Suche nach Substanz in Davos
"Ermüdende Floskeln, überforderte alte Garde, Suche nach inhaltlicher Substanz, Eiertanz, Spielwiese für Mächtige": Nach dem Weltwirtschaftsforum sucht die Schweizer Presse verkrampft nach Resultaten oder zumindest Anhaltspunkten, die einen Ausweg aus der Krise andeuten könnten.
Man müsse ja nicht wie der Schweizer Systemkritiker Jean Ziegler gleich von Davos als dem «Ball der Vampire» sprechen, schreibt die Agentur dpa.
Doch die Rat- und Hilfslosigkeit in nahezu allen der 200 Gesprächsrunden über fünf Tage zeige, dass die alten Davoser Rezepte nicht mehr wirken, dass aber auch die alten Köpfe sich schwertun mit neuem Denken.
Das gebetsmühlenartige Aneinanderreihen von Floskeln wie «Vertrauen wiederherstellen», «globale Lösungen suchen», «Schulden wieder abbauen», «Protektionismus verhindern», «Bad Banks gründen» habe bei manchen Forumsteilnehmern zu Ermüdungserscheinungen geführt.
Es sei deutlich geworden, dass die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft überfordert seien, den Gau des derzeitigen Wirtschafts- und Finanzsystems zu meistern.
Diesjähriges Motto suggerierte Lösungsansätze
«Man ist immer noch bei der Ursachenanalyse der Finanzkrise», schreibt Der Bund. Die Welt lasse sich nicht auf Kommando retten. Dabei seien gerade dieses Jahr die Erwartungen ans WWF hoch gewesen. Das Motto «Die Welt nach der Krise formen» habe Lösungsansätze suggeriert.
Doch es hätte weder neue Erkenntnisse noch Durchbrüche gegeben in Davos.
Auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) fragt sich, was an inhaltlicher Substanz denn bleibe, jetzt, wo sich der Geist von Davos verflüchtige. Dieses Jahr sei das Forum inhaltlich gestrafft und esoterisch-pseudophilosophische Grenzzonen seien eingeschränkt worden.
Auch die Hollywood-Präsenz sei bescheidener geworden. Die NZZ ist erfreut, dass es in Davos zumindest nicht zur «beängstigend populär gewordenen Globalisierungsskepsis» gekommen sei. Aber sonst spricht auch die NZZ von Ratlosigkeit und Fehlen konkreter Handlungsanweisungen.
Dasselbe wie im Vorjahr?
Es sei sogar der Eindruck entstanden, «von den gleichen Personen wie im Vorjahr die gleichen Argumente wie in den Vorjahren vorgetragen zu bekommen.»
Im Gegensatz zur Deutschschweizer Presse sieht das Westschweizer Wirtschaftsmedium L’Agefi ein konkretes Resultat: «Die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft ziehen die Lektion aus der Krise – Sie werden künftig besser zusammenarbeiten.»
Davos habe die Botschaft nach mehr Bescheidenheit ausgesendet, um das Vertrauen in das System des Kapitalismus wieder zu gewinnen, das knapp an der totalen Selbstblockierung vorbei gegangen sei.
L’Agefi zitiert den Davoser Moderator Martin Wolf, Kolumnist der Financial Times, mit den Worten: «Die WEF-Teilnehmer haben zugegeben, nicht sehr viel zu wissen – was doch an sich schon einen seriösen Fortschritt darstellt.»
Hoffnungsschimmer in Grau
«Etwas Hoffnung im grauen Alltag» sieht auch die Tribune de Genève: «Das Wochenende war sowohl beim WEF in Davos als auch beim Anti-WEF in Genf von einem Sinn für Verantwortung geprägt – etwas ziemlich Seltenes, das es festzuhalten gilt.»
Denn Genf kam diesmal nach den grossen Demonstrationen am See ohne grossen Schaden davon – laut Tribune könne man sich dazu selbst gratulieren.
