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Luzerner Bauernsohn lebt den amerikanischen Traum

Ein gemachter Mann - Citizen Fred vor seinem neuen Chevrolet. swissinfo.ch

Wie Franz Ferdinand Ruckli von Meggen im Luzernischen nach Kalifornien auswandert, in den Korea-Krieg eingezogen und Amerikaner wird, erzählt der Dokumentarfilm "Citizen Fred" von Theo Stich.

Der leut- und redselige Fred schweigt nur bei einem Thema: Wenn es um seine Erlebnisse in Korea geht.

Als 18-jähriger Bauernsohn, der für einen Hungerlohn als Knecht arbeitet, ergreift Franz Ferdinand Ruckli die Gelegenheit und zieht 1949 zu seinem Onkel nach Kalifornien.

Vor der Abreise schliesst er mit seinem Bruder eine Wette ab, dass er beim Abschied nicht weinen werde.

«Erst als ich dann in Livermore ankam, weinte ich ins Kissen», gesteht er schmunzelnd im Film «Citizen Fred – Der Traum von Amerika».

Doch lange ist Ferdinand nicht traurig. Als Milchmann kann er die dreckige Stallkluft gegen weisse Arbeitskleidung eintauschen und verdient sofort viermal soviel wie zuvor in der Schweiz.

Schnell lernt er Englisch, nennt sich Fred und kauft sich mit seinem ersten Geld Cowboy-Kleider. Bereits nach einem Jahr ersteht er, mit Unterstützung seines Onkels, einen weissen Chevrolet.

«Ich tat alles, was mir aufgetragen wurde»

Aber da war noch etwas anderes. Nur ein Jahr nach seiner Ankunft im Land der Träume erhält der Schweizer ein Aufgebot der US-Army, nach Korea in den Krieg zu ziehen. «Wir Jungen waren damals nicht so kritisch, ich tat alles, was mir aufgetragen wurde», kommentiert Fred seinen Entscheid heute.

Ausserdem befürchtet er, bei Verweigerung auf eine schwarze Liste zu kommen und sich so die Chancen auf die amerikanische Staatsbürgerschaft zu verscherzen. Elf Monate kämpft er im Krieg, in dem über vier Millionen Menschen ums Leben kommen.

Als Ferdinands Vater in der Schweiz endlich davon erfährt, schreibt er 1951 einen besorgten Brief ans Eidgenössische Aussenpolitische Departement, in dem er vergeblich um Hilfe bittet.

Stoff für einen Film

Diesen Brief hat der Filmemacher Theo Stich im Schweizerischen Bundesarchiv gefunden. Er sucht weiter, stösst auf andere Schweizer, die von der US-Armee eingezogen wurden, und findet schliesslich Fred Ruckli in Newark südlich von San Francisco.

«Fred glaubte daran, dass er mit harter Arbeit und starkem Willen seine Ziele erreichen kann», sagt der Filmemacher Theo Stich gegenüber swissinfo. Dies habe ihn an Freds Geschichte besonders interessiert.

Abenteuerlust und Naivität

Der Amerika-Schweizer habe erstaunlich offen auf die Idee reagiert, einen Dokumentarfilm über sein Leben zu drehen, erzählt Theo Stich: «Es ist dieselbe Offenheit, vielleicht auch Abenteuerlust und eine gewisse Naivität, die es ihm ermöglichte auszuwandern, und zwar ins Unbekannte.»

Diese Offenheit stehe allerdings in einem seltsamen Kontrast zu Freds Verschwiegenheit über seine Kriegserlebnisse, sagt Stich. «Meine beharrlichen Fragen haben ihn herausgefordert. Einmal hat er gesagt, er fühle sich dabei wie vor einem Gericht.»

Auch im Film bleiben Fragen offen. «Die Kehrseite von Freds Erfolgsgeschichte in den USA sind diese verdrängten Kriegserlebnisse, von denen er auch seiner Familie nie erzählt hat», sagt Stich.

Das Glück gefunden

Fred Ruckli ist kein Einzelfall. Bis hin zum Vietnam-Krieg wurden in den USA zahlreiche Schweizer und andere Ausländer zum Krieg eingezogen. Er gehört zur letzten Generation von Schweizern, die aus wirtschaftlichen Gründen auswanderte, und zur ersten, die dies mit dem Flugzeug tat.

Der Film lebt allerdings weitgehend vom Charme, Humor und der Zufriedenheit des heute 74-jährigen Amerika-Schweizers, der bereitwillig und stolz erzählt, wie er es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu etwas gebracht hat.

Trotz des erzwungenen Kriegsdienstes bleibt sein Verhältnis zu den USA ungebrochen. Dies mag daran liegen, dass die USA in den 50er-Jahren international noch besser angesehen waren, oder aber daran, dass Fred seine Dankbarkeit an das Land wendet, in dem er das Glück gefunden hat.

swissinfo, Susanne Schanda

Der Dokumentarfilm «Citizen Fred» ist dieses Jahr in zahlreichen Kinos der ganzen Schweiz gelaufen.
Der Film kann als DVD bei www.artfilm.ch bestellt werden.
Am 28. September 2007 um 19 Uhr wird der Film im Goethe-Institut in San Francisco (530 Bush Street) vorgeführt, auf Einladung des Schweizer Clubs, des Schweizer Generalkonsulats und des Goethe-Instituts.

Der 1960 in Stans geborene Theo Stich arbeitete nach dem Studium der Geschichte, der deutschen Literatur und Philosophie vorerst am Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich und als Redaktor und Realisator beim Schweizer Fernsehen.

Seit 1996 ist er freischaffender Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen.

Zu seinen jüngsten Filmen gehören neben «Citizen Fred» der Film «Kims Reich – unterwegs in Nordkorea» (2006) und der dokumentarische Kriminalfilm «Vollenweider – die Geschichte eines Mörders» über den 1940 in Obwalden hingerichteten Mörder Hans Vollenweider (2004).

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