Euro 2008: Städte vor sprachlicher Herausforderung
An der Euro 2008 werden Gäste aus aller Herren Länder erwartet. In Bern, zum Beispiel, sollte man sich mit Holländern, Franzosen und Rumänen verständigen können.
Wer da eine Sprachkurs-Offensive erwartet, hat sich getäuscht. Immerhin gibt es für Dienstleister eine Kampagne, welche die rudimentärsten Empfangssätze in den jeweiligen Sprachen vermittelt.
«Wir sind hier in Bern, da spricht man deutsch!» Diese Antwort bekam kürzlich eine Touristin zu hören, die einen Berner Busfahrer auf Englisch ansprach.
Auch andere Chauffeure sind des Englischen nicht mächtig, geben sich aber immerhin Mühe – zuweilen steigen sie aus ihrem Gefährt und erklären den Gästen gestenreich den Weg.
Immerhin zwei Drittel der Deutschschweizer – und 43% der Romands – fühlen sich imstande, ein Gespräch auf Englisch zu führen. Das zeigt eine Studie des Bundesamts für Statistik (BFS).
Die Resultate sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Denn die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden aus diesen Zahlen nicht ersichtlich, wie Jean-Christophe Zuchuat vom BFS sagt.
Anders ausgedrückt: Das kosmopolitische Zürich hebt den Deutschschweizer Schnitt – dasselbe dürfte für Genf in der Romandie gelten.
Dreimal mehr Gäste möglich
An der Euro werden 400’000 bis 500’000 Gäste in den vier Schweizer Host-Cities Basel, Bern, Genf und Zürich erwartet, wie Schweiz Tourismus schätzt. Allein die Stadt Bern, die im Juni 2007 gut 35’000 ausländische Touristen beherbergte, erwartet eine Verdoppelung bis Verdreifachung der Gäste aus der Fremde.
Da sind Englisch-Kenntnisse der Einheimischen eigentlich gefragter denn je. Grosse Anstrengungen der Bundesstadt sind allerdings nicht in Sicht.
Leitfaden der Touristiker
Bern Tourismus kümmert sich zwar durchaus um die Sprachenfrage, wie Eliane Krebs, Chefin des Projekts «Welcome to Berne», erklärt.
Allerdings beschränkt man sich darauf, ein Blatt herauszugeben, das die wichtigsten Empfangssätze auf Holländisch, Französisch, Italienisch und Rumänisch enthält.
Die Kampagne soll vor allem jene Dienstleister ansprechen, die in direkten Kontakt mit den Fans kommen – also öffentlicher Verkehr, Taxibetriebe, Hotellerie.
Mit Hilfe des Verkehrsvereins sollen sie den Fans ein hochstehendes Angebot anbieten; im Gegenzug winkt ihnen die Auszeichnung mit einem Qualitätslabel.
Auch die Städtischen Verkehrsbetriebe («Bernmobil») machen bei «Welcome to Berne» mit. Sie haben aber nicht die Absicht, ihren Angestellten Englischkurse anzubieten. «Unsere Chauffeure sind schon mit anderen Weiterbildungs-Angeboten beschäftigt, mehr können wir ihnen nicht zumuten», sagt Sprecherin Annegret Hewlett.
Mehr
Vielsprachigkeit
Studenten könnten helfen
Der Detailhandel fasst ebenfalls keine besonderen Massnahmen ins Auge. Das Verkaufspersonal im Wankdorf Center unter dem «Stade de Suisse» erhält ebenfalls bloss die «Welcome to Berne»-Broschüre. An den drei Spieltagen seien die Läden aus Sicherheitsgründen ja sowieso geschlossen, sagt Direktor Peter Baumgartner.
Von den grossen Geschäften der Innenstadt hat der alteingesessene Loeb immerhin die Sprachkompetenzen seines Personals abgecheckt. Weiterbildung wird je nach Bedürfnis ermöglicht. Zusätzlich erwägt man die Einstellung von Studierenden, die das «normale» Personal während der Euro 08 unterstützen können.
Globus schliesslich verweist darauf, dass man sowieso eine internationale Kundschaft habe. Bei der Anstellung von Verkaufspersonal spielten die Englischkenntnisse deshalb schon heute eine immer wichtigere Rolle.
swissinfo und Sandra Porchet, SDA
Die Euro 2008 soll auch als Motivation für den kulturellen Austausch dienen.
So bereiten Volkshochschulen mit Perron 8, der Organisatorin der 16 Public-Viewing-Arenen im Land, ein vielsprachiges Brevier mit Fussball-Ausdrücken und Spielplan zum Ausfüllen vor.
Das Brevier ist der deutschen Fussballfibel für die WM 2006 nachempfunden. Es wird in den Public-Viewing-Arenen und den Volkshochschulen gratis abgegeben.
Rund 100 Volkshochschulen sollen motiviert werden, Sprachkurse in möglichst allen 14 Sprachen anzubieten, welche die 16 Mannschaften in der Endrunde sprechen.
Und die Kundschaft soll ermuntert werden, auch nach der Euro 2008 Sprachen zu lernen.
Weiter bieten einige Volkshochschulen Kurse über Fussballregeln, Fussballgeschichte sowie für Frauen an.
Die Schweiz und Österreich sind als Ko-Organisatoren des Fussball-Ereignisses vom 7. bis zum 29. Juni 2008 automatisch qualifiziert.
Die 31 Spiele werden in 4 Schweizer Städten ausgetragen (Basel, Bern, Genf, Zürich) und in 4 österreichischen (Innsbruck, Klagenfurt, Salzburg und Wien).
Das Finalspiel findet am 29. Juni in Wien statt. Die Schweiz spielt ihre Qualifikationsmatches in Basel.
Die Kosten für die Schweiz werden auf 182,1 Mio. Franken geschätzt. Der Beitrag des Bundes beläuft sich auf 82,78 Mio. Franken.
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