Ökonom will Wissenschafts-Kluft überbrücken
Der neue Leiter der Konjunkturforschungs-Stelle der ETH (KOF), Jan-Egbert Sturm, will den Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft überbrücken.
Die sich rasch entwickelnde Wissenschaft mache diese Kluft immer grösser, sagt der 36-jährige Niederländer im swissinfo-Gespräch.
Sturm tritt im Oktober die Nachfolge von Bernd Schips an, der 12 Jahre lang Leiter der KOF war. Zur Zeit lehrt Sturm an der Universität Konstanz in Deutschland und ist gleichzeitig Direktor des Finanz-Instituts Thurgau (FITg) in Kreuzlingen.
Der neue KOF-Leiter bezeichnet sich selber als angewandten Makro-Ökonomen, der sich umfassende Fragen zur Wirtschaft stellt und Theorien empirisch überprüft.
swissinfo: Wie sehen Sie ihre Rolle als neuer KOF-Chef?
Jan-Egbert Sturm: Eine wichtige Aufgabe der KOF ist es, die Öffentlichkeit über wirtschaftliche Entwicklungen zu informieren. Um das zu tun, muss die KOF gut verankert sein in der akademischen Welt. Das heisst: Einerseits müssen wir sehr wissenschaftlich ausgerichtet sein, müssen im akademischen Milieu mithalten; andererseits müssen wir die Entwicklungen in der Wissenschaft in Worte fassen, die für ein breites Publikum verständlich sind.
Was auch immer in der Wirtschaftswissenschaft passiert, wir müssen es in eine Form übersetzen, die es Politikern und der Gesellschaft erlaubt, das Ganze als wertvolle Information zu gebrauchen. Für mich ist diese Überbrückungsfunktion sehr wichtig.
swissinfo: Es ist sicher noch zu früh zu sagen, wie Sie das KOF-Schiff steuern wollen. Trotzdem: Welchen Eindruck haben Sie von Ihrem neuen Posten?
J.-E. S.: Die KOF ist in der Schweiz gut verankert. Das ist sehr wertvoll, und das sollten wir erhalten. Es ist wichtig, dass die Arbeit der KOF von der Gesellschaft gutgeheissen wird. Denn die KOF arbeitet bis zu einem gewissen Grad mit öffentlichen Geldern, und deshalb muss die Gesellschaft von unserer Tätigkeit auch profitieren können.
swissinfo: Viel wurde geschrieben über die Schwäche des Schweizer Wirtschaftswachstums im vergangenen Jahrzehnt. Was sind die Gründe für diese Schwäche?
J-E. S.: Vom Material, das ich bisher studiert habe, schliesse ich auf fehlende Konkurrenz im Schweizer Markt selber. Die Schweiz ist ein relativ kleines Land.
Wenn man den Zustand und die Entwicklungsstufe einer Wirtschaft anschaut, deutet das oft darauf hin, dass es in gewissen Märkten nur wenige Anbieter gibt, wenn es keine ausländischen Mitbewerber gibt.
Nehmen wir an, es gäbe keine Konkurrenz aus dem Ausland. Dies besagt, dass es Märkte wie den Telekom-Markt gibt, wo es nur zwei, drei oder sogar nur einen Anbieter gibt. In diesem Fall gibt es gar keine Konkurrenz.
Wenn es nur wenige Anbieter sind, ist auch die Konkurrenz gering. Nur wenn es viele Konkurrenten gibt, spielt der Wettbewerb wirklich, was die effizienteste Situation in der Ökonomie ist.
Konkurrenz garantiert effizienten Einsatz der Ressourcen und ist Anreiz für Innovationen. Das fördert das Wachstum. Darum brauchen wir viel Konkurrenz. Wenn der Schweizer Markt zu klein ist, um diese zu schaffen, müssen wir ausländische Anbieter hereinlassen. Das ist das Hauptargument.
swissinfo: Malen wir nicht allzu schwarz, was die Schweizer Wirtschaft angeht. Wir haben von den Schwächen der Schweizer Wirtschaft gesprochen, hat sie auch Stärken?
J-E. S.: Ihre Stärke ist die Flexibilität, die man beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt sieht. Wenn man Deutschland mit der Schweiz vergleicht, ist es offensichtlich, dass ich den Schweizer Arbeitsmarkt bevorzugen würde.
Die Arbeitlosenquote ist viel, viel tiefer in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, vor allem Deutschland.
swissinfo: Viele Schweizerinnen und Schweizer beklagen, dass die Preise in Deutschland bis zu 30% billiger sind. Ihr Institut liegt nur einen Steinwurf weit vom deutschen Konstanz entfernt. Wie sehen Sie das? Kaufen Sie meistens in Deutschland ein?
J-E. S.: (lacht) Als Ökonom kaufe ich dort, wo es am billigsten ist. Oder ich brauche gute Gründe, warum die Preise in der Schweiz so viel höher sind. Es muss einen zusätzlichen Nutzen für den höheren Preis geben. Es ist sehr erstaunlich für einen Ökonomen der so nahe an der Grenze wohnt, wie die Preisunterschiede so lange Bestand haben können.
Wenn ich ausländische Ökonomen aus dem Ausland zu Gast habe, staunen auch sie über die grossen Unterschiede in den Läden, die keine 100 Meter auseinander stehen, aber eine Grenze dazwischen haben. Sie können nicht erklären, was hier vor sich geht. Es ist wahrlich erstaunlich.
swissinfo: Was müssen Sie noch über die Schweiz lernen?
J-E. S.: Viel. Ich bin in den Niederlanden aufgewachsen. Vier Jahre lang lebte ich in Deutschland und jetzt komme ich in ein neues Land. Ich weiss einiges über die Schweiz, aber ich weiss nicht genau, wie die Schweizer Gesellschaft tickt und das muss ich, nehme ich an, aus Erfahrung lernen.
swissinfo-Interview: Robert Brookes
(Aus dem Englischen von Jean-Michel Berthoud und Philippe Kropf)
Jan-Egbert Sturm hat einen Lehrstuhl für «Monetäre Ökonomik offener Volkswirtschaften» an der Universität Konstanz in Deutschland.
Er ist Direktor des Finanz-Instituts Thurgau (FITg) in Kreuzlingen.
Sturm lehrte und forschte an der Universität München, am Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München und der Universität Gröningen in den Niederlanden.
Die Konjunkturforschungs-Stelle der ETH Zürich (KOF) liefert Informationen im Bereich der Wirtschafts- und Konjunktur-Forschung.
Die KOF gilt als eine der wichtigsten Forschungs-Stellen in der Schweiz, das Konjunktur-Barometer gilt als wichtiger Indikator des Zustands der Schweizer Wirtschaft.
Sturm tritt die Nachfolge von Bernd Schips an, der nach 12 Jahren an der Spitze der KOF abtritt.
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