Swissair und Belgien einigen sich über Sabena
Die Swissair Group und die belgische Regierung haben sich nach wochenlangem Streit über die Zukunft der Sabena geeinigt. Swissair muss eine Finanzspritze vor rund 390 Mio. Franken einschiessen, dafür nicht die Mehrheit an Sabena übernehmen. Die Klagen gegen Swissair werden zurückgezogen.
Wie die Swissair am Dienstagabend (17.07.) mitteilte, haben die Swissair und Belgien als Hauptaktionäre vereinbart, 650 Mio. Franken in die Sabena zu investieren. Der Betrag wird in vier Raten über die nächsten zwei Jahre gezahlt. Swissair bezahlt 60 Prozent und der belgische Staat 40 Prozent der Kosten. Die erste Rate ist im kommenden Oktober fällig.
Die belgische Regierung und die Sabena ziehen gemäss der Mitteilung ihre hängigen Klagen gegen die Swissair Group mit sofortiger Wirkung zurück.
«Allerletzte Finanzspritze»
Die neue Vereinbarung hebt den am 25. Januar vom damaligen Swissair-Verwaltungsratsrpäsidenten Eric Honegger unterzeichneten Vertrag auf, in dem sich die Swissair verpflichtet hatte, ihren Anteil an Sabena auf 85 Prozent zu erhöhen.
Rund 390 Mio. Franken wird die Swissair Group nun also bezahlen. Deutlich mehr als das letzte (öffentlich gewordene) Angebot von 250 Millionen Anfang Juli. Dennoch sprechen die Swissair-Verantwortlichen von einem guten Abkommen. Über die am Dienstag beschlossene Vereinbarung hinaus hätten weder die Swissair noch der belgische Staat eine Verpflichtung, Sabena weiterhin zu finanzieren. «Es ist die allerletzte Finanzspritze für Sabena», sagte Swissair-Sprecher Rainer Meier gegenüber SF DRS.
Die auf Grund der Vereinbarung entstehenden Kosten seien bereits in der Jahresrechnung 2000 der Swissair zurückgestellt worden, heisst es weiter in der Mitteilung. Für den Rückzug aus Verlust bringenden Ausland-Engagements waren damals insgesamt 2,4 Mrd. Franken zurückgestellt worden.
Die von Sabena-Chef Christoph Müller für die Jahre 2001 bis 2005 vorgesehenen Restrukturierungs-Massnahmen sollen nach Angaben der Swissair und der belgischen Regierung wie geplant durchgeführt werden, um die Sabena in die Gewinnzone zurückzuführen.
Swissair übernimmt neue Flugzeuge
Zugleich hat die Swissair Group zugesichert, die neun von Sabena bestellten Flugzeuge Airbus A319/A320 zu übernehmen. Diese sollen im Jahr 2002 geliefert werden. Zu den Übernahmekosten der Flugzeuge hat Swissair nichts bekannt gegeben. Nach Angaben von Swissair-Sprecher Jean-Claude Donzel werde versucht, diese Flugzeuge im Rahmen von Flightlease abzustossen.
Mario Corti zufrieden
«Ich bin zufrieden, dass wir eine Vereinbarung zur Lösung der Situation bei Sabena mit der belgischen Regierung treffen konnten», wird Swissair-Chef Mario Corti in der Mitteilung zitiert. Die Vereinbarung entlasse die Swissair nicht nur aus der Pflicht, den Sabena-Anteil nicht zu erhöhen, sondern auch weitere unbegrenzte Finanzierungshilfen zu leisten.
Die Vereinbarung gebe den Kreditgebern und den Aktionären Klarheit über die Finanzierungs-Verpflichtungen der Swissair. Zugleich beseitige sie die durch die Klagen entstandene Unsicherheit.
Da sich die Zahlungen über zwei Jahre erstreckten, werde die Belastung des Cashflows reduziert. Dies helfe, die finanzielle Lage der Swissair zu stabilisieren, sagte Corti.
EU-konforme Regelung
Auch Rik Daems, der belgische Minister für Telekommunikation und staatliche Unternehmen und Beteiligungen zeigte sich zufrieden: «Es freut mich, dass wir eine Vereinbarung treffen konnten, welche die Finanzierung für den Geschäftsplan 2001 bis 2005 sichert.» Entscheidend sei, dass die Vereinbarung mit den EU-Reglementen konform sei.
Der 60-Prozent-Beitrag der Swissair bei der Finanzierung und die Übernahme eines grossen Teils des Airbus-Protfolios zeige, dass die Swissair Group ihre Verantworung übernehme.
Verhaltene Zufriedenheit bei Gewerkschaftsvertretern
Noch nicht alle Probleme seien gelöst, sagte Jan Coolbrandt von der christlichen CSC. Man sei zufrieden über die grosse Anstrengung, die Swissair unternehme, so Coolbrandt weiter. Andererseits sei es aber normal, dass diejenigen, die Fehler gemacht hätten, auch die Verantwortung übernähmen: «Es besteht kein Grund, Heureka zu rufen.»
Kritisch reagierte Coolbrandt zudem darauf, dass der Minister für öffentliche Beteiligungen, Rik Daems, bereits am Dienstagabend am belgischen Fernsehen über die Umsetzung des Sabena-Businessplans sprach: Die Gewerkschaften hätten bisher von dem Plan noch gar nicht Kenntnis nehmen können.
swissinfo und Agenturen
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