Amerikanischer Käfer frisst europäischen Mais
Amerikas Maisschädling Nummer eins - der Maiswurzelbohrer - treibt seit rund einem Jahrzehnt auch in Europa sein Unwesen.
In der Schweiz ist die Situation offenbar unter Kontrolle. Die Forschung arbeitet an biologischen Gegenmassnahmen.
Der Mais gehört in der Schweiz seit den sechziger Jahren zu den wichtigsten Kulturpflanzen. Die Schweizer Landwirte bauen auf ungefähr einem Fünftel der offenen Ackerfläche (rund 62’000 Hektaren) Mais an.
Praktisch der gesamte in der Schweiz produzierte Mais wird in Form von Silo- oder Körnermais als Tierfutter verwendet. Der Mais für die menschliche Ernährung stammt – weil billiger – fast vollständig aus ausländischer Produktion.
Belgrad als Ausgangspunkt
Seit 1992 ist der europäische Mais gefährdet. In jenem Jahr entdeckte man beim Flughafen Belgrad, in der Nähe eines Schuppens, wo amerikanische Jagdflugzeuge gereinigt wurden, den Maisschädling Diabrotica virgifera. Zu deutsch: Maiswurzelbohrer.
Ein gefürchtetes Insekt: Während die ausgewachsenen Käfer Blätter und Blüten der Maispflanze befallen, tun sich die Larven an den Wurzeln gütlich. Eine von Diabrotica befallene Mais-Pflanze stirbt früher oder später ab.
In den USA verursacht der usrprünglich aus Mexiko stammende Schädling jährlich bis zu einer Milliarde Dollar Kosten: Ertragsverluste und chemische Bekämpfung.
Befall im Südtessin
In den vergangen 10 Jahren hat sich der Diabrotica-Käfer mit einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 40 bis 80 Kilometer pro Jahr in ganz Europa verbreitet: 1995 tauchte er in Ungarn und Kroatien auf, später in Rumänien, Bosnien, Bulgarien, Montenegro, Italien, der Slowakei, der Ukraine, Österreich. Im August 2001 erreichte er die Schweiz.
«Derzeit kann der Käfer ausschliesslich im Südtessin nachgewiesen werden», sagt Olivier Félix, Leiter der Abteilung Produktionsmittel im Bundesamt für Landwirtschaft, gegenüber swissinfo.
Wie der Schädling genau dorthin gelangte, ist bis heute unklar: Entweder per Flugzeug nach dem Flughafen Agno, oder auf dem Landweg via Oberitalien, wo das Insekt bereits vorher aufgetaucht war.
Der Diabrotica-Käfer gehört zu den so genannten Quarantäne-Organismen. Will heissen: Die Kantone sind verpflichtet, gegen den unerwünschten Gast vorzugehen.
Fruchtwechsel als Lösung
Die Larven des Ungetiers sind nicht eben bewegungsfreudig: Sie kommen nicht weiter als 30 Zentimeter. Finden sie in diesem Umkreis kein Futter, verenden sie.
Diese Beobachtung brachte die Fachleute auf die Lösung des Problems: Fruchtwechsel. In den befallenen Gebieten im Tessin wurden die betroffenen Bauern angewiesen, auf demselben Grundstück nicht zwei Mal nacheinander Mais anzupflanzen.
«Wenn das Gebot des Fruchtwechsels befolgt wird, löst sich das Problem von selbst», ist Félix überzeugt. Und: «Mit einer weiteren Verbreitung des Schädlings ist in der Schweiz nicht zu rechnen.»
Genmanipulierter Mais für Monokulturen
Auf den amerikanischen – und auch einigen europäischen – Monokulturen scheint das Prinzip des Fruchtwechsels zur Eindämmung des gefrässigen Käfers wenig realistisch. Unlängst ist deshalb die Forschung für einen genmanipulierten Mais vorangetrieben worden, der gegen den Maiswurzelbohrer resistent ist.
Vermutlich werden bereits nächstes Jahr in den USA zwei neue transgene Maissorten auf den Markt kommen.
Biologische Schädlings-Bekämpfung
Gibt es in Anbetracht der Monokulturen keine Alternative zu gentechnisch veränderten Organismen? Doch, sagt Stefan Töpfer, Biologe am CABI Bioscience Centre in Delémont, wo seit drei Jahren an einem Projekt zur Diabrotica-Bekämpfung auf biologischer Basis gearbeitet wird.
Das Prinzip ist so einfach wie effizient: Töpfer und seine Kollegen suchen im Herkunftsland Mexiko nach natürlichen Feinden des Schädlings und prüfen danach, ob diese in Europa ausgesetzt werden könnten.
«Wir haben in Mexiko eine viel versprechende parasitische Fliege identifiziert», sagt Töpfer. «Wir sind nun daran sicherzustellen, dass sie neben dem Diabrotica-Käfer nicht auch noch andere europäische Insekten befällt. Bisher sieht es gut aus.» Gemäss Töpfer gelangt die biologische Schädlingsbekämpfung aus den Labors des CABI in frühestens drei Jahren auf den Markt.
In Europa ist man gegenüber genmanipulierten Pflanzen überwiegend misstrauisch eingestellt. Das gibt der Fliege aus Delémont gute Chancen, wenn es dereinst darum gehen sollte, sich entweder für eine der neuen Maissorten oder die biologische Schädlings-Bekämpfung zu entscheiden.
swissinfo, Felix Münger
Der Fruchtwechsel ist die wirksamste Methode im Kampf gegen den Schädling.
In den USA ist die Entwicklung von genmanipulierten Maispflanzen weit fortgeschritten, die eine Resistenz gegen den Diabrotica-Käfer besitzen.
In Delémont wird an einer Schädlings-Bekämpfung auf biologischer Basis gearbeitet.
Erstmals 1992 in Belgrad aufgetaucht
Ausbreitungsgeschwindigkeit: 40 bis 80 Kilometer pro Jahr
2001 erstmals in der Schweiz aufgetaucht
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