Standortvorteile unter Druck
Ausländische Firmen arbeiten gerne in der Schweiz. Die Behörden sollten das aber nicht als selbstverständlich hinnehmen, warnt eine Studie.
Die Schweiz müsse die Bedürfnisse der ausländischen Betriebe verstehen und attraktive Konditionen für ein langfristiges Verweilen sicherstellen.
Die Studie, gemeinsam produziert von der Handelskammer USA-Schweiz und der Boston Consulting Group in Zürich, präsentiert eine Reihe von Vorschlägen, welche die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz gegenüber anderen europäischen Konkurrenten sicherstellen könnten.
Unter dem Titel «Ausländische Firmen in der Schweiz – der vergessene Bereich» räumt die Studie mit dem Mythos auf, ausländische Firmen kämen allein wegen steuerlicher Vorteile in die Schweiz.
Martin Naville, Vorsitzender der Handelskammer USA-Schweiz, erklärt dazu gegenüber swissinfo, dass dies oft falsch verstanden werde: «Eine weit verbreitete Meinung sagt, es handle sich dabei um Nutzniesser und Profiteure, die allein wegen der Steuervorteile hierher kommen.»
Das war einmal…
Dieser Gesichtspunkt stimmt nicht mehr und zeige nicht die tatsächliche Situation auf, meint Naville.
Die Studie zeigt zum Beispiel, dass ungefähr 10% des Schweizerischen Bruttoinlandprodukts (BIP), über 40 Mrd. Franken, direkt oder indirekt durch ausländische Firmen generiert werden.
Das ist mehr als die ganze Schweizerische Maschinenindustrie dazu beiträgt, notabene die grösste Exporteurin des Landes.
Ausländische Firmen werden immer wichtiger für das Wachstum. So wurde in den vergangenen acht Jahren nahezu ein Viertel des Wirtschaftswachstums in der Schweiz von ausländischen Firmen generiert.
Naville fügt hinzu, dass ausländische Unternehmen weder politisch noch durch einen Verband vertreten würden.
Ideen
Die Studie schlägt vor, dass die Behörden solche ausländische Firmen als wichtige Mitwirkende der Schweizer Wirtschaft und deren Wachstum sehen.
«Ausländische Firmen überprüfen ihre Standortentscheide alle drei bis fünf Jahre. Deshalb müssen wir unsere Steuervorteile beibehalten, die wir gegenüber anderen Standorten haben,» so Naville.
«Weiter müssen wir daran arbeiten, dass es einfacher wird, Abkommen mit der Regierung und vor allem den Kantonen zu treffen, was extrem mühsam ist.»
Naville möchte auch die Mehrwertsteuer vereinfachen und andere Dinge, welche ausländische Unternehmen verwirren.
Die Studie kommt weiter zum Schluss, dass Verbesserungsbedarf bei der Erteilung von Arbeitsgenehmigungen und Visa besteht.
Ausländische Unternehmen wären auch froh um mehr internationale Flüge von und in die Schweiz, mehr internationale Schulen, Tagesstätten für Kinder und verbesserte Wohnmöglichkeiten.
Die Studie ist Teil eines Projekts, das 2007 und 2008 noch weitere Berichte publizieren wird. Ziel: Die Wettbewerbsposition der Schweiz in Europa einordnen und spezifische Ideen entwickeln, um die Schweizer Position im Rennen um ausländische Unternehmen zu verbessern.
swissinfo, Robert Brookes
(Übertragen aus dem Englischen: Etienne Strebel)
In der Schweiz arbeiten mehr als 6500 ausländische Unternehmen.
2003 beschäftigten ausländishce Firmen in der Schweiz rund 210’000 Menschen – rund 7% aller Beschäftigten.
Die Produktivität ausländischer Unternehmen liegt rund 20% über dem Schweizer Durchschnitt.
Der US-Biotechnologie-Riese Amgen hat im Januar Irland als neue Produktions-Stätte der Schweiz vorgezogen.
Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt auf, dass die Schweiz ihre Steuervorteile gegenüber den anderen Mitbewerbern aus Europa langsam einbüsst.
Die Schweiz profitiert von ausländischen Firmen weil diese Arbeitsplätze schaffen, Investitionen tätigen und Steuern zahlen (auch ihre Angestellten). Zudem haben sie einen positiven Einfluss auf die Schweizerische Handelsbilanz.
Die Autoren der Studie sagen, dass zwei Drittel der über 100 befragten Firmen mindestens alle 10 Jahre Entscheide über ihren Standort fällen.
So kann es für die Schweiz im mittel- bis langfrisitigen Bereich schwierig werden, ihren Vorteil gegenüber anderen europäischen Landern zu verteidigen.
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