Charme-Offensive der Gentech-Lobby
Zum fünften Mal machen Gentechniker ihre Labors einem breiten Publikum zugänglich: Während eines Monats finden in sieben Städten die "Tage der Genforschung" statt.
Mit direkten Gesprächen zwischen Forschenden und Publikum sollen Ängste gegenüber der Gentechnik abgebaut werden.
In der Schweiz stossen gentechnisch veränderte Produkte auf starken Widerstand: Umfragen zeigen, dass viele Konsumentinnen und Konsumenten auf solche Nahrungsmittel verzichten möchten.
Verschiedene Bauernverbände und Konsumenten-Organisationen haben im vergangenen Februar eine Volksinitiative «für Lebensmittel aus gentechnikfreier Landwirtschaft» lanciert, die ein fünfjähriges Moratorium vorsieht. Bereits in den ersten Wochen haben fast 70’000 Personen die Initiative unterschrieben.
Forschung in der PR-Offensive
Vor fünf Jahren stimmte die Schweiz bereits über die sogenannte «Gen-Schutz-Initiative» ab, welche Gen-Technik in der Schweiz verbieten wollte. Sie wurde von Volk und Ständen deutlich verworfen.
Nach dieser Abstimmung entdeckte die Forscher-Gemeinde, wie wichtig die öffentliche Meinung ist. Die Forschenden entschieden sich, die «Tage der Genforschung» einzuführen, um den «direkten und kritischen Dialog» zu fördern.
Durchgeführt werden diese in sieben Städten in allen Landesteilen. Rund dreissig Institute, Organisationen und Firmen öffnen ihre Türen dem interessierten Publikum. Die neueste Ausgabe steht unter dem Motto «Gentechnik zum Anfassen».
«Bei der Allgemeinheit ist die Gentechnologie immer noch etwas Verdächtiges», sagt Sandro Rusconi, Professor an der Universität Fribourg und Präsident der «Union Schweizerischer Gesellschaften für Experimentelle Biologie» (USGEB). «Der Begriff ‚GVO‘ wird oft wie das Synonym eines Giftes verwendet», sagt er über die Abkürzung für «Gentechnisch veränderter Organismus».
Weder schwarz noch weiss
«Ich verstehe, dass man Angst haben kann», meint Rusconi, «aber anstatt einfach nur alles schwarz oder weiss zu sehen, sollte man die Bereiche dazwischen berücksichtigen.»
Für ihn können weder die traditionelle Landwirtschaft noch allein die Landwirtschaft mit GVO die Nahrungsprobleme lösen. Er plädiert für einen Ansatz aus beiden Richtungen.
Die juristischen Schritte, mit denen Gentechgegner seit drei Jahren den Freisetz-Versuch von GVO in der Natur durch die ETH Zürich verhindern, verurteilt er als «pathetisch».
Die Zürcher Forscher wollten mit ihrem Feldversuch mit rund 1600 Pflanzen auf wenigen Quadratmetern die Biosicherheit von transgenem Weizen abschätzen. Eine Beschwerde dagegen wurde im März vom Bundesgericht – auf Grund von Verfahrensmängeln bei den zuständigen Bundesämtern – gut geheissen.
«Da wird um Prinzipien gestritten – da wird behauptet, jede genetisch veränderte Pflanze sei zwangsweise böse», donnert Rusconi.
Bio-Tech als Hoffnungsträger
Bei der Gentechnik geht es allerdings nicht nur um die Verbesserung von Pflanzen, beispielsweise die Resistenz gegen Schädlinge. In der Biomedizin hat die Entschlüsselung des Genoms die wissenschaftliche Arbeit revolutioniert.
«Früher jagte man das Gen hinter einer bestimmten Funktion. Heute kennen wir das Gen und suchen seine Funktion», erklärt Rusconi. Er räumt allerdings ein, dass diese Grundlagenforschung der Bevölkerung nur schwierig als sinnvoll zu verkaufen sei. Besonders da die praktische Anwendung davon keineswegs unmittelbar bevorstehe.
Gen-Lobby droht mit Grounding
Er bedauert die Stagnation der Forscherbudgets durch die öffentliche Hand. Die Aufstockung der Gelder, die das Parlament kürzlich beschloss, könne nicht einmal die Zusammenstreichung der Gelder in den letzten zehn Jahren kompensieren.
«Wir sind in derselben Situation wie die Swissair am Abend vor dem Grounding», warnt Rusconi. «Wenn nichts geschieht, steht der Forschungs-Platz Schweiz als Verlierer da.»
Menschenklon: «Beleidigung der Evolution.»
Dass die Gentech-Debatte emotional geführt wird, dürfte von einer tiefsitzenden Furcht her rühren: der Angst vor dem geklonten Menschen.
Davon will der USGEB-Präsident aber nichts wissen. Er wendet sich entschieden dagegen, auch wenn er es nicht ausschliessen kann, dass ein «Spinner das eines Tages probiert».
«Das wäre eine Beleidigung der Evolution», urteilt Rusconi. «Die Natur mischt die Karten prinzipiell neu. Nur wer sich für das perfekte Wesen hält, würde sich klonen wollen.»
Als im letzten Winter Vertreter der Raelier-Sekte behaupteten, das Baby «Eve» geklont zu haben, glaubte er das keinen Moment. «Die Wissenschaftler wissen sehr genau, wozu diese Leute in der Lage sind. Und vor allem, wozu sie es nicht sind.»
swissinfo, Marc-André Miserez
(Übertragung aus dem Französischen: Philippe Kropf)
Institute, Organisationen und Firmen bieten an den «Tagen der Genforschung» vom 10. Mai bis zum 13. Juni «Gentechnik zum Anfassen».
1999 hatten die von der Forschung lancierten Gentage mit Standaktionen ihren Anfang genommen.
In diesem Jahr nehmen bereits 30 Organisationen in sieben Schweizer Städten teil.
Erstmals finden auch Anlässe im Tessin statt.
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