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Mario Cortis Ausflug ins Genossenschaftsleben

Mario Corti präsentiert an der Aktionärsversammlung vom 25.04.2001 das neue Logo der SwissairGroup. Keystone

Die Freisprüche vom 7. Juni für alle Angeklagten im Swissair-Strafprozess sind mehrheitlich auf Verständnis gestossen. Nicht so deren Entschädigungen von rund 3 Mio. Franken.

Mario Corti, der letzte Swissair-Chef, soll allein knapp eine halbe Million erhalten. In diesem Zusammenhang gerät eine Episode aus Bex, dem ehemaligen Wohnort Cortis, zur Posse.

Corti, der bereits vor seinem Amtsantritt bei der Swissair 12 Mio. Franken kassiert hatte, war vor dem Gericht in Bülach überzeugend als Opfer böser Mächte, zum Beispiel der Grossbank UBS, aufgetreten.

Dazu hatte er leichten Zweifel an der Justiz geäussert. Und überhaupt: Menschen, ob Angeklagte oder Ankläger, seien halt unvollkommen.

Die Vorgeschichte

Vor seinem Swissair-Job ist Mario Corti Finanzchef beim weltweit grössten Nahrungsmittelkonzern Nestlé und wohnt in Bex, im Waadtländer Chablais.

Dort kauft er 1996 die Villa Sérényi, in welche er mehrere Millionen Franken investiert.

Das Sponsoring-Gesuch

Eine Gruppe von lokalen Filmfans, die sich für eine Renaissance des Kinos in Bex engagiert, macht sich im Zusammenhang mit dem illusteren Einwohner Sponsoren-Hoffnungen und bittet im Juli 1997 den im nahen Vevey ansässigen Multi Nestlé um einen Beitrag an das Projekt.

Nestlé winkt ab, wie die Westschweizer Zeitung 24 heures in ihrer Beilage «Riviera-Chablais» später berichtet. Grund: Das Projekt passt nicht ins Sponsoring-Konzept von Nestlé.

Ein Gemeindepolitiker von Bex bittet Mario Corti, beim Konzern ein gutes Wort einzulegen. Wieder heisst es Nein in Vevey.

Der Genossenschafter

Jetzt engagiert sich Corti persönlich für das lokale Kino-Projekt der Genossenschaft «Grain d’Sel» (Salzkorn).

Er unterzeichnet drei Anteilscheine à je 100 Franken. Mit diesem Beitrag wird der Millionär Genossenschafter.

Der letzte Swissair-Kapitän

2001 verlässt Corti Nestlé und tritt im März sein Amt als letzter Präsident und operativer Chef der SAir Group an.

Vor dem Amtsantritt bei Swissair lässt er sich sein Entschädigungspaket für fünf Jahre (Salär, Pensionskassen-Zahlungen und mittlerweile wertlose Swissair-Optionen) gutschreiben. Noch vor seinem ersten Arbeitstag kassiert er 12 Mio. Franken.

Ein Schritt, den Corti später anlässlich des Swissair-Prozesses in Bülach gegenüber dem SonntagsBlick bereut. Kernbotschaft: Wenn Corti Fehler gemacht haben sollte, dann steht er dazu.

Das Debakel

Am 2. Oktober 2001 fliegt die Swissair nicht mehr, ihre Flotte liegt am Boden: Grounding – die grösste Pleite in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte ist Tatsache. Eine Pleite, welche die Steuerzahler rund 300 Franken pro Kopf kostet.

Inzwischen sogar noch ein bisschen mehr, weil die Prozess-Entschädigungen von fast 3 Mio. Franken dazu kommen.

Der Rückzug

Knapp ein Jahr nach dem Swissair-Grounding, am 2. September 2002, erhält die Genossenschaft «Grain d’Sel» einen Brief von Mario Corti, in dem er wegen seines Wegzugs aus Bex – er siedelt nach Boston in den USA um – seinen Rücktritt als Mitglied der Genossenschaft bekannt gibt.

«Un solde éventuel des 3 parts sociales 9, 10 et 11 est à rembourser sur mon CCP… – Ein allfälliger Restbetrag aus den 3 Anteilscheinen 9, 10 und 11 ist auf mein Postcheckkonto…zurückzuzahlen», schreibt Corti. Die drei Genossenschaftsanteile sind im Couvert beigelegt.