Auch in Davos habe man die absurden Seiten der Globalisierung verurteilt, ohne jedoch ein Mea Culpa folgen zu lassen (das heisst sich selbst mitanzuklagen).
Die Westschweizer Zeitung macht auch auf die Gefahr eines Protektionismus aufmerksam – dieser würde laut Tribune «alle Bemühnungen zunichte machen.»
Protektionismus als Versuchung
Auch Le Temps spricht von der «Versuchung des Protektionismus». Es sei schon eine gute Nachricht, dass in Davos zumindest das bestehende Antikrisen-Instrumentarium nochmals resümiert worden sei. Und: Das WEF engagiere sich, um den weltweiten Handel zu unterstützen. «Hinter der Entwicklung aller Volkswirtschaften steht notwendigerweise der Welthandel. Auch darf nicht vergessen werden, dass Welthandel auch friedensstiftend wirkt.»
Le Temps warnt vor den Versuchungen des Protektionismus: In London, Brüssel und Washington hätten sich die Lobbies der Strasse schon formiert – und die aufstrebenden Länder der Dritten Welt seien stark beunruhigt.
Die Kapitalflüsse in den Süden werden dünner, der Zugang zu den Märkten des Nordens schwieriger. 1929, so warnte in Davos ein Brasilianer, hätte der Protektionismus die Rezession in eine Depression münden lassen. Deshalb müsse man dieser Versuchung dieses Mal widerstehen.
swissinfo, Alexander Künzle
«Die Elite in der Krise», schreibt die Süddeutsche Zeitung zu Wochenbeginn. Und fragt sich: «Sind die Eliten bereit, eigene Fehler einzugestehen? Sind Sie gar zu einer Umkehr bereit? (…) Vermutliche sind sie es weniger, als viele jetzt behaupten».
Am WEF in den Schweizer Bergen sei immer schon viel gedacht und vor allem geredet worden, «aber die Welt ist darüber noch nie schlagartig anders geworden.»
Die Süddeutsche erinnert an das «grüne» Davos vor einigen Jahren. In der Folge sei der internationale Umweltschutz erst einmal auf der Stelle getreten.
Vor einem Jahr hätten die US-Wirtschaftsbosse in Davos «ein unerträgliches Selbstbewusstsein» gezeigt. Und was kam? Die Krise!
Die Zeitung folgert deshalb: Wenn man Davos als Kontraindikator versteht, liesse sich fast wieder Hoffnung schöpfen!»
Die International Herald Tribune beklagt sich, dass auch dieses Jahr die USA in Davos kritisiert worden seien – in einer Art, die an die Bush-Jahre erinnert habe. Nur ging die Kritik diesmal nicht in Richtung US-Diplomatie, sondern in Richtung des US-Wirtschaftsdebakels.
Die Administration Obama müsse einsehen, dass der neue US-Präsident zwar international einen hohen Goodwill geniesse, dass aber der «Rest der Welt» es nicht eilig habe, zu vergessen und vergeben. Und dass man sich nun stark vor einem möglichen US-Protektionismus fürchte.
Trotz Versprechen rund um den freien Welthandel habe sich in Davos gezeigt, dass zwischen den USA und den anderen die Welt geteilt bleibe.
Das World Economic Forum wurde 1971 als «Management Symposium» von Klaus Schwab gegründet.
Das WEF ist eine nicht profit-orientierte Stiftung nach Schweizer Recht. Sie setzt sich für ein Unternehmertum im globalen öffentlichen Interesse ein. Die von rund tausend Mitgliederfirmen getragene Stiftung hat ihren Sitz in Cologny, Genf.
Die Organisation sieht sich als Dialog-Plattform zwischen Entscheidungsträgern, als Hilfsinstrument für strategische Entscheide und als Katalysator für verschiedene Initiativen, die den «Zustand der Welt» verbessern wollen.
Das WEF organisiert weltweit Symposien, fördert Initiativen und Arbeitsgruppen, realisiert Studien und schlägt Master-Programme vor.
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