einer Schweizer Fluggesellschaft, die etwas, Besonderes, etwas Besseres ist … geplatzt. … So traurig die gestrige Botschaft ist, birgt sie auch die – vermutlich letzte – Chance für einen unbelasteten Neuanfang.»
Die BERNER ZEITUNG sieht einen «Start mit Schrecken». Und schreibt weiter:
«Bitte jetzt nicht jammern, dass es die Swissair (vielleicht) nicht mehr gibt.»
Die von UBS-Präsident Ospel oder wem auch immer ausgedachte Lösung sei das Beste, was der Airline unter diesen Umständen habe passieren können. Und:
«Wie es mit der Crossair weitergehen wird, ist ungewiss. … Hinzu kommt die düstere Konjunkturlage: Der Crossair droht vom Start weg ein Flug in die Rezession.»
Chancen trotz schmerzhaftem Arbeitsplatzabbau
Die BASLER ZEITUNG – beheimatet in der gleichen Stadt wie die künftig starke Crossair – hingegen sieht «intakte Chancen für den Wechsel»:
«Die Swissair schlägt eine Seite um, nicht nur im Buch ihrer Firmengeschichte, auch in der Wirtscahftsgeschichte der Schweiz. … Der Wechsel (zu Crossair) ist nicht ohne schmerzhafte Schnitte bei den Arbeitsplätzen möglich, aber er ist immerhin möglich, und die Chancen, dass der Wechsel zum Erfolg wird, sind durchaus intakt.»
Die Westschweizer Zeitung LE TEMPS ziert ihre Frontseite mit dem Titel: «Swissair, rideau.»
Vorhang für die Swissair. Die Mission war unmöglich, sie blieb unmöglich, schreibt der Kommentator. Es sei das Ende eines Abenteuers, das mehrere Jahrzehnte dauerte und das Ende eines Traums jenes kleinen Landes, das von einer grossen Luftfahrts-Gesellschaft träumte.
Rita Emch
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