Der scheidende Genossenschafter dankt der Genossenschaft für ihre «löbliche Initiative» und wünscht ihr für die kommenden Jahre Erfolg.

Die Reaktion

Am 8. Dezember 2002 antwortet die Genossenschaft «Grain d’Sel» Mario Corti und schreibt: «Auf ethischer Ebene versteht unser Komitee kaum, dass eine Person Ihres sozialen Ranges eine Summe zurückverlangt, die – so hoffen wir es – Ihren Lebensstandard nicht verändert.»

Und weiter: «Gemäss Art. 865 des Obligationenrechts teilen wir Ihnen mit, dass Sie kein Recht auf Anteil am sozialen Kapital der Genossenschaft haben.»

«Was damals viel zu reden gab, war der Absender-Stempel SAirGroup auf dem Brief und auf dem Umschlag», so Michel Baeriswyl, Gründungsmitglied der Kino-Genossenschaft in Bex, gegenüber swissinfo und 24heures.

Das Missverständnis

Über diesen Brief der Genossenschaft in Bex ist Mario Corti noch heute verärgert, wie er gegenüber swissinfo sagt. Er habe die Kino-Initiative immer sehr gut gefunden und sie deshalb mit seinen Anteilscheinen unterstützt.

Er habe überhaupt nicht im Sinn gehabt, seine 300 Franken für die Anteilscheine zurück zu verlangen. Nach dem Entscheid, von Bex wegzuziehen, habe er alle Organisationen, Vereine oder Genossenschaften schriftlich um eine Klärung seines finanziellen Engagements gebeten.

Corti mag sich nicht mehr daran erinnern, dass er diese private Angelegenheit auf SAirGoup-Briefpapier geschrieben hat. Wenn dies der Fall gewesen sein sollte, dann sei das sicher ein Irrtum seines Sekretariates gewesen, sagt er.

Der Tritt ans Schienbein

Und überhaupt: Wegen des damaligen ungeheuren Drucks von allen Seiten auf ihn wegen der Swissair-Geschichte sei eine Übersicht über alle Angelegenheiten fast unmöglich gewesen, so Corti gegenüber swissinfo.

Er empfinde die ganze Geschichte als an den Haaren herbeigezogen. Er habe das Kino in Bex immer unterstützt. Dass am Schluss Leute, die man unterstützt habe, einem noch einen Tritt ans Schienbein geben würden, finde er nicht gerade fein.

Übrigens: Der Brief Cortis an die Genossenschaft «Grain d’Sel» sowie deren Antwort darauf befinden sich noch heute als «Souvenir» im Büro des Kinos in Bex.

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

Der Zusammenbruch der Swissair ist die grösste Pleite in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte und eine der grössten auch auf europäischem Niveau.

Die Bemühungen, die Schweizer Fluggesellschaft zu retten, verschlangen rund 4 Mrd. Franken – private und öffentliche Mittel. Daraus resultierte die Gründung der Nachfolge-Gesellschaft Swiss.

Rund 9000 Arbeitsplätze gingen wegen des Konkurses verloren. Ein Teil der ehemaligen Swissair-Angestellten wurde von der Swiss übernommen, die 2005 ihrerseits von der deutschen Fluggesellschaft Lufthansa übernommen wurde.

In der Liquidationsphase haben über 13’000 Gläubiger Entschädigungen von fast 49 Mrd. Franken gefordert. Der Liquidator hat Forderungen von 9,7 Mrd. Franken zugelassen. Nur 1,6 Mrd. Franken standen zur Deckung zur Verfügung.

Fünf Jahre nach der grössten Pleite in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte hat vom 16. Januar bis 9. März der erste Strafprozess gegen 19 ehemalige Swissair-Verantwortliche stattgefunden.

Die Bekanntesten sind der letzte Chef der Swissair, Mario Corti, der ehemalige Konzernchef Philippe Bruggisser, der ehemalige SAirGroup-Verwaltungsratspräsident und Konzernchef Eric Honegger, sowie die früheren Verwaltungsräte Thomas Schmidheiny, Vreni Spoerry, Lukas Mühlemann und Benedict Hentsch.

Alle Angeklagten wurden am 7. Juni vollumfänglich frei gesprochen. Zudem wurden ihnen Entschädigungen in der Gesamthöhe von rund 3 Mio. Franken zugesprochen. Mario Corti allein erhält 488’681 Franken.

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