Der Banker und der Mönch
Im KKL Luzern hat Bundesrat Ueli Maurer den ESPRIX 2009 für Qualitätsunternehmen verliehen. Vorher kreuzten auf dem Podium Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, und Notker Wolf, Abtprimas des Benediktinerordens, die Klingen.
Unter dem Titel «Zwei aus zwei Welten» lud Tagungsmoderatorin und TV-Frau Susanne Wille im Rahmen des traditionellen ESPRIX-Talks im Kultur- und Kongresszentrum Luzern zwei Gäste zum Gespräch, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Auf der einen Seite Abtprimas Notker Wolf, seit September 2007 oberster, gewählter Vertreter der Benediktiner in Rom, Buch- und Bestseller-Autor, Hobby-Rockmusiker. Der Mann, der gelegentlich mit der Band Feedback auf Konzerten auftritt, bei denen er E-Gitarre und Querflöte spielt – er orientiert sich vor allem an früheren Rockbands wie Jethro Tull, Led Zeppelin und Deep Purple – , der Mann, der schnelle Autos und den Jet Set liebt, tritt in der Öffentlichkeit mit dezidiert politischen Meinungen auf und kritisiert unverantwortliches Management und ungehemmte Profitmaximierung.
Auf der anderen Seite der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, der Schweizer Josef Ackermann, früher Topmann bei der Credit Suisse. Ein Mann, der in Deutschland nach dem Mannesmann-Prozess immer wieder wegen seines hohen Millionengehalts im Fokus der Öffentlichkeit stand. Ackermann wurde nicht selten als ein arroganter, geldgieriger Manager ohne Bewusstsein für soziale Verantwortung dargestellt.
Von Christus und Lemmingen
«Ich gehe sehr gerne unter die Menschen, denn ich glaube, das Christentum hat eine Botschaft, Christus ist ja der Menschen wegen gekommen», sagt Notker Wolf vor seinem Podiums-Auftritt mit Josef Ackermann gegenüber swissinfo. Und diesen will er gerne persönlich kennen lernen.
Verantwortlich für die Finanzkrise sind für den obersten Benediktiner-Vetreter alle, die immer mehr Geld wollen. «Das sind nicht nur einige Manager, sondern auch die Anleger. Es sind eigentlich alle: Wir alle wollen mehr Geld haben. Ich habe dafür bestes Verständnis. Aber bei Einigen ist das Geld zur Sucht und Gier geworden. Und die wollten halt das schnelle Geld, nicht das ehrlich erarbeitete, sondern das spekulative. Die hätten besser Jassen lernen sollen, denn da muss man lernen, wie weit man mit dem Risiko gehen kann, wo noch Trümpfe da sind und wo nicht.»
Ein zweiter Punkt habe ihn fasziniert, negativ natürlich: «Analysten sind aufgetreten und haben gesagt, in diese Richtung geht’s. Und alle rennen dort hin, als ob sie nie etwas von Risiko gehört, als ob sie nie etwas gelernt hätten. Auf einmal sind wir ganz dem Effekt der Lemminge anheim gefallen», bedauert Wolf.
Villiger statt Ackermann
Josef Ackermann war als möglicher Nachfolger von UBS-Verwaltungsratspräsident Peter Kurer gehandelt worden. Jetzt soll es alt Bundesrat Kaspar Villiger richten. Hätte Ackermann dieser Job gereizt, hätte er da andere Akzente setzen können?
Dazu Notker Wolf: «Ich könnte mir vorstellen, dass er diesen Job vielleicht angenommen hätte aus Liebe zu seiner Heimat. Es besteht kein Zweifel, dass er dazu fähig gewesen wäre, denn er führt ja die Deutsche Bank sehr gut.»
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank selber, der sich weder gegenüber swissinfo noch irgend einem anderen Schweizer Medium äussern wollte, sagte dazu am Podiumsgespräch: «Ich bin froh, wenn andere die UBS retten. Villiger kann das gut machen. Ich konnte die Deutsche Bank nicht im Stich lassen. Ich habe keine Schuldgefühle und bin deswegen kein Antipatriot».
Und dann fügt Ackermann noch diese Bemerkung an: «Das wäre ein schwieriger Job – Sie wissen ja: kurze Ehre, lange Schuld.» Das Publikum lacht.
Neues moralisches Bewusstsein
In der Schweiz wurden 68 Mrd. Staatsgelder, davon 6 Mrd. Steuergelder, zur Rettung der UBS eingeschossen. Und die Verantwortlichen? «Ich wüsste nicht, wie man die Verantwortlichen direkt belangen könnte», sagt Notker Wolf.
«Es geht letzten Endes um das Funktionieren der Volkswirtschaft. Wenn die Banken nicht mehr funktionieren, dann geht es auch der Wirtschaft schlecht. Die Frage ist natürlich schon, wie die Banken jetzt an die Kandare genommen werden. Aber wenn die Bank keinen Kredit mehr geben kann für ein Unternehmen, dann gehen die Arbeitsplätze weg. Von daher ist es sicher berechtigt, die Banken zu retten.»
Bei den Bankern müsse aber ein neues moralisches Bewusstsein wachsen. «Eine Bank ist kein Wohltätigkeitsinstitut, aber ein Treuhänderinstitut», so Wolf gegenüber swissinfo. Für Josef Ackermann müssen die Bankers «aus den Fehlern lernen», wie er am Podiumsgespräch sagt.
Börsenrelevantes Würstchen
Für Ackermann waren die letzten 18 Monate der Finanzkrise «die schlimmste Zeit überhaupt». Als Topbanker werde man rund um die Uhr beobachtet. Im Januar erlitt Ackermann bei einem Neujahrsempfang der Deutschen Bank einen leichten Zusammenbruch und wurde ins Spital eingeliefert, aus dem er aber bald wieder entlassen wurde.
«Dabei war es nur eine Magenverstimmung, weil ich ein schlechtes Würstchen gegessen hatte», so Ackermann. «Die Aktie der Deutschen Bank sank danach um 4 Prozent.»
swissinfo, Jean-Michel Berthoud
Der schweizerische Unternehmenspreis ESPRIX Swiss Excellence Award wurde 1998 durch die SAQ Swiss Association for Quality und Credit Suisse mit Unterstützung weiterer Partner ins Leben gerufen.
Ziel des Preises ist es, Spitzenqualität in allen unternehmerischen Bereichen zu fördern und die Schweizer Wirtschaft über einen Wettbewerb zu unternehmerischen Höchstleistungen zu motivieren.
In der Kategorie Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ging der ESPRIX-Award 2009 an das Münsinger Pumpenbauer-Unternehmen Biral AG.
Unternehmerische Bestleistungen stellte auch die Suva, eine selbstständige Unternehmung des öffentlichen Rechts, unter Beweis und holte sich in der Kategorie Grossunternehmen den ESPRIX-Award.
In das Finale aufgestiegen ist die Basler Adullam-Stiftung, welche ein Geriatrie-Spital betreut. Mit dem Finalistenplatz erhält die Stiftung die Auszeichnung Esprix-Ehrenkunde.
Die Preisverleihung durch Bundesrat Ueli Maurer fand im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) vor rund 1000 Gästen aus Wirtschaft und Politik statt.
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